Winnenden

Winnenden: Das Wasser ist ab sofort weicher - dank zweitem neuem Wasserwerk

Wasserwerk
Martin Häfele vor der Ultrafiltrationsanlage. Mit feinen Halmen fischt sie Bakterien und Viren aus dem Rohwasser. © Benjamin Büttner

Am Ende hing alles an ganz banalen Pumpen. Lieferzeit ein halbes Jahr, früher zwei Wochen. Die Stadtwerke wechselten den Lieferanten. Dachten darüber nach, die Pumpen anderswo vorübergehend auszubauen. Und ließen dann welche direkt aus Schweden einfliegen. „Ob jemand den Flug begleitet hat, damit uns die Lieferung ja nicht vor der Nase weggeschnappt wird, weiß ich nicht“, sagt Martin Häfele augenzwinkernd über das spannende Ende eines eher dröge klingenden Wasserwerk-Neubaus bei Birkmannsweiler. Häfele ist neues Mitglied der Stadtwerke-Geschäftsleitung, nachdem er als technischer Prokurist die Probezeit erfolgreich hinter sich gebracht hat, und er wird dabei sein, wenn am Samstag die Eröffnung gefeiert wird, vier Monate später als geplant.

Kompressoren und Pumpen brauchen viel Strom, der auf dem Dach erzeugt wird

Wobei wir das Wort dröge (trocken, langweilig) nach der Besichtigung sofort zurücknehmen. Schon die Hülle hat eine besondere Form, in der holzverkleideten Fassade gibt es nur eine Tür, Fenster null. Der Giebel ist asymmetrisch, was eine große, perfekt geneigte Fläche für eine Fotovoltaikanlage mit 30 Kilowatt Leistung ergibt. Den Strom, der hier aus dem Sonnenlicht erzeugt wird, werden die Stadtwerke überwiegend vor Ort verbrauchen. Für die Elektrik, die alle wesentlichen Arbeiten automatisch steuert, für den Kompressor und die Hydraulikplatten, die in der Technikhalle einen ordentlichen Lärm veranstalten, die brummen, rödeln und ab und zu zischen, und, da haben wir sie wieder, für die Pumpen. Ohne sie geht nichts.

Was also passiert im Wasserwerk, was wird hergestellt? Die Pumpen befördern Wasser aus den Winnender Quellen und Tiefbrunnen hierher ins Rohwasserbecken. Schön kühl ist es hier drinnen. Baden darf man nicht in dem Edelstahlbecken, aber für den Zeitungsbericht über die Brüstung lugen, denn es wird ja noch gefiltert und desinfiziert, bevor es auch bei uns in der Redaktion aus dem Wasserhahn kommt, damit wir uns Kaffee machen können.

Die Entsalzungsanlage senkt den Kalkgehalt von über 30 auf zwölf bis 14 Härtegrade

Hier wird also unter großem Getöse, aber verborgen vor den Blicken der Öffentlichkeit, aus Quell- und Brunnenwasser Trinkwasser gemacht. Es ist am Ende der Prozesse keimfrei, außerdem sind im Übermaß unerwünschte Stoffe wie Nitrat, Sulfat oder Chlorid stark reduziert, und es ist durch die Aufbereitung kalkärmer. Wer technische Geräte zu Hause betreibt oder regelmäßig in Bad und Küche putzt, wird das zu schätzen wissen. Wasch-, Spül- und Entkalkungsmittel können geringer dosiert werden, auch Duschgel und Shampoo. „Künftig kommt Wasser mit 12 bis 14 Grad deutscher Härte aus dem Hahn“, sagt Martin Häfele.

Nur im Westen der Stadt war die Härte durch den Bau des ersten Wasserwerks Schwaikheimer Straße seit 2018 weicher geworden (8 bis 14 Grad dH).

Nun endlich, nach acht Jahren Planung und Bauerei, werden auch Winnenden-Mitte und die östlich gelegenen Teilorte mit weicherem Wasser versorgt. Und zwar über Hochbehälter, die wiederum über viele Pumpen das aufbereitete Wasser aus den Wasserwerken und von den Zuleitungen der NOW bekommen.

Zwei Filteranlagen und eine UV-Anlage, aber kein Zusatz von Chlor

Wer sich die Technik einmal von Fachleuten erklären lassen will, hat am Samstagnachmittag dazu Gelegenheit. Das Rohwasser wird zuerst durch die Ultrafiltrationsanlage gejagt, „ein rein mechanischer Filter, ähnlich einem sehr feinen Nudelsieb“, versucht Martin Häfele das Innere der beige verkleideten, senkrecht gestellten Rohre zu beschreiben. Nun könnte man das Wasser trinken, megahart wäre es aber immer noch. Daher geht es aus der zweiten Wasserkammer in die Entsalzungsanlage. In den blau verkleideten, waagrecht angeordneten Rohren befinden sich feine Polyamidfilter, in denen auch die Kalkionen hängen bleiben, sie sind größer als Wassermoleküle.

Im Riesler gast das entkalkte Wasser ganz gemütlich aus und wird wieder klar

Das Ganze geschieht mit hohem Druck, darum der Krach, der hohe Stromverbrauch und auch der Druckausgleichsbehälter im Untergeschoss des Gebäudes. Den offenen Dachstuhl wiederum braucht der hoch aufragende Riesler, in dem das Wasser ausgasen kann. Durchs Enthärten lösen sich Gase, und wenn sie nicht an den löchrigen Plastikbällen durch Vorbeirieseln entschwinden würden, käme das Wasser bei den Kunden milchig trübe aus dem Hahn.

Um vollends sicherzugehen, dass kein Keim das Wasserwerk verlässt, ist im Untergeschoss noch eine UV-Anlage, die mit ultraviolettem Licht die Endkontrolle macht, sozusagen. Gechlort wird das Winnender Wasser nicht. „Nur das Wasser der NOW kommt leicht gechlort im Hochbehälter an, wegen der längeren Transportwege ist das sicherer“, berichtet Martin Häfele. „Und im Hochbehälter geht es noch mal durch eine UV-Anlage“, sagt er lächelnd. „Das ist, als wenn man zum Gürtel noch den Hosenträger anzieht.“

Wird das Winnender Wasser knapp?

Vor Wasserknappheit wird inzwischen in ganz Deutschland gewarnt, doch wie der Aufsichtsrat der Stadtwerke bei seiner Sitzung und die Winnender Zeitung bei der Besichtigung des neuen Wasserwerks erfuhren, ist für die Stadtbevölkerung alles im grünen Bereich. „Auch wenn die Quellen im Winter mehr schütten als im Sommer, aktuell haben wir genug Wasser“, so Martin Häfele, Mitglied der Geschäftsleitung. Zwei Quellfassungen müssen demnächst saniert werden, weil Wurzeln in die Rohre wachsen, informierte Geschäftsführer Stefan Schwarz. Die Grundwasserspiegel seien überdies stabil.

Am Ende hing alles an ganz banalen Pumpen. Lieferzeit ein halbes Jahr, früher zwei Wochen. Die Stadtwerke wechselten den Lieferanten. Dachten darüber nach, die Pumpen anderswo vorübergehend auszubauen. Und ließen dann welche direkt aus Schweden einfliegen. „Ob jemand den Flug begleitet hat, damit uns die Lieferung ja nicht vor der Nase weggeschnappt wird, weiß ich nicht“, sagt Martin Häfele augenzwinkernd über das spannende Ende eines eher dröge klingenden Wasserwerk-Neubaus bei

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