Winnenden

Winnenden spart Energie: Im Rathaus und in Hallen wird es deutlich kühler

Straßenbeleuchtung
60 Prozent der Straßenlaternen in Winnenden sind wie hier an der Schorndorfer Straße zwischen BGW (links) und Stadtfriedhof (rechts) bereits auf stromsparende LED-Birnen umgerüstet. Sie werden zusätzlich in den verkehrsarmen Nachtzeiten heruntergedimmt. © Gabriel Habermann

Im großen Sitzungssaal hängt ein kleines Thermometer. Es zeigt an diesem Dienstag exakt 19 Grad – die Temperatur, auf die auch die Büros im Rathaus künftig maximal im Herbst und Winter beheizt werden dürfen. Das ist keine total freiwillige Entscheidung der Stadtverwaltung oder ihrer Mitarbeiter. Es geht zurück auf eine Bundesverordnung mit einem geradezu verschwenderisch langen Namen und der skurrilen Abkürzung EnSikuMaV. Es geht ums Gas- und Energiesparen.

Bürgermeister Norbert Sailer und Bauamtsleiter Roland Bornemann haben aus der Verordnung einen dreistufigen Plan abgeleitet. Nach Diskussion mit den Amtsleitern, Vereinsvorsitzenden, Schulleitern und am Dienstagabend auch öffentlich mit dem Gemeinderat gilt nun ab sofort Phase A, die auf schnell umsetzbare, naheliegende Einsparmaßnahmen in den rund 100 städtischen Gebäuden setzt. Die meisten sind übrigens an die überwiegend mit Gas erzeugte Fernwärme angeschlossen, wenige haben Pelletheizungen, nur noch vier werden mit Öl beheizt.

Schluss mit dem warmen Wasser fürs Händewaschen

Ab sofort werden Durchlauferhitzer und Boiler für Handwaschbecken im Rathaus ausgeschaltet. Die Hände müssen sich die Mitarbeiter anschließend an der heißen Tee- oder Kaffeetasse wärmen. Ausnahme: Zum Putzen soll es an einer Stelle warmes Wasser geben.

Bei dem differenziert ausgearbeiteten Plan stand also die Faustregel Pate: Wo immer technisch möglich und hygienisch vertretbar, sollte die Warmwasserbereitung ausgeknipst werden. „Wir weisen alle Hausmeister neu ein, wie sie auf effiziente Weise Energie sparen können“, sagt Roland Bornemann über die zentralen Personen für diese schnellen Maßnahmen.

Warmes Duschwasser in Sporthallen und bestimmten städtischen Gebäuden wird nur noch für den Vereinssport, für die Feuerwehrleute und die Bauhofmitarbeiter nach Bedarf vorgehalten. Ob Letztere nun vom Brandort oder vom Winterdienst kommen, eine Dusche sollte ihnen nicht verwehrt werden, solche Ausnahmen duldet der Gesetzgeber durchaus.

In Büros und in Schulräumen wird es deutlich kühler, nicht aber in Kitas

Da es schlagartig kühler geworden ist, fällt es weniger schwer, Klimaanlagen und Lüftungen zu reduzieren oder abzuschalten, dafür muss man mit Beginn der Heizsaison 2022 an dicke Socken, feste Schuhe und den wärmeren Pullover denken, wenn man ins einstmals mollige Büro oder in die Schule geht. Der offizielle Stichtag ist der 17. Oktober. Dann sollen Rathaus-Flure und Nebenräume gar nicht mehr beheizt werden, Büros wie gesagt nur noch auf 19 Grad. „Da wir künftig freitags die Büros gar nicht heizen wollen, bieten wir den Mitarbeitern an, freitags im Saal zu arbeiten, oder im Home-Office“, so Sailer über die Ausdehnung der Wochenend-Temperaturabsenkung. Saal und Bürgerservicestelle sind auch dank getrennter Heizkreise die letzten verbliebenen Wärmeinseln.

Diese Temperatur gilt nun auch für Werkräume und die Schulaulas, Gymnastikräume und Schulturnhallen sollen ihre Nutzer mit nur 17 Grad empfangen, was bei Autogenem Training vielleicht nicht ganz so angenehm ist. Wer schweißtreibend in der Halle trainiert, muss künftig mit 15 Grad klarkommen, dafür herrscht in den Umkleiden 22 Grad, Wasch- und Duschräume sollen sogar 24 Grad Celsius warm werden dürfen.

Unterrichtsräume der Schulen sollen mit 20 Grad auskommen, gut, dass Lehrer und Schüler durchs Stoßlüften gegen Coronavirus-Aerosole gewissermaßen seit zwei Jahren trainiert haben. Auch die Temperatur im Lesesaal der Stadtbücherei wird auf 20 Grad gesenkt.

Nur die Kindergärten und Kinderhäuser bleiben außen vor, es sei denn, der Kommunalverband Jugend und Soziales sähe irgendwann Spielraum nach unten.

Der Torturm bekommt dieses Jahr keinen Weihnachtslichterglitzerschleier

Auch auf die Außenbeleuchtung an öffentlichen Gebäuden wie dem Bürger Burgturm soll verzichtet werden, etwas, was von Umweltschützern schon lange gefordert wird. Da der Torturm auf der Marktstraße nicht angestrahlt wird, muss die Stadt auch nichts ausknipsen. „Aber der Verein Attraktives Winnenden hat von sich aus bereits erklärt, den Lichtervorhang in der Vorweihnachtszeit nicht am Torturm aufzuhängen.“

Bleibt für die Stadt noch abzuwarten, ob eine Entscheidung für städtische Weihnachtsbäume fällt. „Im Moment diskutiert der Städte- und Gemeindetag noch, ob es dieses Jahr bei einem beleuchteten Baum pro Kommune bleibt, nicht einem pro Teilort“, erwähnt Sailer weitere Stromverbraucher, die man abschalten könnte.

Straßenbeleuchtung wird nur mit LED und in verkehrsarmen Stunden gedimmt

„Bei der Straßenbeleuchtung haben wir überlegt, sie länger herunterzudimmen als bisher schon, also statt von 22.30 bis 5.30 Uhr von 20 bis 7 Uhr“, sagt Roland Bornemann, „doch das geht nicht: In der Rushhour hätten wir ein Sicherheitsproblem.“ Schwach beleuchtete Schulwege in der Herbst- und Winterdunkelheit, vielleicht noch bei Eis und Schnee - die Stadt könnte für Unfälle haftbar gemacht werden. Also lässt sie die Finger davon. „Aber wir sind froh, dass wir schon 60 Prozent unserer Straßenlaternen auf LED-Leuchtmittel umgestellt haben“, sagt Roland Bornemann über die an sich viel sparsameren und eben auch dimmbaren Birnen. Da er die restlichen 40 Prozent aber nicht per Fingerschnippen umrüsten kann, sondern hier auf die geplante Reihenfolge setzt, ist das für den Gesetzgeber in Ordnung.

Norbert Sailer flicht noch rasch eine öfter gehörte Idee ein, nach der Straßenlaternen nur anspringen sollen, wenn jemand vorbeiläuft oder -fährt. Die sieht der Erste Bürgermeister sehr skeptisch, „denn es ist immer besser, eine Lampe länger anzulassen oder ganz auszuschalten. Ein- und Ausschalten nach Bedarf kostet genauso Energie und erfordert zudem eine teure Technik.“

Was geht, ist allerdings, die Fußgängerampeln außerhalb der Kernzeiten auszumachen.

Was könnten all diese kleinen Sparmaßnahmen bringen?

Die wichtigste Frage ist natürlich, wie viel die frösteligen Zeiten für Schüler, Sportler, Stadtmitarbeiter letztlich bringen? Roland Bornemann, seit wenigen Wochen neu im Amt, hat noch keinen Überblick über den bisherigen Energieverbrauch. Obwohl er unseriöse Antworten scheut, schätzt er denn doch: „Fünf bis 15 Prozent müsste das auf jeden Fall bringen.“ Roland Bornemann tippt, dass den größten Anteil das Wunnebad hat, wenn das Außenbecken nicht mehr beheizt und das Bad wegen des Umbaus einige Wochen ganz geschlossen wird. Bei den steigenden Energiepreisen schonen die Vorkehrungen letztlich auch die Stadtkasse, beim CO2-Ausstoß die Umwelt.

Langfristig prüft die Stadt, welche Gebäude PV-Anlagen bekommen sollen

Was den neuen Bauamtsleiter zum dritten Teil des Energieplans bringt: „Wir erstellen für alle städtischen Gebäude ein systematisches Ranking, schauen uns an, wie viel Energie in Bezug auf die Fläche verbraucht wird.“ Die Gebäude, die energetisch am übelsten abschneiden, sollen dann laut Roland Bornemann als Erstes saniert werden.

„Außerdem untersuchen wir das Potenzial für eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.“ Mit dieser könne der im Gebäude benötigte Strom erzeugt werden. „Da haben wir jetzt ja andere Verhältnisse als früher, auch, weil die einst unwirtschaftlichen Dachausrichtungen nun mit Modulen bestückt werden können, und weil mit dem Strom auch Wasser erwärmt werden kann“, sagt Norbert Sailer.

Im großen Sitzungssaal hängt ein kleines Thermometer. Es zeigt an diesem Dienstag exakt 19 Grad – die Temperatur, auf die auch die Büros im Rathaus künftig maximal im Herbst und Winter beheizt werden dürfen. Das ist keine total freiwillige Entscheidung der Stadtverwaltung oder ihrer Mitarbeiter. Es geht zurück auf eine Bundesverordnung mit einem geradezu verschwenderisch langen Namen und der skurrilen Abkürzung EnSikuMaV. Es geht ums Gas- und Energiesparen.

Bürgermeister Norbert

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