Winnenden

"Winnenden liest" stellt Lach- und Sachgeschichten im Schlosspark vor

Winnenden liest
Veras Tea Time Band (von links Heidi Mitius, Martin Schmitzer, Oliver Schütze und Elma Pressel) mit Moderator und Redaktionsleiter der Winnender Zeitung, Sebastian Striebich (4. von links). © Alexandra Palmizi

Der Mut, „Winnenden liest“ im Freien über die Bühne gehen zu lassen, ist mit blauem Himmel und angenehmen Abendtemperaturen belohnt worden. 175 Gäste haben auf den locker gestellten Stühlen auf der Wiese beim Spielhaus Platz genommen und sich von Veras Tea Time Band, Moderator Sebastian Striebich und den fünf Vorleser-Persönlichkeiten unterhalten, verzaubern, begeistern und nachdenklich machen lassen. Dass im Hintergrund mal kreischende Parkbesucher oder Krankenhaushubschrauberknattern die romantische Kulisse durchbrachen, gehörte ebenfalls zum Open Air. Und hinter der steinernen Bühne ragte ein um seine dürren Äste gestutzter Parkbaum wie ein Klimawandelfanal auf – als 2005 „Winnenden liest“ auf Initiative von Willi Halder zum ersten Mal stattfand, waren die herrlichen alten Bäume noch stattlich und wirkten unverwundbar.

William Goldman: Die Brautprinzessin

Klaus Späth hatte das zum roten Ohrensessel für die Leser und zum Schloss passende Märchenbuch dabei: „Die Brautprinzessin“ von William Goldman. Locker-flockig las der Geschäftsführer der Bio-Bäckerei Weber zwei Passagen aus dem Fantasy-Roman vor, der völlig skurril, liebe- und fantasievoll vom wunderschönen Mädchen Butterblume (offenbar eine entfernte Verwandte von Pippi Langstrumpf) und ihrem Stalljungen Westley handelt. Der Einstieg in den Roman erzählt von ganz anderen Personen, ist aber derart temporeich und lustig geschrieben, dass sich einige Gäste die Abenteuerlektüre am Büchertisch kauften.

Tara Westover: Befreit - wie Bildung mir die Welt erschloss

Noch ein bisschen mehr Appetit auf die ganze Geschichte gemacht hat Hans-Peter Weiß-Trautwein mit dem packend vorgelesenen Zusammenschnitt aus „Befreit - wie Bildung mir die Welt erschloss“. Es ist die wahre Geschichte von Tara Westover aus den USA, die nicht zur Schule gehen darf, weil die des Teufels, ein Trick der Regierung sei, um Kinder von Gott wegzuführen. Das sagt ihr Vater und Familientyrann, der den Kindern auch Impfungen oder Sicherheitsgurte im Auto verweigert nach dem Motto: „Wenn Gott will, dass du verletzt wirst, dann ist es so.“ Immer wieder verband der Pfarrer von Hertmannsweiler/Bürg die Passagen mit eigenen Worten und erzeugte so noch mehr Spannung, obwohl das Ende, dass sich Tara tatsächlich von der Familie befreit, schon im Titel verraten wird. Doch wie genau und wie lange das dauert, das findet Weiß-Trautwein „interessant psychologisch ausgestaltet“.

Jürgen Höller: Sprenge deine Grenzen

Als hätten sich die Vorleser untereinander abgesprochen, brachte sodann Klaus Kaiser einen psychologischen Ratgeber von Jürgen Höller mit. Das, was Tara Westover gemacht hat, versucht der Coach und Motivationstrainer jedem näherzubringen: „Sprenge deine Grenzen“. Auch der ZfP-Pflegedirektor, der das Buch bereits mehrfach und vor allem nach einer eigenen Lebenskrise gelesen hat, ist überzeugt, dass man sein Schicksal mit dem bestimmen kann, was man von sich selbst denkt. Er las ein eindrückliches Beispiel vor, es handelt von der Läuferin und Olympiasiegerin Wilma Rudolph, die wegen Kinderlähmung viele Jahre lang überhaupt nicht gehen konnte.

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: 33 Bogen und ein Teehaus

Manuela Voith stellte wiederum die wahre und berührende Geschichte der Iranerin Mehrnousch Zaeri-Esfahani vor, wie sie in den 70er Jahren eine behütete und wohlhabende Kindheit in Isfahan verbrachte, aber durch das Chomeini-Regime zum Flüchtling wird. „33 Bogen und ein Teehaus“ schildert eindrücklich, was der Familie widerfährt und wie sie mit ihrem Schicksal umgeht. Die Amtsleiterin für Integration und Senioren hat die Autorin bereits beim Runden Tisch Asyl kennengelernt, und ihre Erzählung fand in der gesamten Familie Voith Anklang. Erfreut kaufte sich Manuela Voith das gebundene Buch am Vorleseband, „mein Taschenbuch ist schon arg zerfleddert“.

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Andreas Frankenhauser stellte „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ vom israelischen Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari vor. Aus den teils sehr provokanten Thesen, wie der Volkshochschulleiter findet, pickte er aus dem Sachbuch-Kapitel „Bildung“ spannende Fragen heraus: Was sollten wir unseren jetzt geborenen Kindern beibringen, um sie fit fürs 22. Jahrhundert zu machen, das sie wohl noch erleben werden? Er endete mit der Warnung Hararis, sich nicht gänzlich zum Spielball von Technik und Algorithmen zu machen: „Es kann sein, dass du ihnen dienst und nicht sie dir.“

Die Zuhörer hätten Veras Tea Time Band gerne noch länger gelauscht

Damit die Gäste nicht über düsteren Gedanken brütend nach Hause gehen mussten, spielte Veras Tea Time Band zum Schluss ein furioses Klezmerstück, das einerseits den Bogen zum heiteren Anfang des Abends schlug, andererseits die vielen verschiedenen Bücher zur Selbsterkenntnis nachwirken ließ – und Zugaberufe provozierte. Das ruhige „To Diko mou paploma“ mit seiner verträumten Melodie bezauberte die Zuhörer dann derart, dass viele anschließend sagten, sie hätten gerne noch länger zugehört, umrahmt von den dezent illuminierten Bäumen, umflattert von Fledermäusen.

Der Mut, „Winnenden liest“ im Freien über die Bühne gehen zu lassen, ist mit blauem Himmel und angenehmen Abendtemperaturen belohnt worden. 175 Gäste haben auf den locker gestellten Stühlen auf der Wiese beim Spielhaus Platz genommen und sich von Veras Tea Time Band, Moderator Sebastian Striebich und den fünf Vorleser-Persönlichkeiten unterhalten, verzaubern, begeistern und nachdenklich machen lassen. Dass im Hintergrund mal kreischende Parkbesucher oder Krankenhaushubschrauberknattern die

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