Winnenden

WM-Fieber in Winnenden? Hält sich in Grenzen! Aber im Turmstüble geht was ...

WM: Deutschland-Japan
Da war die Welt noch in Ordnung: Jubel im Turmstüble über das erste deutsche WM-Tor. © Alexandra Palmizi

Wie steht’s eigentlich um das WM-Fieber in Winnenden? Dieser Frage ist unsere Redaktion während des ersten Vorrundenspiels der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Katar nachgegangen. Kurz berichtet: Von kollektiver Euphorie ist am Mittwochnachmittag in der Stadt nichts zu spüren. Keine Fahnen, keine Trikots, keine Fangesänge. Bei unserer kleinen Kneipentour sind wir dennoch auf ein paar gut gelaunte Fußballfans gestoßen. Das war allerdings noch in der ersten Halbzeit.

Im Vorfeld der vielkritisierten WM haben viele Gastronomen mit der Entscheidung gehadert: Sollten sie die Spiele zeigen oder nicht? Das Café Glückskind zum Beispiel entschied sich ganz bewusst dagegen – ein kleines Zeichen des Protests. Damit sollten aber, das machte Wirtin Annika Braun deutlich, nicht Kollegen in Misskredit gebracht werden, die traditionell stärker auf den Zuspruch der Fußballfans angewiesen sind. Und bei denen wurde am Mittwochnachmittag auch Fußball geguckt.

Gezeigt werden die WM-Spiele in Winnenden zum Beispiel im Turmstüble, im Jägerstüble (nur nicht sonntags), in der Blue Bar, im D-Zügle, in der Café Red Sportsbar, im Amis und im Fachwerk, unserer ersten Station.

Als kurz vor 14 Uhr die Hymnen erklingen und die Kamera von Spieler zu Spieler schwenkt, ist in dem Restaurant noch „tote Hose“, wie Kellnerin Sarap Jungwirth es ausdrückt. „Ich denke nicht, dass es noch voll wird“, sagt sie. 14 Uhr im Winter? Einfach keine Anstoßzeit. Neben wenigen Gästen, die sich nur teilweise für Fußball interessieren, ist immerhin einer heiß auf die Partie der DFB-Elf. Allerdings nicht wegen Schlotterbeck und Co.: Fachwerk-Praktikant Kaan (15) aus Leutenbach begeistert sich auch abseits des Fußballs für Japan und hat sich zum Gucken ein Trikot des deutschen Gegners übergestreift.

„Bislang null Begeisterung“

Ein Deutschland-Trikot trägt ein paar Meter die Marktstraße hinab der Amis-Wirt. Auf zwei Bildschirmen wird das Spiel draußen übertragen. Es läuft die achte Minute, Japan hat gerade ein Tor erzielt – das zählt aber nicht, war abseits! Der ein oder andere Passant bleibt stehen und guckt kurz rein. An einem Tisch im Freien stehen auch die Kumpels Jakob, Raul, Dennis und Marc. „Das ist das erste Spiel, das ich mir anschaue“, sagt Student Jakob. Bei früheren Turnieren habe er sich fast alles gegeben, dieses Mal „maximal die Deutschlandspiele“, sagt er. „Ich hätte jetzt lieber Bundesliga.“ Auch Raul, der spontan dazugestoßen ist, verspürt „bislang null Begeisterung“, glaubt aber, wie Marc, dass sich das noch ändern könnte: „Lass mal Deutschland im Halbfinale stehen, dann ist hier alles voll ...“

Uneins sind sich die jungen Männer darüber, ob die Diskussionen über Kapitänsbinden, Menschenrechte und FIFA-Korruption nun aufgebauscht sind und voller Doppelmoral stecken, oder ob es „schon nicht schadet, wenn man drüber spricht“.

Kurzer Zwischenstopp in der Blue Bar, wo Inhaber Theo Kritomanis das Spiel mit einem Kumpel verfolgt. Gäste? Noch keine. „Ist ja normal, mittwochs um 14 Uhr“, sagt er schulterzuckend. Am Sonntag, wenn Deutschland um 20 Uhr gegen Spanien spielt, dürfte sich das ändern.

Mit Fans, die nach dem Weihnachtsmarkt noch in sein Lokal kommen, rechnet auch Turmstüble-Wirt Jochen Baumann. Am Mittwochnachmittag (Spielstand: 0:0) sind im Vorzelt noch viele Plätze frei, drinnen hat sich aber ein gutes Dutzend Gäste vor der Leinwand versammelt. Baumann selbst trägt ein Deutschland-Trikot und hat sich von seinen Mitarbeiterinnen zu ein bisschen schwarz-rot-goldener Dekoration überreden lassen. „Wir machen jetzt das Beste draus“, sagt er. Frage in die Runde: „Wie ist die Stimmung?“ „Hoffnungsvoll!“, ruft einer. Während des Spiels wird über Fußball diskutiert, nicht über Kapitänsbinden. Klaus (70) sagt: „Ich bin realistisch. Wir sind zurzeit nicht die Überflieger.“

Jubel im Turmstüble über das 1:0

Kurz darauf jedoch: freudige Erregung! Der Schiedsrichter zeigt auf den Punkt, Elfmeter für Deutschland. Als Gündogan trifft, schallen Jubelschreie durchs Turmstüble. Fäuste werden gereckt, Hände geklatscht.

Noch vor der Halbzeitpause spaziert der Redakteur zurück in Richtung Arbeitsplatz. Die Stimmung im Turmstüble war schon nicht schlecht – vielleicht packt Winnenden ja doch noch das WM-Fieber?

Vor der Redaktion am Schaufenster steht ein Mann und liest die Zeitung, die hier aushängt. Ob er sich denn nicht für Fußball interessiere? Der Mann, Ewald Kornfeind, ledert los: „Normalerweise schon, ich habe auch 30 Jahre lang selber Fußball gespielt, aber das tu ich mir nicht an!“ Der Rentner schimpft über die FIFA, Korruption, tote Arbeiter, mangelnde Nachhaltigkeit. Niemals hätte die WM nach Katar vergeben werden dürfen, findet er. Ganz bewusst habe er sich deshalb heute für den Besuch eines Freundes in Winnenden entschieden und bummle jetzt noch ein bisschen durch die Innenstadt.

So muss er immerhin nicht erleben, wie Deutschland erst die Führung und dann sogar das Unentschieden verspielt. Klaus im Turmstüble hatte es ja schon befürchtet: „Die Japaner sind quirliger als wir.“ Wenigstens der Fachwerk-Praktikant hat einen Grund zum Jubeln.

Wie steht’s eigentlich um das WM-Fieber in Winnenden? Dieser Frage ist unsere Redaktion während des ersten Vorrundenspiels der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Katar nachgegangen. Kurz berichtet: Von kollektiver Euphorie ist am Mittwochnachmittag in der Stadt nichts zu spüren. Keine Fahnen, keine Trikots, keine Fangesänge. Bei unserer kleinen Kneipentour sind wir dennoch auf ein paar gut gelaunte Fußballfans gestoßen. Das war allerdings noch in der ersten Halbzeit.

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