Winnenden

Wirte in Winnenden über Sperrstunde in der Gastronomie: „Das ist tödlich für uns“

Turmstüble
Jochen Baumann (steht rechts) ist seit 35 Jahren Wirt im Turmstüble. Für seine Gäste gibt es eine Runde Schnaps. © Alexandra Palmizi

„Oh je. Des isch doch alles en Scheißdreck“, stöhnt der Turmstüble-Wirt. Jochen Baumann ist bekannt dafür, dass er sein Herz sprichwörtlich auf der Zunge trägt. Im Vergleich zu Zeiten vor der Pandemie hat er Umsatzeinbußen von 50 Prozent zu beklagen. Seit etwas mehr als zwei Wochen kommt für ihn um 22.30 Uhr die Sperrstunde hinzu. Besonders problematisch für Kneipen wie das Turmstüble: Fußballfans müssen dann während des Spiels nach Hause, wenn sie denn überhaupt noch kommen.

Die jungen Gäste kommen, Ältere bleiben eher weg

„Von Mai bis Mitte September war es im Turmstüble fast wie vor der Pandemie“, erinnert sich der Wirt. Der Biergarten sei von den Gästen super angenommen worden. Der Wirt hat dort einen Pavillon aufgebaut. Nass wurde also niemand. Dann wurde es kälter und mit den Temperaturen sank auch die Anzahl der Gäste. „Seitdem ist es ein Dilemma“, sagt Baumann. Aufgefallen ist ihm, dass es vor allem ältere Gäste sind, die nicht mehr kommen. „Da habe ich von manchen gehört, die sich nicht impfen lassen möchten, weil sie Bedenken haben“, berichtet er. Die jungen Leute haben damit weniger ein Problem, so sein Eindruck. „Da sind eigentlich alle geimpft. Ärger hat es wegen dem Impfstatus nie gegeben“, stellt der Wirt des Turmstübles fest.

Jochen Baumann: „Heutzutage geht man doch erst um 22 Uhr los“

Momentan gilt für Kneipen die 2G-plus-Regel. Wer geboostert ist, erfüllt alle Zutrittsbedingungen. Bei wem die zweite Impfung oder die Genesung länger als drei Monate zurückliegt, der muss zusätzlich einen Nachweis eines Corona-Schnelltests vorlegen, der nicht älter als 24 Stunden ist. „Wenn das mal jemand vergisst, kann man auch bei mir Tests machen. Ich habe eine Schulung gemacht“, erzählt Baumann. Hoch sei die Nachfrage nach Schnelltests bislang allerdings nicht. „Seit Mitte des vergangenen Jahres habe ich vielleicht 60 oder 70 Stück gemacht“, schätzt er.

Was im Gegensatz zur Kontrolle des Impfstatus' aus Baumanns Sicht gar nicht geht, das ist die Sperrstunde für Bars und Kneipen ab 22.30 Uhr. „Das ist tödlich für uns“, sagt der Wirt deutlich. Grund sei das veränderte Ausgehverhalten der jungen Gäste. „Heutzutage geht man doch erst um 22 Uhr los, wenn man am Wochenende etwas macht“, weiß Baumann.

Wer rauchen geht oder auf die Toilette, muss an die Maske erinnert werden

Im Turmstüble werden außerdem Sportveranstaltungen übertragen. In der Fußall-Champions-League beginnt ein Großteil der Spiele erst um 21 Uhr. „Da kommt niemand in die Kneipe. Ich muss die Gäste ja mitten in der zweiten Halbzeit rausschmeißen“, ärgert sich der Wirt und nennt als Beispiel noch das Finale der Darts-Weltmeisterschaft. „Normalerweise wäre die Hütte voll gewesen. Aber die Leute wussten, dass das Spiel länger als 22.30 Uhr geht, und haben zu Hause geguckt“, schimpft Baumann.

Wie sich die Sperrstunde auf die Bar Amis in der unteren Marktstraße auswirkt, wissen die Betreiber indes noch gar nicht. „Wir haben seit dem 24. Dezember Betriebsferien“, erzählt Geschäftsführer Amel Ademi. Eigentlich habe man den heiligen Vormittag noch mitnehmen wollen. Dann kam ein Anruf seitens der Stadt. „Wir wollten angesichts der Corona-Situation nichts riskieren und haben uns dann entschlossen, doch nicht zu öffnen“, erzählt der Geschäftsführer am Telefon.

Generell kann sich der Betreiber momentan nicht beschweren, wie er sagt. „Die Nachfrage ist da.“ Es gebe schon Gäste, die inzwischen nicht mehr kommen. Das seien allerdings nur ein paar wenige. Die, die kommen, halten sich an die Regeln. Zumindest größtenteils. „Am Wochenende, wenn es später wird, müssen wir manchen schon sagen, dass sie auf dem Weg zur Toilette oder zum Rauchen ihre Masken aufziehen sollen.“ Ab dem 18. Januar wird die Bar öffnen. Dann sind die Akkus beim Personal wieder voll, wie Ademi sagt. Durch die Sperrstunde sind die Öffnungszeiten deutlich verkürzt, schließlich ist freitags und samstags eigentlich bis 2 Uhr geöffnet, unter der Woche bis 0 Uhr.

Dass die Gäste sich große Mühe geben, um sich an alle Regeln zu halten, hat die Geschäftsführerin vom Glückskind an der Paulinenstraße, Annika Traffa, festgestellt. „Sie freuen sich, dass wir ordnungsgemäß kontrollieren und ihnen dadurch Sicherheit gewährleisten können“, schreibt sie auf Nachfrage per E-Mail. Ein Gästerückgang sei meist dann zu verzeichnen, wenn die Coronaverordnung geändert wird. Traffa vermutet, dass ihre Gäste dann verunsichert sind.

Dehoga: Nicht förderlich für eine Entzerrung des Andranges

Auch sie sieht die Sperrstunde kritisch, meint, dass die Leute sich deshalb lieber gleich zu Hause treffen. Trotzdem ist das Weihnachtsgeschäft unter den aktuellen Umständen gut gelaufen, war „jedoch in keiner Weise mit der Zeit vor Corona zu vergleichen“. Sie hofft, dass sich an den Sperrzeiten bald etwas ändert. „Wir sind auf das Winter- und Frühjahrsgeschäft angewiesen, was uns momentan natürlich sehr schwer gemacht wird“, schreibt sie.

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga pocht ebenso auf eine baldige Abschaffung der Sperrstunde. „Öffnungszeiten-Beschränkungen für die Gastronomie sehen wir generell kritisch, zumal sie einer Entzerrung des Gäste-Andrangs, die ja gerade in Pandemiezeiten wünschenswert ist, nicht förderlich sind. Dehoga appelliert daher an die Landesregierung, baldmöglichst wieder reguläre Öffnungszeiten zuzulassen“, heißt es auf Nachfrage.

Die Landesregierung will die Regeln bis zum 1. Februar beobachten, hat die Sperrstunde am Mittwoch allerdings vorerst um eine Stunde bis 6 Uhr verlängert.

„Oh je. Des isch doch alles en Scheißdreck“, stöhnt der Turmstüble-Wirt. Jochen Baumann ist bekannt dafür, dass er sein Herz sprichwörtlich auf der Zunge trägt. Im Vergleich zu Zeiten vor der Pandemie hat er Umsatzeinbußen von 50 Prozent zu beklagen. Seit etwas mehr als zwei Wochen kommt für ihn um 22.30 Uhr die Sperrstunde hinzu. Besonders problematisch für Kneipen wie das Turmstüble: Fußballfans müssen dann während des Spiels nach Hause, wenn sie denn überhaupt noch

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