Winnenden

Winnender Pfarrer zu Xavier Naidoo und Verschwörungsmythen: Aussteigen ist hart

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Hans Peter Weiß-Trautwein, Pfarrer in Hertmannsweiler und Weltanschauungsbeauftragter im Kirchenbezirk Waiblingen. © Gaby Schneider

Ist Xavier Naidoo nun geläutert? Oder seine öffentliche Abkehr von Verschwörungserzählungen eine reine PR-Aktion? „Ferndiagnosen verbieten sich“, sagt Pfarrer Hans Peter Weiß-Trautwein (61), „aber ich glaube schon, dass er es ernst meint“. Und selbst, wenn nicht: „Das ist ein Anlass, dass auch andere ins Grübeln kommen.“

Warum sich der evangelische Pfarrer aus Winnenden-Hertmannsweiler überhaupt für Naidoo interessiert? Er ist Weltanschauungsbeauftragter des Kirchenbezirks Waiblingen und Vorsitzender des Beirats für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Beschäftigung mit Verschwörungstheorien und Sekten gehört zu seinem Auftrag.

Er weiß: Längst nicht nur Popstars verfallen kruden Ideologien. Mit unserer Redaktion hat Weiß-Trautwein über Querdenker, Aussteiger und Seelsorger gesprochen.

Die Verschwörungsgemeinschaft gibt Halt, Lebensperspektive, Sinn

„Aus einer Verschwörungswelt auszusteigen ist total vergleichbar mit dem Ausstieg aus einer Sekte oder einer fundamentalistischen christlichen Freikirche“, sagt Hans Peter Weiß-Trautwein. „Sozialpsychologisch ist das wie eine Ehescheidung.“ Die Verschwörungsgemeinschaft gebe Halt, Lebensperspektive, Sinn. Aussteigern fehle diese Gemeinschaft auf einen Schlag – und alte Weggefährten hätten sich womöglich längst abgewandt. „Man hat sich selber zum Außenseiter gemacht, alte Brücken abgebrochen“, erklärt der Pfarrer.

Hinzu kommt: Wer aussteigt, zieht oft den Zorn der Verschwörungsgemeinschaft auf sich. Weiß-Trautwein: „Bei Xavier Naidoo ist das jetzt auch so. Er bekommt Hassnachrichten, weil er die Gemeinschaft der Verschworenen verlassen hat. Ich habe jeden Respekt vor jemandem, der das schafft. Wer wirklich radikal war, steht sozial oft vor dem Nichts.“

Das ist bei Aussteigern aus der rechten Szene ähnlich wie bei Menschen, die religiöse Sekten verlassen oder sich – wie Naidoo – einem kruden Mix aus verschiedenen Verschwörungen von QAnon bis Reichsbürgerbewegung hingegeben haben.

Fall Xavier Naidoo: „Wenn er es ernst meint, tut er genau das Richtige“

Zu Ablehnung und Misstrauen, die Aussteigern von anderen Menschen entgegengebracht werden, gesellen sich die eigene Schuld und Scham. Im Fall von Naidoo wiegt die Schuld schwer, seine Reichweite, seinen Einfluss genutzt zu haben, den Menschen Lügen zu erzählen, sie aufzuhetzen mit absurden Theorien. Hinzu kommt: Er ist womöglich nur an die Öffentlichkeit getreten, um einer Dokumentation der Journalistin Salwa Houmsi für das ZDF zuvorzukommen. Ist sein Entschuldigungsvideo überhaupt ernst zu nehmen?

Hans Peter Weiß-Trautwein sagt: „Man kann das kritisch sehen. Ich würde mal mit Wohlwollen und im Zweifel für den Angeklagten darauf schauen. Wenn er es ernst meint, tut er genau das Richtige, öffentlich zu sagen: Ja ich habe mich geirrt.“

Ein weiteres plastisches Beispiel für Schuld und Scham liefert der Verschwörungsexperte aus der Welt der Impfgegner, die Mythen um vermeintlich massenhaftes Sterben nach Corona-Impfungen aufgesessen sind. „Jemanden vom Impfen abzuhalten, kann für manche Menschen tödlich sein.“ Diese Erkenntnis dürfte für manche Menschen schwer zu verkraften sein.

Drei Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige

Manche Aussteiger brauchten professionelle psychologische Hilfe, sagt der Pfarrer, insbesondere dann, wenn die Familie oder der Ehepartner und Freunde sich abgewendet haben. Drei Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige in Bezug auf Verschwörungserzählungen nennt er:

  • die Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (Link)
  • das Bischöfliche Ordinariat Rottenburg-Stuttgart, Religions- und Weltanschauungsfragen (Link)
  • die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg, Zebra-BW (Link).

Hinter der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen steht auch der Beirat, dem Hans Peter Weiß-Trautwein vorsitzt. Als Weltanschauungsbeauftragter im Kirchenbezirk, dessen Aufgabe auch die Auseinandersetzung mit Verschwörungsmythen ist, weiß er, dass die Gemeinschaften oft „sehr religiös gefärbt“ sind: „Glaube hat viel Erfahrung mit Fundamentalismus.“

Ein Plädoyer für die Großkirchen: "Leisten uns wissenschaftliche Auseinandersetzung"

Weiß-Trautwein plädiert auch deshalb dafür, die Großkirchen zu erhalten: „Wir leisten uns eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, reflektieren, und kennen die Unterschiede zwischen wissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis.“

Nicht nur die Beratungsstellen der Kirche, auch die staatlichen mussten in der Corona-Zeit aufstocken, berichtet Weiß-Trautwein. In der Regel sind es die Angehörigen, die sich bei ihm oder den Beratern melden, weil ein Familienmitglied abdriftet.

Es gebe Forschungen, nach denen rund ein Drittel der Bevölkerung besonders „verschwörungsaffin“ sei. „Grundsätzlich sind wir Menschen so gestrickt. Wenn Ihnen das dritte Missgeschick des Tages passiert, fragen Sie: Wer hat sich gegen mich verschworen?“, sagt der 61-Jährige.

Hilflosigkeit und Ohnmacht machen anfällig für Verschwörungsmythen

Die Pandemie habe für große Verunsicherung gesorgt. Gesellten sich zu einer grundsätzlich wissenschaftsskeptischen Haltung die „Hilflosigkeit und Ohnmacht, gegen das, was in der Welt läuft“ mache das anfällig für einfache Erklärungen.

„Es gab früher schon antisemitische Verschwörungserzählungen und es gab immer eine aufgeklärte Schicht, die das für hirnrissig hielt. Aber wenn sie sich verselbstständigt, ist eine Verschwörungserzählung potenziell tödlich. Diese Mythen sind für jede Demokratie schwierig, weil sie immer in Aggression münden können.“ Der Pfarrer nennt als Beispiel den Tankstellen-Mord von Idar-Oberstein, als ein radikalisierter Querdenker einen Angestellten erschoss.

Dagegenhalten ist wichtig: „Schweigen wird immer als Zustimmung gewertet“

Doch auch im Kleinen – in der Familie, im Freundeskreis – haben Verschwörungsmythen Weiß-Trautwein zufolge eine „zerstörerische Kraft“. Wichtig sei für Angehörige: argumentativ dagegenhalten. „Schweigen wird immer als Zustimmung gewertet.“

Außerdem gelte es, eine rote Linie zu ziehen: „Gewalt, Demokratiefeindlichkeit, Antisemitismus - nicht mit mir.“

Der dritte Tipp, den Weiß-Trautwein hat, fällt womöglich schwer: Kontakt halten.

„Wir müssen uns auf die Versöhnung fokussieren. Wie kriegen wir die Leute nach der Pandemie wieder zusammen? Wie gehen wir wertschätzend miteinander um, ohne recht geben zu müssen, aber auch ohne einander zu beschämen?“ Das Signal „Du bist mir wieder willkommen“ könne abgebrochene Brücken wieder reparieren.

Wieder aufgenommen zu werden, das wünscht Pfarrer Hans Peter Weiß-Trautwein auch dem jahrelang in rechten und antisemitischen Kreisen irrlichternden Xavier Naidoo. Der Sänger hat allerdings noch einige offene Fragen zu beantworten.

Ist Xavier Naidoo nun geläutert? Oder seine öffentliche Abkehr von Verschwörungserzählungen eine reine PR-Aktion? „Ferndiagnosen verbieten sich“, sagt Pfarrer Hans Peter Weiß-Trautwein (61), „aber ich glaube schon, dass er es ernst meint“. Und selbst, wenn nicht: „Das ist ein Anlass, dass auch andere ins Grübeln kommen.“

Warum sich der evangelische Pfarrer aus Winnenden-Hertmannsweiler überhaupt für Naidoo interessiert? Er ist Weltanschauungsbeauftragter des Kirchenbezirks Waiblingen

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