Winnenden

Winnenden: Bedarf an Schulsozialarbeit hoch wie nie

Schulsozialarbeit
Aylin Manca ist seit Januar 2021 Schulsozialarbeiterin am Lessing-Gymnasium. © Benjamin Büttner

Vor 15 Jahren waren Schulsozialarbeiter noch Exoten in Baden-Württemberg – und dass Kinder und Jugendliche Hilfe beim psychologischen Berater oder Therapeuten suchen, ein Tabu. Die Zeiten haben sich gewandelt, aktuelle Berichte aus den Schulen lassen dennoch aufhorchen: Noch nie war der offensichtliche Bedarf an Schulsozialarbeit höher als in diesem Schuljahr, berichtet Aylin Manca über ihre Erfahrungen am Lessing-Gymnasium. „Schon kurz nach den Ferien hatte ich fünf, dann zehn Einzelfälle zu betreuen. Stand jetzt bin ich bei 51 von 694 Schülern.“ Und das sei keine Besonderheit dieser Schule, das berichten die Kolleg/-innen von Georg-Büchner-Gymnasium, Geschwister-Scholl-Realschule und Albertville-Realschule gleichermaßen. Doch was heißt das genau, Einzelfallbetreuung durch den Schulsozialarbeiter? Was ist los mit den Jugendlichen?

Spätestens in der siebten Klasse beginnt eine altbekannte Veränderung, die Pubertät. In dieser wichtigen Phase verändert sich die Bindung zu den Eltern, das Kind stellt Fragen an sich selbst, ist mal übellaunig, mal zurückgezogen - recht normale, wenn auch für Erwachsene nicht immer angenehme Zustände. Dauern die psychischen Auffälligkeiten an oder verschlimmern sich in Richtung explosiver Aggressivität oder lähmender Depression, schrumpft der Freundeskreis zusammen, entwickelt das Kind eine Essstörung, kann es nicht mehr schlafen oder hat es Konzentrationsprobleme, so deutet das auf tieferliegende „Themen“ hin, wie die Sozialpädagogen all das neutral bezeichnen. Sie sind nach den Eltern, Freunden oder Lehrern die nächsten, aber eben bevorzugten Vertrauenspersonen, weil sie keine Noten verteilen und keinen Erwartungsdruck aufbauen. Liegt sexueller Missbrauch in der Familie vor, sind sie mithin die wichtigsten Ansprechpartner.

Corona hat die Probleme verstärkt, nun kommen noch Krisen und Krieg dazu

„Die Pandemie hat die Themen noch viel komplexer gemacht“, sagt Aylin Manca. „Es sind Sozialphobien dazugekommen, die Kinder scheuen sich, vor größeren Gruppen zu sprechen. Andere entwickeln psychosomatische Beschwerden.“ Das heißt, sie haben Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Probleme, weil sie sich in der Welt nicht mehr zurechtfinden, der monatelange Mangel an realen sozialen Kontakten außerhalb der Familie zusammenprallt mit Klimakrise und Ukraine-Krieg und Zukunftsängsten. „Das geht keineswegs an den Kindern und Jugendlichen vorbei und kommt zur Pubertät dazu.“ Wenn ein Kind zu Aylin Manca Vertrauen fasst und sich ihr öffnet, bleibt sie Ansprechpartnerin, bis das Kind weitere Hilfe in Anspruch nehmen kann, oft sogar noch, wenn die Therapie begonnen hat: „Ich kenne seine Themen schon und das Kind kann mit mir die Gespräche reflektieren.“ Übrigens unterliegt Aylin Manca der Schweigepflicht, die nur durch Zustimmung des Schülers gegenüber Eltern gelockert wird. Das Kinder- und Jugendschutzgesetz sieht vor, dass Jugendliche eine kostenlose Beratung und Therapie bekommen, wenn nötig auch ohne Zustimmung der Eltern.

„Derzeit warten Kinder aber durchschnittlich sechs bis neun Monate auf einen Termin für ein Erstgespräch bei einem Therapeuten.“ Dieses Beschnuppern muss sein, Klient und Therapeut sollten zueinander passen. „Wann die Therapie dann beginnt, steht aber in den Sternen.“ Aylin Manca und ihre Kolleginnen können immerhin an etliche Ambulanzen und Beratungsstellen weiterverweisen, auf Wunsch suchen sie auch das Gespräch mit den Eltern. „Generell rate ich dazu, im Kontakt mit dem Kind zu bleiben, zu fragen, wie es ihm geht, anzubieten, für es da zu sein. Ohne Vorwürfe, ohne Druck.“ Aylin Manca hat im Januar 2021 die Stelle angetreten und eine große Offenheit gegenüber ihrer Tätigkeit erlebt. Dass man sich Hilfe holt für schwierige Lebenslagen, sei kein Tabu mehr.

Ein anderer Punkt ist, dass auch landespolitisch die gesellschaftlich wichtige Arbeit anerkannt und entsprechend gefördert wird.

Vor 15 Jahren waren Schulsozialarbeiter noch Exoten in Baden-Württemberg – und dass Kinder und Jugendliche Hilfe beim psychologischen Berater oder Therapeuten suchen, ein Tabu. Die Zeiten haben sich gewandelt, aktuelle Berichte aus den Schulen lassen dennoch aufhorchen: Noch nie war der offensichtliche Bedarf an Schulsozialarbeit höher als in diesem Schuljahr, berichtet Aylin Manca über ihre Erfahrungen am Lessing-Gymnasium. „Schon kurz nach den Ferien hatte ich fünf, dann zehn Einzelfälle

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