Winnenden

Winnender Schulleiterin zu Lehrermangel: Viele Lehrer stocken freiwillig auf

Lehrermangel
Gute Ideen, um den Lehrermangel schnell zu beheben, sind gefragt. © Gabriel Habermann

Es fehlt an Lehrern, und gute Ideen, was das Land schnell dagegen machen könnte, sind gefragt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann schlug zum Beispiel vor, dass die Teilzeitkräfte unter den Lehrern mehr arbeiten sollten. Wir fragten zwei Schulleiter, was sie davon halten, wo’s wirklich klemmt und welche Lösung sie gut finden.

Valerie Seiler: Wir stocken freiwillig auf

Valerie Seiler, Rektorin der Grundschule Schelmenholz, hörte Ende April die Nachrichten mit der Aussage des Landesvaters, der selbst einst Lehrer war. „Ich dachte: Ist er noch bei Trost? Natürlich sollten Lehrer mehr unterrichten, aber das kann man nicht verordnen.“ Mit der Meinung befindet sie sich in guter Gesellschaft, die Bildungsgewerkschaften und der Philologenverband protestierten damals postwendend und verlangten unter anderem eine Erhöhung der Ausbildungskapazitäten.

Tatsächlich ist der Lehrermangel schon jahrelang ein Problem, dem Kultusminister nichts entgegengesetzt haben. Daher läuft es so: Bei der Prognose im Frühjahr sichten Schulleiter die Lage und sehen dann, dass zum Beispiel fünf Stunden pro Woche nicht abgedeckt wären. „Dann frage ich im Kollegium, wer bereit wäre, mehr zu machen, sein Deputat aufzustocken. Niemand ruft ,Juhu’, weil sich alle bewusst für Teilzeit entschieden haben. Aber bisher haben sich immer Leute gemeldet, wenn Not am Mann war“, ist Valerie Seiler froh.

Doch was ist, wenn Lehrer selbst Kinder haben oder ihre Eltern pflegen? Unendlich oder beliebig können sie ihre Deputate ja eben nicht hochsetzen.

In der Pandemie haben Lehrer freiwillig mehr gearbeitet

Die Pandemie hat jedenfalls dazu beigetragen, dass die Lehrer/-innen freiwillig mehr arbeiten, damit den Kindern nicht schon wieder der Unterricht wegbricht. Denn die Planung gegen Lehrermangel am Schuljahresanfang ist das eine, ungeplant werden Lehrkräfte aber auch mal krank oder schwanger und fallen dadurch aus. Bei einer Corona-Erkrankung beispielsweise ein bis zwei Wochen, ist Nachwuchs unterwegs, geht es um Monate, bis eine Vertretung vom staatlichen Schulamt entsendet wird. Dann muss das Kollegium nicht drei oder fünf Stunden übernehmen, sondern bei einer Vollzeitkraft 28 Stunden.

„Wie soll man das kompensieren? Die Schulleiter werden als Vertretungskräfte eingesetzt, denn sie sitzen ja eigentlich nur im Büro“, sagt Valerie Seiler mit sarkastischem Unterton. Und die Teilzeitkräfte stocken wieder auf, wieder freiwillig. „Wir fühlen eine sehr hohe Verantwortung den Kindern gegenüber, damit alles, was nur geht, stattfinden kann“, sagt die Schelmenholz-Schulleiterin. „Die Lage ist für uns nach wie vor angestrengt, aber wir haben es geschafft, dass in der schlimmsten Phase über zwei Monate nur zwei Stunden pro Woche für jede Klasse ausgefallen sind.“

Dass danach eine neue Kraft anfangen konnte, „war wie ein Sechser im Lotto“, so Seiler.

Wie war das eigentlich früher?

Sie ist schon lange Lehrerin, wie war das eigentlich früher? „Jede Schule hatte ihre Krankheitsvertretungen, oder das Schulamt schickte jemanden.“

Außerdem erinnert sie sich an ein besonderes Arbeitszeitmodell: Das Deputat wurde um eine Stunde erhöht, für fünf Jahre. „Die Mehrarbeit wurde dann fünf Jahre später wieder abgegolten, man hat dann eben eine Stunde weniger gearbeitet. Das kann ich mir aber im Moment für die Kollegen auch nicht vorstellen.“

Jörg Steinl: Froh über Familien-Teilzeit

Jörg Steinl, Leiter des Lessing-Gymnasiums, hat Mathematik studiert und bestätigt, dass das Stundenkontingent natürlich eine „Stellgröße für die Lehrerversorgung“ ist. Doch hält er die Aussage von Winfried Kretschmann „für ungeschickt im Bezug auf Lehrer, denn sie haben in der Krise viel und ohne Murren geleistet“. Gleichwohl hat Teilzeit „eine große Relevanz“, je mehr Lehrer eine kurze Teilzeit haben, desto stärker wirkt sich das auf den Stundenplan aus.

„Ich könnte natürlich besser planen, wenn eine gewisse Stundenzahl nicht unterschritten wird, oder wenn es nur 25 und 50 Prozent geben würde“, sagt Steinl. „Aber ich bin auch froh, dass viele junge Lehrer mit kleinen Kindern wieder zurückkommen. Vielleicht würden sie das gar nicht machen, wenn das Land mehr von ihnen verlangen würde.“

Schon jetzt sei es so, dass Lehrer, die aus freien Stücken weniger arbeiten möchten, sich dies vom Land genehmigen lassen müssen. Nur als junge Familie ist es recht einfach. „Die Teilzeit und auch die längere Elternzeit, nach der man im Beruf keinerlei Nachteile hat, das sind wichtige Güter und Vorbilder für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, findet Jörg Steinl.

Nach seiner Beobachtung ist der „Lehrermangel abhängig von der Schulart und von den Fächern, bei uns gelten die Naturwissenschaften als schwierig, dabei sind sie durchaus reizvoll“. Wer Mathe und Physik studiert hat, erhält aber zurzeit auch „lukrative Angebote in der Wirtschaft“.

Es fehlt an Lehrern, und gute Ideen, was das Land schnell dagegen machen könnte, sind gefragt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann schlug zum Beispiel vor, dass die Teilzeitkräfte unter den Lehrern mehr arbeiten sollten. Wir fragten zwei Schulleiter, was sie davon halten, wo’s wirklich klemmt und welche Lösung sie gut finden.

Valerie Seiler: Wir stocken freiwillig auf

Valerie Seiler, Rektorin der Grundschule Schelmenholz, hörte Ende April die Nachrichten mit der Aussage

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper