Winnenden

Winnender Gastronomen: Sonnenfreude und ein paar Sorgenfalten

La Piazza
Im „La Piazza“ von Aldo del Negro kann man wieder Platz nehmen. © Gabriel Habermann

Sonne und Wärme sorgen in der Innenstadt dafür, dass sich die Straßencafés öffnen und belebt werden. Die Gäste trudeln ein wie emsige Bienen auf Blüten. Jetzt hat auch Gastwirt Aldo del Negro vom „La Piazza im alten Rathaus“ wieder Schirme aufgespannt und seine Tische und Stühle rausgestellt, am Montagmittag bleibt kein Tisch unbesetzt. Eine Reservierung wird nicht angenommen, man kommt einfach und hat Glück, wenn ein Platz frei ist. „Ich hoffe, dass sich die Inzidenz jetzt richtig unten einpendelt und dass es weitergeht mit den Impfungen“, sagt Aldo del Negro ernst. „Wenn wir im Oktober oder November wieder zumachen müssen, das wäre eine Katastrophe.“

„Was ist, wenn ein Platzregen runtergeht?“

Das „La Piazza“ hat das durchwachsene, kühle Wetter noch abgewartet, hat zwei Wochen länger Abholessen angeboten, als es hätte müssen. Nun kommt dem Chef sehr entgegen, dass die Nachweispflicht in der Außengastronomie (geimpft, genesen, getestet) seit vergangenem Donnerstag entfallen ist. Gleichwohl sieht er hier noch Probleme, die der Lösung durch die Politik harren: „Was ist, wenn es plötzlich ein Gewitter oder einen Platzregen gibt? Dann wollen alle schnell rein, ich müsste aber einen Nachweis für die Innenräume verlangen.“ Aldo del Negro hofft, dass das nicht so bald eintritt, denn er will sich weder mit Stammgästen herumstreiten, noch bei einer Kontrolle Strafe zahlen.

Den „3-G“-Nachweis sieht Aldo del Negro als Hemmschuh für den Besuch eines Restaurants, und auch die größeren Tischabstände machen die Bewirtung drinnen unrentabel. „Ich brauche zehn Leute, um meinen Betrieb zu fahren, ich kann ihn nur zu 100 Prozent öffnen. Aber wenn es regnet und man kann nur drinnen essen, habe ich nur die Hälfte der Einnahmen. Das geht nicht lange gut, das kann man einfach rechnen, da macht man Miese“, orakelt er mit sorgenvoller Miene.

Der Chef musste allerlei Zahlungen vorfinanzieren

Aldo del Negro hat den Ruhetag auf Sonntag verlegt und sich dem Wiedererwachen des Handels angepasst: An den starken Wochenmarkttagen Donnerstag und Samstag ist er von 9 bis 23 Uhr für die Gäste da, an den übrigen Tagen von 11 bis 23 Uhr. Zwei seiner Mitarbeiter haben sich im Lockdown beruflich neu orientiert, ein Verlust in einer Branche, die schon vor der Pandemie unter Fachkräftemangel litt. Da bei Bedienungen etwa ein Drittel des Gehalts aus Trinkgeldern besteht, diese aber beim Kurzarbeitergeld nicht berücksichtigt wurden, mussten viele faktisch mit der Hälfte ihres vorherigen Lohns auskommen. Das schaffte nicht jeder.

Und auch der Chef gibt zu, dass es streckenweise schwer war und ist, sich zu motivieren. Die jüngste Keule war, als der Steuerberater von den Plänen der Politik berichtete: „Wir sollen die Staatshilfen nächstes Jahr als Einnahmen versteuern. Ich muss es quasi zurückzahlen“, korrigiert Aldo del Negro eine weit verbreitete andere Annahme in der Bevölkerung, er hätte die Unterstützung geschenkt bekommen. „Und weil es Betrügereien bei der Antragstellung gab, kamen die Abschlagszahlungen teils sehr spät. Ich musste immer alles vorfinanzieren“, erzählt der italienische Gastwirt und man ahnt, dass die Last, die er über die Monate zu tragen hatte, ihm auch körperlich an die Substanz gegangen ist. „Die Hilfen hätte die Politik vom Finanzamt bearbeiten lassen müssen. Die kennen jedes Gewerbe und die Steuernummer“, denkt Aldo del Negro. Doch die Anträge liefen über die IHK und die Landesbank, was es seiner Meinung nach Betrügern einfach machte.

"Poco Loco": Zum Start werden die Terrasse und die Speisekarte neu gestaltet

Am Adlerplatz zwischen Kreissparkasse und Markthausgeschäften freut sich eine strahlende Pia Roth auf die Wiedereröffnung ihres „Poco Loco“. Seit 2014 führt sie das Tagescafé. Am Mittwoch, 16. Juni, geht es um 10 Uhr los, einen Tag mehr als früher, von Mittwoch bis Samstag. „Das ist schon toll, wenn du die Leute alle wieder siehst. Viele haben uns schon beim Putzen gesehen und gefragt, wann wir wieder aufmachen und dass sie sich freuen“, erzählt Pia Roth, die unsere Zeitungsredakteure nur zufällig am Montag am Café angetroffen haben. Sie startet mit einer neuen Karte, auf der warme und kalte kleinere Speisen stehen, auf einer Tafel führt sie die Besonderheiten des Tages auf, und es gibt Frühstück und hausgemachte Kuchen, donnerstags und samstags bereits ab 9.30 Uhr. „Ich habe noch ein bisschen abgewartet, es war so eine unsichere Sache mit der Inzidenz und der Testpflicht. Jetzt gehe ich davon aus, dass wir offen bleiben können.“ Terrassenwetter ist auch für Pia Roth enorm wichtig: „Bei den derzeitigen Abstandsregeln könnten drinnen nur sechs statt eigentlich 20 Personen sitzen“, erklärt sie. Nun hofft, sie, dass viele wieder den Weg zu ihr finden und neugierig auf die neu gestaltete Außenterrasse sind.

Bei Gunther Benz in der "Brasserie" kann man sich fürs Hineinsitzen auch testen lassen

„Keinen Kontakt zu den Leuten zu haben, das war in dieser langen Zeit das Schlimmste“, sagt Gunther Benz. „Das sind in guten Zeiten Hunderte am Tag.“ Seine Brasserie hat seit einer Woche wieder offen, aufs Zubereiten von Abholessen haben er und sein Freund bewusst verzichtet. Viele, wenn auch noch nicht alle Stammgäste seien zurückgekehrt, auch ein paar neue Gesichter fanden den Weg in die verwinkelte, lauschige Kirchstraße mit ihren kleinen Geschäften. Auch Gunther Benz spielt das wärmere Wetter in die Karten, Freitag und Samstag ließen sich gut an, der Sonntag war etwas mager, vermutlich, weil viele Leute Ausflüge unternommen haben. Sollte es ab und an wieder regnen, schreckt das den Gastwirt aber nicht. „Man sitzt bei mir unter Dach und unter den großen Schirmen, das geht schon.“

Wer drinnen Platz nehmen möchte, aber vorher keinen Schnelltest machen konnte, der wird vor Ort versorgt. „Wir alle haben uns vom DRK schulen lassen und dürfen nun Schnelltests beaufsichtigen“, erklärt Benz. Der Gast macht den Abstrich in der Nase unter den Augen des Personals selbst, dann kommt das Stäbchen in so eine Art Klappkarte hinein. „Das geht einfach und ist am hygienischsten, und wir müssen keine Schutzkittel anziehen“, so Gunther Benz. Vier Euro, den Selbstkostenpreis, verlangt er vom Gast.

Gleichwohl ist er froh, dass man den Test draußen nicht braucht. „Zu mir kommen viele Leute nur auf eine Tasse Kaffee. Dafür extra zum Testtermin zu gehen, wäre ihnen sicher zu umständlich.“

Gunther Benz’ Mannschaft ist die gleiche wie vor Corona, mit Ausnahme einer Aushilfe. Sie hätte kein Kurzarbeitergeld bekommen und hat sich daher anders orientiert. In den Monaten nach der Schließung war Gunther Benz noch mit dem Verarbeiten einiger übriger Lebensmittel zum Selberessen und Einfrieren beschäftigt. Vieles flog aber auch in den Müll, sogar ein angebrochenes Fass Wein war nicht mehr genießbar, viele Säfte sind abgelaufen, sogar Tiefkühlware gibt es, die nach Monaten nicht mehr zu gebrauchen ist. Nun hieß es frisch einkaufen, und weiter auf Zuschüsse und Hilfszahlungen des Staates warten. „Es dauert viel zu lang“, findet Gunther Benz.

Glaubt er, dass die Europameisterschaft ihn nun wieder ein paar Kunden kostet? „Nein, meine Gäste interessieren sich nicht so sehr für Fußball. Sie bleiben vielleicht mal bei den Spielen der Deutschen weg.“ Das von vergangenem auf dieses Jahr verschobene Sportereignis sieht er völlig gelassen.

Biergarten "Bamboo Lounge" zeigt Fußballspiele

Der Biergarten der Bamboo Lounge an der Albertviller Straße öffnet weiterhin unter der Woche ab 16.30 Uhr, samstags ab 14 und sonntags ab 11.30 Uhr. Zu den EM-Spielen der deutschen Mannschaft werden die Fernseher eingeschaltet.

Sonne und Wärme sorgen in der Innenstadt dafür, dass sich die Straßencafés öffnen und belebt werden. Die Gäste trudeln ein wie emsige Bienen auf Blüten. Jetzt hat auch Gastwirt Aldo del Negro vom „La Piazza im alten Rathaus“ wieder Schirme aufgespannt und seine Tische und Stühle rausgestellt, am Montagmittag bleibt kein Tisch unbesetzt. Eine Reservierung wird nicht angenommen, man kommt einfach und hat Glück, wenn ein Platz frei ist. „Ich hoffe, dass sich die Inzidenz jetzt richtig unten

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