Winnenden

Winnender Zeitung berichtete als Einzige weit und breit am 8. Mai 1945  von der Kapitulation

Winnender Zeitung
Nur wenige Zeitungen erschienen am 8. Mai 1945, eine davon in Winnenden. © zvw/Schmitzer

Woher hatten die Winnender eigentlich ihre Information über den Krieg und sein Ende vor 75 Jahren? Es gab den Vorläufer der Winnender Zeitung, das Volks- und Anzeigeblatt im Verlag Kreh, das im selben Haus geschrieben wurde wie heute die Winnender Zeitung. Aber dieses Volksblatt war dermaßen unter dem Zwang der Nazis, dass es vom Kriegesende keine Silbe ankündigte. Selbst am 20. April 1945 war die damalige Winnender Zeitung noch voller Durchhalteparolen – und schon am 21. April 1945 erschien sie gar nicht mehr. Denn an jenem Tag war Winnenden schon von den Amerikanern besetzt und der Krieg für Winnenden zu Ende.

Fast ganz Deutschland hatte keine Tageszeitung mehr

Von da an erfuhren die Bürgerinnen und Bürger das Wichtigste aus Militär- und Auslandsradiosendern und aus Plakaten der Militärverwaltung. Der Durst nach Nachrichten von einer Winnender Zeitung war groß. Aber fast ganz Deutschland hatte in diesen Tagen keine Tageszeitung mehr.

Wikipedia kennt nur zwei deutsche Zeitungen, die an jenem Tag erschienen

Das von anonymen Autoren befütterte Internetlexikon Wikipedia behauptet über den 8. Mai 1945 in Deutschland: „Als erstes freies Blatt - ohne Nazi-Propaganda - konnten die Aachener Nachrichten die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 vermelden. Sie war damit eine von zwei Zeitungen Deutschlands, die an diesem Tag davon berichteten. Die andere Zeitung war die Flensburger Nachrichten aus Flensburg, wo sich die letzte Reichsregierung befand.“

Pardon, Wikipedia: Im Winnender Stadtarchiv und im Verlagsarchiv der Winnender Zeitung kann man sehen, dass außer Flensburg und Aachen mindestens noch eine Zeitung aktuell am 8. Mai über die Kapitulation des Deutschen Reichs berichtete: das Volks- und Anzeigeblatt Winnenden, gedruckt am Viehmarktplatz.

Zeitung bereitet auf die Zeit nach dem Nationalsozialismus vor

Darin schrieb ein Redakteur namens Hermann Matthes am 8. Mai 1945 vom „Ende der Illusionen“. Der Mann, der damals im Auftrag von Lokalverleger Wilhelm Kreh die Redaktion der Zeitung übernommen hatte, bereitete die Winnender auf die Zeit nach dem Nationalsozialismus vor und setzte sich in vielen Leitartikeln kritisch mit der Nazivergangenheit auseinander. Er war spürbar ein von niemandem gesteuerter, unabhängiger Redakteur, was vielleicht ein Grund war, weshalb die Zeitung unbehelligt über Wochen hinweg erscheinen konnte.

Telefon und Telegraf funktioneiren nicht

Das Blatt war nur halb so groß wie die normale Zeitung – wegen Papiermangels. Und es hatte Überschriften wie „Hitler ist tot“, „Der Krieg ist zu Ende“ und „Zum neuen Beginn“. Verleger Wilhelm Kreh und sein Redakteur Hermann Matthes setzten alles Notwendige ins Blatt. Trotz wiederholten Stromausfalls, trotz schwieriger Nachrichtenbeschaffung hatten sie am 8. Mai topaktuell die Eilmeldung im Blatt: „Bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte: Im Hauptquartier General Eisenhowers hat in der Nacht zum Montag, 2.41 Uhr, General Jodl im Auftrage Großadmirals von Dönitz die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte unterzeichnet.“ Wirksam wurde die Kapitulation am Dienstag, 8. Mai 1945, dem ersten Erscheinungstag der absolut ungewöhnlichen Winnender Zeitung nach dem Kriegsende. Wir heutigen Winnender Redakteure, verwöhnt vom Internet und der digitalen Nachrichtenverarbeitung, können uns nur verneigen vor unseren damaligen Kollegen: Mit Telegramm-Nachrichten bei wackeligen Nachrichtenverbindungen, mit Bleisatz und einem Riesenaufwand an Handarbeit so schnell eine Zeitung zustande zu bringen ist Höchstleistung.

In Winnenden hatte Verleger Kreh den Wunsch der Bevölkerung gespürt: „Das Bedürfnis nach einer Zeitung hat sich im Laufe der letzten Tage so stark entwickelt, dass wir uns entschlossen haben, im Rahmen des Möglichen wieder einen bescheidenen Anfang zu machen“, stand in der ersten Ausgabe. Schwer genug war’s: „Solange Post und Eisenbahn, Telefon und Telegraf noch nicht funktionieren, müssen wir uns einfacher Behelfsmittel bedienen.“

Am Mittwoch, 9. Mai, erschien eine wichtige Nachricht für die Winnender: „Die Verdunkelung ist aufgehoben.“ Erstmals nach Jahren der Angst vor Luftangriffen durften die Leute wieder Licht durch die Fensterladenschlitze schimmern lassen. Evangelische, methodistische und katholische Gottesdienste wurden angekündigt.

Redakteur spricht die alten Nazis an, die plötzlich keine Nazis sein wollen

Hermann Matthes, der für wenige Wochen Redakteur in Winnenden war, schrieb damals den Winnendern einiges ins Stammbuch: „Gar viele Zeitgenossen haben jetzt entdeckt, dass sie nie mit den Nazis sympathisierten ... Fragt man bescheiden, warum sie, die jetzt so mannhafte Nazigegner sind, trotzdem so lange bemüht waren, für echte gute Nazis zu gelten, hört man die schlichte Antwort: M’r hot müassa! Es soll auf niemand mit Fingern gezeigt werden. Es ist wahr, viele haben müassa. Mussten aber alle?“ Nach einigen Sätzen schrieb Matthes: „Beleidigte Unschuld zu spielen, weil m’r hot müassa, ist wenig würdig. Niemand muss müssen!“

Am Freitag, 1. Juni 1945, war dann doch Schluss mit dieser damals einzigartigen Zeitung. Verleger und Redakteur verkündeten an jenem Tag das einstweilige Ende mit Rücksicht auf die „allgemeine Neuordnung des Pressewesens durch die alliierte Militärregierung“.

Woher hatten die Winnender eigentlich ihre Information über den Krieg und sein Ende vor 75 Jahren? Es gab den Vorläufer der Winnender Zeitung, das Volks- und Anzeigeblatt im Verlag Kreh, das im selben Haus geschrieben wurde wie heute die Winnender Zeitung. Aber dieses Volksblatt war dermaßen unter dem Zwang der Nazis, dass es vom Kriegesende keine Silbe ankündigte. Selbst am 20. April 1945 war die damalige Winnender Zeitung noch voller Durchhalteparolen – und schon am 21. April 1945 erschien

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