Winnenden

Winnender Wiederholungstäter vor Gericht: Ein unverbesserlicher Exhibitionist?

Symbolfoto Amtsgericht
Symbolbild. © Joachim Mogck

Ein Winnender Exhibitionist beschäftigt die Justiz seit Jahren. Immer wieder zeigt er fremden Frauen seinen Penis und spielt daran herum. Bewährungsstrafen halten ihn nicht davon ab. Und doch: Ins Gefängnis muss er bislang nicht. Die vierte Verhandlung gegen ihn innerhalb weniger Jahre wegen des immer gleichen Vergehens wurde jetzt am Amtsgericht Waiblingen unterbrochen: Ein Gutachter müsse bestellt werden, um festzustellen, ob der Mann überhaupt therapierbar vom Exhibitionismus ist.

Vier junge Zeuginnen werden nicht gehört

Die insgesamt vier jungen Frauen jedenfalls, die der 33-Jährige aus Kamerun gleich zweimal innerhalb einer Woche Anfang Mai in diesem Jahr belästigt hat, schickt Richter Fabian Lindner nach Hause, ohne sie überhaupt als Zeuginnen vernommen zu haben. Das Gericht melde sich, wenn sie noch einmal gebraucht würden. Die jungen Frauen ziehen verdutzt von dannen, womöglich erleichtert darüber, die unangenehmen Erlebnisse nicht noch einmal ausführlich vor Fremden schildern zu müssen.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte da schon eingeräumt. An einem Abend im Mai in der Winnender Markstraße hatte er bei geöffneter Hose an seinem heraushängenden Glied herumgespielt. Dabei guckte er in Richtung der Freundinnen, sprach diese direkt an. Nur eine Woche später, wieder abends in der Marktstraße, wiederholte sich das Ganze. Die jungen Frauen – vermutlich abermals zufällige Opfer – erkannten den Mann wieder, eine zückte ihr Smartphone und filmte ihn. Er versuchte noch sein Gesicht zu verdecken. Die Frauen erstatteten Anzeige.

„Wütend“ sei er, sagt der Angeklagte

Es passiere einfach, berichtet der Angeklagte zerknirscht vor Gericht. Er könne das nicht kontrollieren und wisse danach stets überhaupt nicht, warum er es schon wieder getan habe. Sexuelle Befriedigung verspüre er bei seinen Handlungen nicht, sie dienten dem Abbau von Druck und Stress. „Wütend“ sei er, wenn er seinen Penis aus der Hose hole, danach gehe es ihm besser – auch wenn kurz darauf die Scham einsetze.

Es ist das vierte Mal, dass sich der Exhibitionist vor Gericht verantworten muss. Zuletzt war im Oktober 2021 gegen ihn verhandelt worden, weil er im März 2021 in der S-Bahn nach Winnenden vor einer Frau an seinem Penis herumgespielt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits wegen desselben Vergehens auf Bewährung. Ein entsprechend ausgesetztes Urteil des Amtsgerichts Stuttgart vom Dezember 2020 hatte gelautet: Sieben Monate Freiheitsstrafe.

Staatsanwalt, Richter und Verteidiger waren sich am Amtsgericht Waiblingen im Oktober dennoch einig: Ins Gefängnis soll der Mann nicht müssen, trotz des einschlägigen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen.

Anstatt ins Gefängnis wurde er zur Therapeutin geschickt

Hintergrund: Der Kameruner hatte in der Verhandlung angegeben, endlich offen homosexuell zu leben und einen Partner gefunden zu haben. Der Mann – der übrigens Deutschkurse absolviert hat und in Lohn und Brot ist, sich vor Gericht auch tadellos benimmt – vermittelte den Prozessbeteiligten damals den Eindruck, er würde nicht mehr rückfällig werden.

Anstatt ins Gefängnis wurde er in Therapie geschickt. Eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten verhängte der Richter zwar, setzte sie aber zur abermaligen Bewährung aus.

Wie beschrieben: Das ging schief. Zwar hat sich der Mann tatsächlich in Therapie begeben und verzeichnet nach Angaben seiner Psychologin auch Fortschritte – die kurze Zeit nach der Verurteilung im Oktober hat aber offensichtlich nicht genügt, ihm das Entblößen abzugewöhnen.

Wie die Psychologin vor Gericht als Zeugin ausführt, leidet der Mann an mittelschweren bis schweren Depressionen, Schlafstörungen und aufgrund einer drohenden Abschiebung an Existenzängsten. Sein krankhafter Exhibitionismus sei nur im Zusammenspiel mit den anderen psychischen Problemen zu therapieren. Hinzu komme: „Exhibitionismus gehört zu den eher weniger erforschten sexuellen Präferenzstörungen. Es gibt nur sehr wenige Fälle. Das ist nicht superleicht zu therapieren.“ Eine Prognose, wann, ob und in welchem Maße ihre Therapie fruchtet, wage sie nicht abzugeben, sie sei ja keine Gutachterin. Die Antwort auf diese Frage – ob der Mann überhaupt therapierbar ist – wird aber letztlich darüber entscheiden, ob er ein weiteres Mal auf freiem Fuß bleiben darf.

Ist die „Heilbehandlung“ möglich?

Denn eine vermeintlich günstige Sozialprognose, wie im Oktober fälschlicherweise gestellt, kommt für den Angeklagten nicht mehr infrage, da sind sich alle Beteiligten einig, auch der Verteidiger. Die letzte Chance für seinen Mandanten ergibt sich unmittelbar aus dem Exhibitionismus-Paragrafen 183 im Strafgesetzbuch.

Dort heißt es in Absatz 3: „Das Gericht kann die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe auch dann zur Bewährung aussetzen, wenn zu erwarten ist, dass der Täter erst nach einer längeren Heilbehandlung keine exhibitionistischen Handlungen mehr vornehmen wird.“ Kommt der jetzt bestellte Gutachter zu diesem Schluss, dürfte der Mann einer Gefängnisstrafe erneut entgehen. Es wäre ihm – und allen Frauen, die darauf verzichten können, von ihm belästigt zu werden – zu wünschen, dass die Therapie gelingt. Die Kehrseite: Bleibt er auf freiem Fuß, sind weitere Übergriffe nicht unwahrscheinlich.

Sollte der Gutachter zum Schluss kommen, auch eine „längere Heilbehandlung“ würde nicht helfen, muss der Mann die Strafe, die das Gericht über ihn verhängen wird, zum ersten Mal auch wirklich absitzen. Er wäre dann, wenn auch nur vorübergehend, aus dem Verkehr gezogen.

„Küchenpsychologie“ der Beteiligten

Der Verteidiger des Mannes räumt im Nachgang an die jetzt unterbrochene Verhandlung ein, beim Prozess im vergangenen Oktober hätten der Richter, der Staatsanwalt und er selbst „Küchenpsychologen“ gespielt. Die Beteiligten hatten quasi darauf gewettet, dass dessen homosexuelles Outing den entscheidenden Druck aus dem Kessel nehmen und der Mann sein Laster in den Griff bekommen würde.

Schon damals hätte das Gericht eigentlich einen Gutachter bestellen müssen, um herauszufinden, ob eine Therapie für den Mann Aussicht auf Erfolg hat. Das Versäumnis wird jetzt nachgeholt. Denn eine Diagnose „Exhibitionismus“ gibt es für den Angeklagten offenbar noch gar nicht, lediglich ein früheres Gutachten – das ihm die volle Schuldfähigkeit bescheinigt.

Ein Winnender Exhibitionist beschäftigt die Justiz seit Jahren. Immer wieder zeigt er fremden Frauen seinen Penis und spielt daran herum. Bewährungsstrafen halten ihn nicht davon ab. Und doch: Ins Gefängnis muss er bislang nicht. Die vierte Verhandlung gegen ihn innerhalb weniger Jahre wegen des immer gleichen Vergehens wurde jetzt am Amtsgericht Waiblingen unterbrochen: Ein Gutachter müsse bestellt werden, um festzustellen, ob der Mann überhaupt therapierbar vom Exhibitionismus

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