Winnenden

Winnender Jugendliche wollen weg vom Monitor, träumen vom Zeltlager und sehen die Impfung als Befreiung

Zocken
Jugendliche haben im Lockdown zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbracht. Nach der Online-Schule blieb oft nur noch das Zocken. © Benjamin Büttner

Corona und die Abschottungsmaßnahmen gegen die Krankheit wirkten anfangs entschleunigend, inzwischen sorgen sie vor allem bei jungen Menschen für Antriebslosigkeit, Frust, bei manchen sogar Krankheiten wie Depressionen oder Ticks, wie jüngst ein Winnender Kinderarzt berichtete. Simone Münzing von „Jukks“, der katholischen Jugendarbeit für Winnenden, Leutenbach und Schwaikheim, ahnt davon. Sie weiß, dass alle in ihren Gruppen zwar seit über einem Jahr, mit nur einer kurzen Unterbrechung, online versuchen, Kontakt zu halten. Trotzdem oder gerade deshalb beobachtet sie eine Abwärtsspirale: „Vormals stabile Jugendliche wissen nicht mehr, wie sie den Tag ‘rumbringen sollen, sich fühlen sich nur noch antriebslos.“ Die Erwachsenen dagegen hätten den „Luxus, arbeiten zu dürfen, das bedeutet Kontakte und Abwechslung“. Die Kinder haben statt Begegnungen in der Schule und beim Vereinssport, beim Musizieren oder auf der Gass’ nun sieben Monate lang oftmals nur Menschen via Monitor sprechen können – und darunter litten viele „massiv“.

Daher hatte sich „Jukks“ den Forderungen der Initiative #jugendgehtbaden angeschlossen, einer aus der Gruppenleiterrunde, Thomas Hümmelchen, war am Austausch mit Sozialminister Manne Lucha beteiligt. Die Gruppe fand Gehör und freut sich, dass in den Pfingstferien wenigstens ein Zeltlager wissenschaftlich begleitet stattfindet, damit trotz Pandemie Sommerferienfreizeiten mit Übernachten ermöglicht werden können. Und seit dieser Woche dürfen im Kreis die Jugendhäuser wieder öffnen und die Sportvereine im Freien trainieren. Nach den Ferien machen auch die kirchlichen Gruppen wieder Präsenzangebote.

Mika ist bald durchgeimpft und freut sich aufs Durcheinanderreden

„Unser Lichtblick ist, dass wir langsam zurück zum Alltag kehren können und im Sommer wieder am Lagerfeuer zusammensitzen, reden und Spaß haben“, sagt Judith Leufen (18) aus Schwaikheim. Zumindest motivieren sie und ihre Kolleg/-innen im Alter von 16 bis 23 Jahren sich mit dem Gedanken. Sie haben sich per Video mit unserer Zeitung zusammengeschaltet und von ihrem Alltag und ihren Hoffnungen berichtet - auch, was das Impfen angeht.

„Ich freue mich wie Bolle, mich bald wieder mit meinen Freunden treffen und mit ihnen reden zu können“, berichtet Mika Schatz (18) aus Schwaikheim davon, dass er durch eine leichte Vorerkrankung priorisiert war und dies seit Mitte Mai als ehrenamtlicher Jugendarbeitsaktiver ebenfalls ist. „Mein Deutsch ist schon richtig schlecht, ich bin es nicht mehr gewohnt, viel zu reden“, entschuldigt er sich, weil ihm ein paar Wörter oder Redewendungen nicht gleich einfallen. Für ihn absolut ein Zeichen, dass einem das spontane Sprechen, das Durcheinanderreden und auch das chillige Musikhören im Hintergrund aus Zeiten der persönlichen Begegnung fehlen.

Das vermissen absolut alle bei den digitalen Angeboten, wo Rede-Disziplin wichtig ist, schön einer nach dem anderen. Gags oder Grimassen passen nicht zum Medium. „Wir sagen zwar zu unseren Kommunionkindern, dass sie ruhig lachen und reinreden sollen“, berichtet Judith. „Aber am Bildschirm unterdrückt man viel mehr von dem, was man eigentlich fühlt und sagen will.“

Dass Online-Treffen nur ein schwacher Ersatz sind, belegt der schwindende Zuspruch, von anfangs 20 Kommunionkindern sind nur noch vier bis fünf dabei, immer dieselben. „Ich merke es an mir persönlich“, sagt Mika, „man wird irgendwie fauler. Montagsmaler spielen ist ja ganz nett, aber nach drei Mal hat man keine Lust mehr. Wenn es, wie jetzt, länger hell ist, würde ich lieber rausgehen, mich treffen, Fußball spielen, und bliebe länger wach.“

Student lernt zu Hause, nicht in der WG: Es geht nur noch ums Durchhalten

Fabian (16) aus Leutenbach hat zwar online noch steten Kontakt zu fast allen Ministranten, doch selbst hat er „die Lust daran verloren, ständig vor dem Bildschirm zu sitzen“. Bei ihm kommt dazu, dass seine Freunde vom Fellbacher Gymnasium auf die ganze Region verteilt wohnen und es noch schwieriger ist, wenigstens mal einzelne zu treffen. Er will auch gerne wieder Sport treiben. Mika hat letztes Jahr Abi gemacht, mit den früheren Schulkameraden, verstreut in alle Himmelsrichtungen, funktioniert die Online-Kontaktaufnahme gar nicht. „Es ist ziemlich viel langweiliger geworden“, sagt er. Auch wenn es nun Lockerungen gibt, ahnt er, dass man noch lange Abstand zu anderen halten muss. „Einander in den Arm nehmen, selbst High Five zu geben, fühlt sich momentan noch komisch an“, bestätigt Bianca Kugele (17) aus Winnenden. Sie macht eine Ausbildung zur Modedesignerin, der Online-Unterricht ist gut organisiert – und trotzdem haben unverhältnismäßig viele abgebrochen. „Wer in einer problematischen Familie lebt, dem geht das alles noch mehr auf die Psyche“, erzählt sie.

Thomas Hümmelchen (23) aus Leutenbach studiert Grundschullehramt und weiß von Wohngemeinschaften (WG), die sich aufgelöst haben, „viele leisten sich das Zimmer nicht, wenn es nichts vor Ort gibt“. Auch er lernt allein zu Hause, „ich versuche halt das Studium durchzubringen, es geht gerade nur um Leistung und ums Durchhalten.“ Das eigentliche Studentenleben, mit zufälligen Begegnungen auf dem Campus, abendlichen Unternehmungen, interessanten Diskussionen fällt flach. „Stattdessen bist du einfach froh, wenn du den PC ausmachen kannst.“

Weil Mika es mittlerweile trocken und stur findet, vor dem Bildschirm zu sitzen, und weil er sich in keinen Hörsaal zum Reinschnuppern hat setzen können, hat er sich zunächst gegen ein Studium und für ein Freiwilliges Soziales Jahr ab Herbst entschieden.

Auf die Gemeinschaft beim Zeltlager freuen sich alle

Wenn die Politik Sommerfreizeiten zulässt, dann ist das für die Kinder und Jugendlichen ein Höhepunkt. Mal wieder weg von zu Hause, weg von der Familie und sich in einer neuen Gemeinschaft einfinden, einleben, Bande knüpfen. Und endlich wieder miteinander baden gehen.

„Wir als Betreuer sind bis dahin geschützt durch die Impfung, ein großes Privileg im Vergleich zu anderen unseres Alters“, sagt Thomas Hümmelchen. Auch Judith sieht es als großen Schritt, sich bei Freizeiten sicher fühlen zu dürfen. Fabian sieht für sich noch keinen Bedarf, und auch Bianca hält sich für so gesund und ungefährdet, da will sie „den Impfstoff niemandem wegnehmen“. Sie hofft aber auch, keine Nachteile zu erleiden. Ein paar Versuche, einen Termin zu bekommen, hat sie zwar gemacht, „aber meine Bescheinigung bringt nun, da Impfen für alle offen ist, eigentlich nichts mehr“.

Corona und die Abschottungsmaßnahmen gegen die Krankheit wirkten anfangs entschleunigend, inzwischen sorgen sie vor allem bei jungen Menschen für Antriebslosigkeit, Frust, bei manchen sogar Krankheiten wie Depressionen oder Ticks, wie jüngst ein Winnender Kinderarzt berichtete. Simone Münzing von „Jukks“, der katholischen Jugendarbeit für Winnenden, Leutenbach und Schwaikheim, ahnt davon. Sie weiß, dass alle in ihren Gruppen zwar seit über einem Jahr, mit nur einer kurzen Unterbrechung,

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