Winnenden

Wohnraum für Flüchtlinge gesucht – ohne Wucher

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Integrationsbeauftragte Franka Zanek, ihre Bufdis Husam Ameen und Tarek Khallouf (rechts), Sozialarbeiter Stefan Steiger und der ehrenamtliche Dolmetscher Rafid Taii (links sitzend) im Gespräch mit Bewohnern des Notquartiers Buchenbachhalle, das am 31. Mai aufgelöst wird. © Habermann / ZVW
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Ehrenamtliche Dagmar Hoffmann (links) erklärt den Flüchtlingen mit Anerkennungsstatus, dass sie übergangsweise eng, nicht komfortabel, aber in Winnenden unterkommen. © Habermann / ZVW

Winnenden. Die Stadt sucht Wohnungen und Häuser. Sie will Flüchtlinge, die seit Monaten in Winnenden leben und von der Ausländerbehörde anerkannt werden, hierbehalten. Das sichert die Fortsetzung von Integrationskursen und der Kontakte zu Winnender Bürgern. Dem Mietwucher beugt das Amt für Grundstücksverkehr so vor: Der obere Wert des Mietspiegels gilt als Grenzwert.

Wohlgemerkt: Die Flüchtlinge werden nicht mietfrei und nicht supergünstig wohnen. Sie bezahlen selbst, wenn sie Geld verdienen. Wenn nicht, das Jobcenter bis zu einem gedeckelten Betrag. Die Stadt schlägt dafür, dass sie als Zwischenmieter auftritt, noch eine Bearbeitungsgebühr oben drauf. Sollte die Stadt Geld in das Mietobjekt stecken müssen, um es bewohnbar zu machen, werden die Kosten ebenfalls auf die Miete draufgepackt, um sie binnen fünf Jahren, der Laufzeit des Zwischenmietvertrags, wieder reinzuholen. Da nur wenige Bürger bereit sind, direkt an anerkannte Flüchtlinge zu vermieten, muss die Stadt die Rolle des Mittelsmanns jedoch übernehmen.

An Männer-Wohngemeinschaften will erst recht niemand vermieten

Ein großes Problem ist, dass momentan Wohngemeinschaften von Männern untergebracht werden müssen. Die meisten Eigentümer wünschen sich jedoch Familien als Mieter. Durch die veränderten Bearbeitungsgeschwindigkeiten und -regelungen rechnet das Amt für Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr zum einen mit deutlich mehr Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien und Irak und vereinzelt Menschen aus Eritrea und Afghanistan. Und dann gilt es, deren Familien, die später nachziehen, drei Personen pro Flüchtling im Durchschnitt, ebenfalls zu beherbergen.

„Kurzfristig stehen in Winnenden in städtischen und angemieteten Privatwohnungen derzeit nur rund 23 Plätze zur Verfügung“, sagt Amtsleiter Ralf Köder. Rechnen muss die Stadt Winnenden aber mit einem Bedarf von 230 Plätzen in diesem Jahr, das ergibt sich aus dem Zuweisungsschlüssel des Landkreises. Der kleine Puffer von weiteren 20 Plätzen in Winnenden, die in einen bewohnbaren Zustand versetzt werden, wirkt da wie der Tropfen auf den heißen Stein. Daher hat die Stadtverwaltung vom Gemeinderat einstimmig die Erlaubnis bekommen, Wohnungen anzumieten, auch wenn die Familie eines Flüchtlings noch gar nicht in Deutschland ist. Grund: „Falls der Vermieter die Wohnung auf dem freien Markt anbieten will, müssen wir das so machen, damit sie uns nicht durch die Lappen geht“, sagte Ralf Köder.

Die politischen Umstände und offene oder geschlossene Grenzen ändern sich zwar ständig, doch Köder rechnet mit einem wachsenden Nachzug der Familien in den nächsten Monaten. Sie dürfen gleich mit dem Familienvater in privaten oder städtischen Wohnraum ziehen, müssen nicht vorher in eine Sammelunterkunft.

Köders Amt hat 30 Angebote von Bürgern geprüft und die Wohnungen angeschaut. Ernüchternde Bilanz: „Die meisten Angebote mussten abgelehnt werden, weil der geforderte Mietzins weit über dem Wert des Mietspiegels lag.“ Auch nicht fachgerechte Installationen führten dazu, dass das Amt die Wohnung nicht mieten wollte.

Dann startete die Integrationsbeauftragte Franka Zanek eine Umfrage unter allen Eigentümern, von den 53 positiven Rückmeldungen kommen 20 in die enge Wahl. Rein rechnerisch müssten in der Stadt jedoch 500 Wohnungen leer stehen.

Nach wie vor setzt die Stadt auf die Bereitschaft der Eigentümer, doch noch zu vermieten. Ralf Köder wird die Vertragslaufzeit auf fünf Jahre begrenzen und keine Ausnahme vom Mietspiegel machen. Allerdings gilt der jeweils höchste Wert einer Kategorie. Doch auch wenn sich die Stadt jetzt als Zwischenglied einschaltet, ihr Ziel ist, dass Eigentümer und Vermieter direkt miteinander einen Vertrag machen, spätestens nach Ablauf der fünf Jahre.


ein Kommentar von Regina Munder

Wer die aufgewühlten Iraker in der Buchenbachhalle gehört und die Reaktionen der Ehrenamtlichen erlebt hat, kann vor der Professionalität der Frauen nur den Hut ziehen. Sie könnten beleidigt sein, schließlich wollen die Männer ja weg von Winnenden, wenn sie nicht in der Buchenbachhalle bleiben können. Sind sie aber nicht. Sie könnten schimpfen, dass die Männer undankbar sind und doch froh sein sollen, dem Krieg entronnen zu sein. Tun sie aber nicht. Sie wissen, Angst vor dem Ungewissen wühlt die Leute auf. Sie bleiben ruhig und versuchen zu beruhigen. Sie werben für die in ihren Augen keineswegs schlechte Unterkunft an der Albertviller Straße und bieten weiter Hilfe an. Wer sie nicht will, der darf gehen, die Winnender bleiben sachlich.

Halle soll nächstes Jahr benutzbar sein

Wie mit dem Landkreis vereinbart, soll das Notquartier in der Buchenbachhalle in Birkmannsweiler bis Ende Mai geräumt werden. Dann wird geschaut, wie hoch der Renovierungsbedarf für den Kreis ist (er zahlt Miete, bis sein Part abgeschlossen ist) und was die Stadt selbst noch sanieren muss. Ziel von Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth ist, dass die Halle zum Beginn des neuen Schuljahres Mitte September wieder benutzbar für Schul- und Vereinssport sein wird.

OB Holzwarth ist froh, dass das Notquartier in Winnenden, das seit November bestand, nach sechs Monaten aufgelöst werden kann und dankt der Dorfgemeinschaft in Birkmannsweiler: „Der Einsatz war äußerst vorbildlich und hat alle Erwartungen weit übertroffen.“ Auch ihn freut es, dass die geknüpften Kontakte im Sinne der gelingenden Integration weiterbestehen können. Das geht nur, wenn die geflüchteten Menschen in Winnenden wohnen bleiben können. Daher dankt Holzwarth auch der Bevölkerung, die Wohnraum zur Verfügung stellt oder stellen wird.

Beispiel: 16 Männer aus Syrien, die bereits eine Anerkennung erhalten haben, aber bis Dienstag noch keinen Wohnplatz hatten: Das Grundstücksverkehrsamt der Stadt hat zusammen mit einer Ehrenamtlichen, die die Männer gut kennt, getüftelt und vier Vierer-Wohngemeinschaften zusammengestellt mit Männern, die sich untereinander gut verstehen. Sie werden beengt, aber in Winnenden leben. Das soll keine Dauerlösung sein, die Integrationsbeauftragte und das Amt suchen daher weiter fieberhaft nach Angeboten.

Das Amt für Grundstücksangelegenheiten weist allerdings vorsorglich darauf hin, dass die Eigentümer bei der Auswahl der Nutzer kein Mitspracherecht haben, das gehe aus organisatorischen Gründen nicht. Amtsleiter Ralf Köder weiß, dass viele Vermieter die Konfrontation mit den Nachbarn scheuen wegen der neuen Mieter. Rechnen müssten alle Seiten mit gewissen Eingewöhnungsproblemen und einem höheren Betreuungsaufwand, da die neuen Mieter noch Sprachdefizite haben und die deutschen Sitten und Gepflogenheiten noch nicht kennen. Doch wie gesagt: Die Kontakte zu den Ehrenamtlichen können ja aufrechterhalten werden.