Winnenden

Winnender Weihnachtsmarkt abgesagt: Alle Vorbereitungen für die Katz

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Schnelltest Kronenplatz
Corona-Teststation im Schwebezustand: Wegen des geplanten Weihnachtsmarkts wurde sie vom Marktplatz auf den Kronenplatz verlegt – alles umsonst. © Gabriel Habermann
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Weihnachtwi
Weihnachtsmarkt 2019: Solche Menschenmengen sind seither gar nicht mehr denkbar. © Benjamin Büttner

Die Pandemie ist stärker als die Festfreude, und Winnenden kann sich dem Sog der Nachbarstädte nicht entziehen. Am Dienstagvormittag haben die Stadt und der Verein Attraktives Winnenden den ohnehin schon sehr zurückhaltend konzipierten Winnender Weihnachtsmarkt abgesagt. Schwierig war die Absage, weil viele Hoffnungen an dem großen geselligen Ereignis vor Weihnachten hingen: Händler hofften auf eine belebte Innenstadt, Marktbeschicker auf gute Geschäfte nach einem flauen Jahr, Wengerter haben Glühwein hektoliterweise vorbereitet, und jetzt ist alles für die Katz.

Corona-Testzentrum mit Kranwagen zum Kronenplatz transportiert

Aber damit musste man rechnen. Das sehr sorgfältig vorbereitete Event, bei dem ein Riesenaufwand für den Infektionsschutz betrieben wurde, stand schon seit einer Woche auf der Kippe. Am Freitag, 19. November, zum Beispiel, musste Noah Schäftlmeier, der Betreiber der Corona-Teststation auf dem Marktplatz, seine Container abtransportieren lassen zum Kronenplatz. Damals sagte er: „Ich mach’s. Aber ich glaube nicht, dass dieser Weihnachtsmarkt stattfindet.“ Dass der Transport eine Stange Geld kostet, kann man sich denken.

Die Stadt steckt im Dilemma zwischen Festfreude und Infektionsschutz

Als am Samstag in unserer Zeitung eine Vorschau auf den Weihnachtsmarkt und auf der nächsten Seite ein Appell des Oberbürgermeisters zur Vorsicht im Umgang mit Corona erschienen, fanden etliche Zeitungsleser, dass die beiden Beiträge nicht zusammenpassen. Die Stadt steckte sichtbar im Dilemma zwischen der Rettung einer Einkaufsstimmung vor Weihnachten und dem Schutz der Bürger vor einer Corona-Erkrankung.

Die geplatzten Hoffnungen der Marktbeschicker sind bitter, aber nüchtern betrachtet ist es so: Manche haben von sich aus in den letzten Tagen abgesagt, weil sie nicht mehr an das große Fest glaubten. Einer der Marktbeschicker wäre die Wengerterfamilie Siegloch gewesen. In den Vorbereitungen hat sie die Marktabsage erwischt. Birgit Siegloch hat schon Weihnachtsgutsle für den Markt gebacken, eine Waffelbäckerei war vorbereitet, und Markus Siegloch hatte schon viele Liter Glühwein angesetzt, was im Prinzip weitere Winnender Winzer genauso gemacht haben. Was macht er jetzt mit dem Glühwein? „Wir haben alles in Bag-in-Boxes abgefüllt.“ Wer ein bisschen Festgefühl zu Hause haben möchte und seinem Wengerter etwas Gutes tun will, der kann mal nachfragen.

So richtig verboten war der Weihnachtsmarkt ja nicht

Für die Wengerter ist es immer noch am besten, sie verkaufen den Wein. Denn ob sie für diesen Marktausfall jetzt staatliche Corona-Hilfe bekommen, ist zweifelhaft. Es gibt ja keine staatliche Verordnung, die den Weihnachtsmarkt verboten hätte. Es waren die Stadt und der Verein, die abgesagt haben. Am Dienstag war die Stadt sozusagen im Zugzwang durch die Marktabsagen von Stuttgart, Ludwigsburg und Esslingen. „Als einer der ganz wenigen Weihnachtsmärkte in der gesamten Region hätten wir vermutlich einen erheblichen Besucherandrang erlebt, der mit unserem ausgefeilten 2G-plus-Hygienekonzept dann nicht mehr in Einklang und vor allem nicht mehr kontrollierbar gewesen wäre. Schweren Herzens müssen wir daher den Weihnachtsmarkt nun leider doch absagen“, erklärte OB Holzwarth.

OB Holzwarth erinnert an die aktuelle Situation in den Kliniken

Die Entscheidung wurde laut Holzwarth abgestimmt mit den Rathausspitzen aus Schorndorf und Backnang: „Wir sind traurig über die Absage und die schlimmen Folgen für die Marktleute. Aber in Anbetracht der aktuellen Situation in den Kliniken, und im Interesse unserer gesamten Bevölkerung, haben sich die Großen Kreisstädte im Rems-Murr-Kreis darauf verständigt, die jeweiligen Weihnachtsmärkte in diesem Jahr abzusagen. Die Reduzierung des Infektionsgeschehens hat oberste Priorität, auch wenn unser Konzept gut vorbereitet war.“

Marktbeschicker müssen auf notwendige Einnahmen verzichten

Michael Rieger, Vorsitzender des Vereins „Attraktives Winnenden“, ist in diesem Fall gar nicht glücklich über den Entscheidungsspielraum, den Bundes- und Landesregierung den Städten und Vereinen gelassen haben: „Eine klare und frühzeitige Entscheidung der Landesregierung hätte für Klarheit gesorgt. Stattdessen wird die Verantwortung auf die Veranstalter abgedrückt. Die Entscheidung der Absage fällt uns sehr schwer, insbesondere für die zahlreichen Marktbeschicker, die zum wiederholten Male auf dringend notwendige Einnahmen verzichten müssen.“

Was bedeutet dieser Verzicht zum Beispiel für die Winnender Wengerterfamilien, die auf dem Markt präsent sein wollten? Sie werden auf dem sitzenbleiben, was sie vorbereitet haben. Das schädigt sie in einer ohnehin schwierigen Zeit. Aber wäre der Weihnachtsmarkt überhaupt gut geworden unter den aktuellen Umständen? Festhungrige hätten ihn überfüllt, damit rechnet jeder. Und Wengerter Markus Siegloch gibt unumwunden zu: „Wir wollten mitmachen, aber ich hatte Bauchschmerzen, als ich das Hygienekonzept sah.“

Die Mischung aus Geimpften und Ungeimpften

Die Krux beim Winnender Weihnachtsmarkt ist, dass Geimpfte und Ungeimpfte nicht getrennt werden können, weil der Markt mitten in der Stadt und im öffentlichen Einkaufsbereich stattfindet. Davon kann man keine Ungeimpften ausschließen. Also wäre es zu ansteckungsfördernden Begegnungen gekommen. Nur ein Beispiel: Als Geimpfter geh' ich munter da rein, schlurfe mit meiner Glühweintasse und einer Bratwurst übers Pflaster und begegne einem Bekannten, der sich ein Paar Wollfilz-Einlegesohlen gekauft hat, Mundschutz trägt und nichts zu essen hat. Wir plaudern ein wenig über die vollgeparkten Winnender Wohngebiete und gehen wieder auseinander. Mal angenommen, ich wäre unbemerkt infiziert gewesen: Den Ungeimpften hätte ich ganz schön eingedeckt. Und in der Kälte hätte sich das Virus mit seiner Fettschicht gut erhalten können. Es wäre eine nette Begegnung gewesen mit bösen Folgen für den Ungeimpften – obwohl der keinen Tropfen Glühwein und keine Bratwurst zu sich nehmen durfte.

Die Pandemie ist stärker als die Festfreude, und Winnenden kann sich dem Sog der Nachbarstädte nicht entziehen. Am Dienstagvormittag haben die Stadt und der Verein Attraktives Winnenden den ohnehin schon sehr zurückhaltend konzipierten Winnender Weihnachtsmarkt abgesagt. Schwierig war die Absage, weil viele Hoffnungen an dem großen geselligen Ereignis vor Weihnachten hingen: Händler hofften auf eine belebte Innenstadt, Marktbeschicker auf gute Geschäfte nach einem flauen Jahr, Wengerter

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