Winnenden

Winkende Blätter unterm Kronenplatz

offspace
Waltraud Kaiser (l.) und Eva Schwanitz (r.) in der Unterführung vor dem Kontrast-Arrangement von Jaro Benoni (Mitte): Oben Idyll, unten Müll. © Schlegel

Winnenden. Aus einem Fenster winken und wedeln Herbstblätter den Passanten zu und lassen sie irritiert-amüsiert innehalten. Im anderen ziehen magisch blaue Atolle den Blick des Urlaubsreifen an. Auch wenn man als Fußgänger schnell über die Ringstraße beim Kronenplatz kommt – ein Gang durch die Unterführung lohnt. Der Kunstsalon präsentiert zwölf neue Hingucker.

Video: Eva Schwanitz stellt die Künstler der zweiten Ausstellung in der Unterführung in Winnenden vor.

Seit Sonntagabend sind die Installationen fertig, die zweite Ausstellung mit dem leider sperrigen englischen Titel „Im Offspace“ ist eröffnet. Mit Offspace bezeichnet man Heruntergekommenes, abbruchreife Häuser zum Beispiel, ganze brachliegende Quartiere, die ihren eigenen Charme haben, aber auch irgendwann neu gestaltet werden. Künstler wie die elf in Winnenden wirkenden um Kunstsalon-Leiterin Eva Schwanitz lenken mit ihren Werken die Blicke auf solche hässlichen Entlein in einer Stadt.

Die nicht an soziale Einrichtungen oder Gewerbetreibende vergebenen oder vermieteten Schaufenster bespielen die Mitglieder mit Freude, begleitet von positiven Reaktionen auf die erste Schau. Im Oktober im Untergrund neu dabei ist Waltraud Kaiser, ihre 100- bis 200-mal überfotografierten Figuren hinter einem Maschendrahtzaun, im Zentrum eine Videokamera, sind zu einer Collage montiert, die die vielen Überwachungssysteme, die Kontrolle und damit verbundenen Machtmechanismen darstellen. „An jedem Tag werden wir mindestens zwölfmal von einer Kamera gefilmt“, sagt sie.

Das Werk von Christoph Kuttner lädt zum Grübeln ein

Jaro Benoni zeigt mit ihren aus der Luft wahrgenommenen Atollen ein Inselidyll ohnegleichen im blau changierenden Ozean, nutzt aber den Boden des Schaufensters zum Nachdenklichmachen: „Mit dem Plastikmüll machen wir solche Naturparadiese kaputt“, sagt die Künstlerin. In den Sand hat sie Netze, Folien und Abfall gemischt.

Kunst-Schüler aller drei vorgenannten Damen war Christoph Kuttner, nun junger Neuzugang beim Kunstsalon. Seine Installation aus rechteckigen Leintüchern, gespannt zwischen Holzrähmchen, könnte ein auseinandergefalteter Lampenschirm oder zerstörter Paravent sein. Das Werk wirkt ästhetisch, lädt aber auch zum Grübeln ein.

Mit einem Querschnitt ihres bald 50-jährigen Schaffens weist Renate Mildner-Müller auf ihre Vielseitigkeit und eine Ausstellung ab 12. Dezember im Rathaus hin. Tusche-Illustrationen im Stil der 60er Jahre, ein Akt, „Don Quichote“ und Schrift-Bilder in Aquarelltechnik rahmen „Robert Walsers Spaziergang“. Mit verspielt-poetischer Ausstrahlung vereint sie viele Motive aus dem Werk des Schriftstellers zu einem Traumbild.

Tempo, Tempo: Alfons Koller und das weiße Rauschen auf der Autobahn

Ähnlich wie Waltraud Kaiser zeigt Alfons Koller eine Montage aus Fotos. Es aber ist neunmal das gleiche Bild von einer Autobahn. Die Farben verschwinden zunehmend, ein weißer Fleck breitet sich aus. War er zu schnell, wurde er geblitzt? Nein, er will mit dem Werk „Flash“ eine Nano-Sekunde sichtbar machen, das ist 0,0000000001 Sekunde. In dieser kurzen Zeit legt Licht eine Strecke von rund 30 Zentimetern zurück. Auch beim Chatten in sozialen Medien oder im Börsenhandel geben Nanosekunden den Takt vor.

Spielerisch und ironisch nimmt Markus Hallstein die aktuelle Jahreszeit als Thema auf. Im Schaufenster befindet sich ein Bewegungsmelder. Sobald jemand vorbeiläuft, schaltet das Gerät neun Motoren ein. Sie bewegen Drähte, an die Markus Hallstein grüne, gelbe und rote Blätter, teils auch Waldbaumfrüchte geklebt hat. Sie wedeln von oben nach unten, von links nach rechts, kreisen oder überlagern sich, schnell und langsam. Fasziniert, vielleicht hypnotisiert, hält der Betrachter inne. Nach einigen Sekunden bleiben die Motoren stehen – man muss weiterlaufen, um der Installation neues Leben einzuhauchen.

Varianten der Vergänglichkeit

Eva Schwanitz, frisch zurück aus Kreta, zeigt Tamarisken der Insel im Holzschnitt und eine große Hibiskusblüte.

Wolfhild Hänsch reizt mit verdrehten Buchstaben zum Rätseln, Waren sind in den Schaufenstern nicht zu sehen. Leere Vitrinen in der Vitrine, die vorher leer war – eine bildgewordenes Wortspiel.

Dorothea Geppert-Beitler legt getrocknete Rosen aus, auf der Staffelei ein bearbeitetes Foto einer Rosenblüte – ein tolles Bild vergänglicher Schönheit.

Elke Lang-Müller variiert Verhüllen und Verbergen mit gerollten, zugeklebten, übermalten Bildern und lädt mit Sammlerstücken zu einer Zeitreise ein.

Holger Krekelers grell-poppige Mädchen-Porträts sind garniert mit Fundstücken und werden ergänzt von Puppenköpfen. Tipp: Suchen Sie den Mann!