Winnenden

„Winnenden liest" mit anregenden Abenteuern

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Bis zur Pause konnten es die rund 450 Zuhörer gut ohne Jacken im Schlosspark aushalten. Fünf Persönlichkeiten stellten ihnen ihre Lieblingsbücher in zehnminütigen Lesungen vor. © Büttner / ZVW
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Andreas Hein im „Winnenden-liest“-Sessel. © Büttner / ZVW

Winnenden.
Der Abend warm, die Gäste mit 450 zahlreich, die Stimmung gespannt auf die neuen Bücher, aber auch vertraut und heimelig: Beim 12. „Winnenden liest“ waren viele ehemalige Vorleser und Stammgäste im Park des Schloss-Klinikums. Fünf Persönlichkeiten lasen Kluges und Abenteuerliches auf sprachlich hohem Niveau vor.

Video: Impressionen von "Winnenden liest".

Los ging’s unter den alten Bäumen mit einem maurischen Märchen. „Erzählungen von der Alhambra“, die Kultlektüre für Andalusien-Reisende. Der Kulturamtsleiter der Stadt Winnenden, Andreas Hein, mit 30 Jahren jüngster in der Vorleser-Riege, hatte das älteste Buch im Gepäck. Anfangs erschienen die exotischen Namen, die geschraubte Sprache und die Verflechtung mehrerer Sagen verwirrend. Doch dann entfaltete Hein mit seiner flotten Lesung das satirische Potenzial des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving. Ein hypochondrischer König bildet sich ein, mausetot zu sein. „Zum Verdruss der Diener verharrte er aber nicht in Ruhe, sondern bestand auf seiner Beisetzung.“ Die Zuhörer lachten überrascht. Das Mädchen mit der Zauberlaute sorgt für Heilung, sie selbst erlebt ihr Liebes-Happy-End, und ihr Instrument findet einen verschlungenen Weg zu Paganini.

Von Andalusien nach Afghanistan

Nach dieser schelmisch vorgetragenen Pointe stellte der evangelische Pfarrer für Schelmenholz und Hanweiler, Dr. Karl Braungart, die 30-jährige deutsche Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel und ihre Berichte aus Kabul vor. Auch sie beherrscht das pointierte Erzählen meisterhaft: „Ich lebe als Frau in Afghanistan, ohne zu wissen, wie eine Frau in Afghanistan lebt.“ Aber sie versucht, es herauszufinden durch viele Gespräche mit Einheimischen und sie setzt das Erlebte und Gehörte in Beziehung zu Vorurteilen, Klischees und Schlagzeilen aus Deutschland. Sie erfährt, dass Frauen entweder aus Angst nicht aus dem Haus gehen oder weil sie es nicht dürfen. Tun sie es doch, können sie im Gefängnis landen. Braungart lieh den besonderen, uneitlen Beobachtungen und differenzierten, klugen Einschätzungen seine angenehm unaufgeregte Stimme.

Roadmovie-Roman aus Berlin, rasantes Kinderbuch aus Schweden

Kinobesitzer Bernhard Eppler führte vor, dass ein ausgezeichneter Jugendroman beste Unterhaltung für Erwachsene darstellt. Mit jugendlichem (aber nicht stürmischem) Vorlesetempo und einer gehörigen Portion Selbstironie in der Stimme warf Eppler das Kopfkino der Zuhörer an. Er ließ sie mit Tschick und Maik, zwei 14-Jährigen, im gestohlenen Lada über Landstraßen „kacheln“, über die dabei gehörten Balladen des Richard Clayderman lästern („Es war eigentlich keine Musik, eher so Klaviergeklimper, Mozart“) und darüber verzweifeln, dass sie von Berlin in die Walachei wollen, aber keinen Schimmer haben, wo Süden ist. Der Roman avancierte zum Bestseller des Abends, obwohl er schon in der 53. Auflage erschienen ist.

Eine weise, spannende Geschichte zum Schluss

Veronika Holdau, die Chefärztin der psychosomatischen Klinik, hat sich die erste Folge der schwedischen Petterson-und-Findus-Reihe ausgesucht und erzählt, warum der alte Mann im Dorf für verrückt gehalten wird. Eigentlich fehlt ihm nur Mehl, doch eine Panne reiht sich an die nächste. Ein Nachbar kommt gerade hinzu, als das Abenteuer in Eiermatsch und dreckiger Hose gemündet ist, und während Petterson beides entsorgt, erzählt er von seinem Plan, Pfannkuchen zu backen. Herrlich verrückt und eben doch nicht. Wären die Zuhörer Kinder gewesen, sie hätten sich um den roten Ohrensessel geschart, um die Bilder anzuschauen und sich an die Vorleserin zu kuscheln, die eine abgeklärte Ruhe und Liebe zu den schrägen Figuren in ihrer Stimme mitschwingen ließ.

Zum Abschluss hatte die Sprachhelferin und Laien-Schauspielerin Heidi Halagah das Buch des argentinischen Mediziners und Gestalttherapeuten Jorge Bucay dabei, der der Auffassung ist: „Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen!“ Sie zog die Zuhörer mit ihrer zarten, aber routinierten Sprecherstimme in den Bann einer Talmud-Erzählung. Botschaft: Mach beruflich das, wobei du dich wohlfühlst, nur dann hast du Erfolg. Heidi Halagah hielt den Spannungsbogen bis zur Schlusspointe, flüsterte, berlinerte und staunte laut in verschiedenen Rollen. Nach der Story über einen Analphabeten, der auf einmal nicht mehr Portier im Freudenhaus sein konnte und es dann zum millionenschweren Eisenwarenproduzenten schaffte, hätte man am liebsten „Zugabe“ gerufen.

Moderator Willi Halder dankte den Lesern zu Recht für den wunderschönen Abend – aber auch er hat zur gelungenen Unterhaltung beigetragen: Jeden Leser stellte er in kurzen, treffenden Sätzen vor.

Die fünf vorgestellten Bücher

Die „Winnenden-liest-Bücher“ können in der Stadtbücherei entliehen oder im Buchhandel gekauft werden. Manuela Halder hat als Mitveranstalterin ihren Büchertisch mit allen Titeln vom Park in den Laden an der Torstraße mitgenommen.

  • Andreas Hein las ein Kapitel aus „Erzählungen von der Alhambra“ von Washington Irving (1783-1859).
  • Dr. Karl Braungart wählte Ronja von Wurmb-Seibel: „Ausgerechnet Kabul – 13 Geschichten vom Leben im Krieg“. Es ist 2013 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen.
  • Bernhard Eppler empfahl das Jugendbuch zum Film, der am 15. September in die Kinos kommt: „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (1965-2013). Erschienen ist das Taschenbuch im Rowohlt-Verlag.
  • Veronika Holdau hatte das Kinderbuch „Eine Geburtstagstorte für die Katze“ von Sven Nordqvist aus dem Oetinger-Verlag dabei.
  • Heidi Halagah stellte „Komm, ich erzähl’ dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay vor. Erschienen im Fischer-Verlag.