Winnenden

Zigarettenautomaten mit Böllern geknackt: Gewaltige Explosion für wenig Beute

Gesprengter Zigarettenautomat, Linsenhalde, Winnenden, 27.12.2020.
Auch dieser Zigarettenautomat in Winnenden wurde Ende 2020 gesprengt, war aber nicht Gegenstand der Gerichtsverhandlung. © Benjamin Beytekin

„Es war eine Megaexplosion!“ Sie sei so heftig gewesen, dass in der Wohnung der Fußboden bebte, erinnerte sich ein 46-jähriger Handwerksmeister im Zeugenstand an die Nacht vom 26. auf den 27. Dezember 2020. Sein erster Gedanke sei gewesen, einer der Flüssiggastanks, von denen ja mehrere im Industriegebiet in der Daimlerstraße in Nellmersbach stehen, müsse explodiert sein. Er, seine Frau und die Kinder seien ins Freie gerannt. Dort hätten sie „drei, vier Typen“ mit einer weißen Sporttasche herumrennen sehen, die vom Boden vor dem Zigarettenautomaten hektisch Münzen und Zigarettenschachteln zusammenrafften.  Dann sei auch schon ein kleines dunkles Auto vorgefahren, die Gruppe sei eingestiegen und weggefahren. Seine Frau habe sich glücklicherweise das Kennzeichen gemerkt, und nachdem er den etwa 40 Meter von seiner Wohnung entfernt stehenden Zigarettenautomaten gesehen hatte, habe er gleich die Polizei alarmiert. Der Automat sei kaputt gewesen, vier Millimeter dicken Stahl habe es wie Papier zerrissen, im Radius von zehn Metern sei der Boden bedeckt gewesen mit Trümmern und Zigaretten. „Man kann nur von Glück reden, dass nicht noch mehr Schaden angerichtet wurde und keine Personen betroffen waren.“

Mehrere Personen hantieren, kurz darauf ist ein Feuerball zu sehen

Ein ähnliches Bild bot in dieser Nacht auch ein Zigarettenautomat in der Lise-Meitner-Straße im Winnender Industriegebiet in Hertmannsweiler. Fast auf die Minute genau zur selben Zeit fiel er dort ebenfalls einem Sprengstoffanschlag zum Opfer. Auch er ähnelte nach der Explosion eher einer leeren Sardinenbüchse. Um ihn herum lagen die traurigen Überreste verstreut, die Abdeckung war mehrere Meter weit geflogen. Und auch in diesem Fall wurde die Polizei unmittelbar alarmiert. Ein 29-jähriger Industriemechaniker war bemüht, sein zwei Wochen altes Töchterchen, das die Nacht zum Tag gemacht hatte, in den Schlaf zu wiegen, während er durch die Wohnung tigerte. Als er bemerkte, wie sich zwei Personen mehrere Minuten an dem Automaten zu schaffen machten, schaute er genau hin. Da rumste es auch schon, „eine sehr laute Explosion, ein Feuerball“. Die beiden Täter sammelten die Beute ein, stiegen in einen Kleinwagen und fuhren davon.

Dumm gelaufen für die Fahrer der beiden Tatfahrzeuge: Als der eine zum Haus seiner Eltern ins Schelmenholz zurückkehrte, stand die Polizei bereits vor der Tür und nahm ihn mitsamt der Beute in Empfang: Bargeld und 33 Schachteln Zigaretten im Wert von insgesamt 1910 Euro. Der andere wohnt in Leutenbach ebenfalls noch bei seinen Eltern. Er bekam am nächsten Morgen Besuch von den Ordnungshütern. Seine Beute bestand aus fünf Euro Bargeld und 107 Schachteln Zigaretten. Erleichtert wurde die Fahndungsarbeit der Polizei noch dadurch, dass der Automat in Hertmannsweiler von einer Videokamera miterfasst wurde und einer der Hobbysprengmeister am Tatort eine Tüte zurückgelassen hatte, in der sich zwei Rechnungen seiner Mutter befanden.

Die erwischten Autofahrer sind bislang unbescholten gewesen

So kam es, dass sich die zwei 20 Jahre jungen Männer, die beide im dritten Ausbildungsjahr kurz vor Abschluss ihrer Lehre stehen, sich im Waiblinger Amtsgericht vor dem Jugendschöffengericht wiederfanden. Das hatte unter Vorsitz von Richter Martin Luippold über die Zukunft der beiden Sünder zu entscheiden. Die wiederum gaben sich nicht nur zerknirscht und reuig, entschuldigten sich, sondern gaben auch unumwunden zu, dass sie die Taten begangen hatten: Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit schwerem Raub.

Was sie dazu getrieben habe? Auf diese Frage wussten sie keine eindeutige Antwort. Man habe nicht groß nachgedacht, es sei eine spontane Idee gewesen, aus Langeweile, schließlich sei Lockdown gewesen, man habe einfach wissen wollen, ob man mit einem „Polenböller“ einen Zigarettenautomaten sprengen könne ... Hilfloses Schulterzucken erntete auch eine Schöffin auf die Frage, was sie eigentlich mit den vielen Zigaretten vorgehabt hätten? Ob sie die alle selbst rauchen wollten?

Sabine Gerner als Vertreterin der Jugendgerichtshilfe hat die beiden Angeklagten als höflich, reflektiert, aufgeräumt und aufgeschlossen kennengelernt. Sie könnten auf „prima Werdegänge“ zurückblicken und hätten auch vielversprechende Zukunftsperspektiven vorzuweisen. Dass sie unüberlegt und aus Langeweile die Taten begangen hatten, spreche dafür, dass ihnen eine Reifeverzögerung zugutegehalten und Jugendstrafrecht angewandt werden müsse, ebenso die Tatsache, dass sie noch im Elternhaus lebten. Alkohol und Drogen stellten keine Probleme für sie dar, schädliche Neigungen seien ebenfalls nicht vorhanden. Sie empfahl die Verhängung von Geldbußen.

Das Gericht sprach ein mildes Urteil für die erhebliche Straftat, die Angeklagten akzeptierten es sogleich: Zahlung von 700 und 1000 Euro an die Telefonseelsorge, von Wertersatz für die Beute (2685 Euro) und zu Übernahme der Verfahrenskosten. Die Telefonseelsorge deshalb, erklärte Richter Luippold, da sie sich gezielt coronabedingter psychischer Leiden und Depressionen annehme. Luippold sagte aber, dass die Automatensteller noch zivilrechtliche Schadensersatzansprüche in Höhe von 6000 Euro stellen. Vielleicht, so sein Vorschlag, könnten sich an den Kosten die Mittäter beteiligen, deren Namen zu nennen sich die Angeklagten konsequent geweigert hätten.

„Es war eine Megaexplosion!“ Sie sei so heftig gewesen, dass in der Wohnung der Fußboden bebte, erinnerte sich ein 46-jähriger Handwerksmeister im Zeugenstand an die Nacht vom 26. auf den 27. Dezember 2020. Sein erster Gedanke sei gewesen, einer der Flüssiggastanks, von denen ja mehrere im Industriegebiet in der Daimlerstraße in Nellmersbach stehen, müsse explodiert sein. Er, seine Frau und die Kinder seien ins Freie gerannt. Dort hätten sie „drei, vier Typen“ mit einer weißen Sporttasche

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