Winnenden

Winnender Kantorei: Ein Wohlfühl-Chor feiert sich und Dirigent Gerhard Paulus

Winnender Kantorei
Eberhard Matzke (links) bei der Begrüßung der 180 Gäste der Gala „50 Jahre Winnender Kantorei" im Kärcher-Auditorium. Vorne rechts sitzt Gerhard Paulus. © Benjamin Büttner

Im Mai 1972 unternimmt die Jugendkantorei eine Konzertreise nach Polen. Der Eiserne Vorhang hat sich durch die Politik von Kanzler Willy Brandt gerade erst einen Spalt weit geöffnet, doch Kantor Hans-Karl Faber ist Feuer und Flamme, als musikalische Botschafter anzutreten. Ziel ist nicht nur, dort Musik in Gottesdiensten und bei Kirchenkonzerten zu machen, sondern mit dieser Art von Begegnung auch zu Friede und Versöhnung beizutragen. Von der zehntägigen Bustour (Breslau, KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Krakau, Warschau) kommen die Winnender mit eindrucksvollen, fürs Leben prägenden Erlebnissen zurück – und mit einem Beschluss: Die Jugendkantorei und der Kirchenchor vereinen sich fortan unter dem Namen Winnender Kantorei.

Drei Kantoren in 50 Jahren: Hans-Karl Faber, Volker Schneider, Gerhard Paulus

50 Jahre später feiern 180 Leute, aktive Chorsänger und viele Ehemalige mit ihren Partnern, eine Gala im Kärcher-Auditorium, auf Einladung von Förderer und Projektsänger Johannes Kärcher. Es wird am Samstagabend viel musiziert, gegessen, getrunken und gesprochen. Auch in Reimform, denn die Kantorei hat in Birgid Weller eine „Haus- und Hofdichterin“, die sprachlich elegant und lustig die Dinge auf den Punkt bringt. Als Fabers nach Heilbronn gingen, sei die Kantorei schier untröstlich gewesen, blieb aber auch unter Volker Schneider bei der Stange, der mit seinen Sprüchen ein gänzlich anderer Typ gewesen sei.

Volker Schneiders Ära war allerdings nicht so rosig, wie er selbst sagt, denn sowohl die Orgel als auch die Schlosskirche waren renovierungsbedürftig, der Chor musste woanders auftreten. Dennoch stieg die Zahl der Sänger bei ihm auf 60 an. 

1987 übernahm Gerhard Paulus das Dirigat, weil sich Schneiders trennten. Volker Schneider gab das Winnender Kantorenamt auf und blieb Leiter der Musikschule Schorndorf. 

Birgid Weller verlangt scherzhaft, dass Paulus die "royalen 70 jahre voll machen" soll

35 Jahre ist das jetzt her, und auch, wenn Paulus selbst die Sänger schonend darauf vorbereitet, dass es irgendwann einen Wechsel geben werde, so ermuntert Birgid Weller ihn doch, „die royalen 70 voll“ und es der britischen Queen nachzumachen. Auch andere Redner des Abends, allen voran Chorausschuss-Vorsitzender Eberhard Matzke, betonen, wie groß Paulus’ Anteil am Gemeinschaftssinn des Chores sei. „Deine Musikalität, deine Menschlichkeit, deine Führungsqualität und dein Loben“, das lasse einen frohgemut donnerstagabends die Singstunden verlassen, als friedlicher, freundlicher Mensch.

Fast vergessen ist an diesem Abend, dass die „Geburt“ 1972 auch Nachwehen mit sich brachte, wie einer der „Geburtshelfer“, Winfried Gutemann, in der Schlange am Buffet erzählt: Einige verließen den neuen Gesamtchor. Doch war die Verschmelzung schon deshalb angebracht, so Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth in seinem Grußwort, weil es so gut wie keine Übertritte von der beliebten Jugendkantorei zum schleichend älter werdenden Kirchenchor mehr gegeben hatte.

Singfähig blieb der neue Chor, die Gemeinschaft trug, wuchs wieder, und als Winnenden 1973 zur Großen Kreisstadt erhoben wurde, durch Zusammenschluss mit vorher selbstständigen Ortschaften, hatte die Winnender Kantorei ihren ersten großen Auftritt. Weltliches stand auch 2021 auf dem Programm, als die Kantorei auf der Irene-Kärcher-Plaza „Carmina Burana“ aufführte. „Die Zuhörer waren restlos begeistert, Sie sind wirklich ein Zugewinn für die Stadt“, lobt Holzwarth.

Vom Geheimnis des gemeinsamen Singens

In seiner Festrede beschreibt Gerhard Paulus, was das Besondere am Chorgesang sei, außer dem „ungeheuren Pfund“ hier in Winnenden, in einer 650 Jahre alten Kirche mit einem kunsthistorisch bedeutenden Hochaltar auftreten zu können: „Im gemeinsamen Singen liegt ein Zauber, etwas Persönliches und auch etwas Sinnliches. Dem spüren wir nach, oft merken wir es gar nicht.“ Singen von klein auf sei prägend, bis ins hohe Alter wohltuend: Paulus leitet alle evangelischen Chöre, vom Mini- und Kinderchor mittwochs bis zum „Kleinen Chor“, der sich freitags trifft. 90 Sängerinnen und Sänger kommen allein in die Kantorei-Proben. „Wir sind stolz darauf, dass uns Corona den Zusammenhalt nicht genommen hat“, sagt Paulus.

Freilich sind auch die gemeinsamen Erlebnisse vor allem bei Konzertreisen prägend „und bleiben in meinem Herzen“, so Paulus. Unvergessen das entsetzte Gesicht eines Priesters, als er die Sänger in seiner Sakristei überraschte, sie zogen sich dort um. Oder wie der Chor einen Sänger auf die Bühne schmuggelte. Er hatte seine Konzerthose vergessen, verdeckt von den anderen sang er in kurzen Hosen.

Junge Talente begeistern und bezaubern die Zuhörer

Ensembles aus dem Chor, Sänger und Bläser, gestalten das Programm, aber auch Alla Varkucs, die Profi-Korrepetitorin der Kantorei, hat ihre Auftritte. Sie begleitet zwei Studenten, vermittelt von Prof. Marion Eckstein. Elena Müller begeistert mit bezaubernd klarer Sopranstimme und perfekten Puppenbewegungen (Arie aus Hofmanns Erzählungen), Hannes Nedele singt mit samtener Bariton-Stimme mit ihr ein Mozart-Duett und solo den Zauberflöten-Papageno, bevor er zusammen mit Profi-Trompeter Rainer Schnabel eine Arie aus dem Weihnachtsoratorium aufbietet.

Im Mai 1972 unternimmt die Jugendkantorei eine Konzertreise nach Polen. Der Eiserne Vorhang hat sich durch die Politik von Kanzler Willy Brandt gerade erst einen Spalt weit geöffnet, doch Kantor Hans-Karl Faber ist Feuer und Flamme, als musikalische Botschafter anzutreten. Ziel ist nicht nur, dort Musik in Gottesdiensten und bei Kirchenkonzerten zu machen, sondern mit dieser Art von Begegnung auch zu Friede und Versöhnung beizutragen. Von der zehntägigen Bustour (Breslau, KZ-Gedenkstätte

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