Winnenden

"Zu Tode gepflegt": Fünfter Todestag von Anni Billner

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Das Waiblinger Kreiskrankenhaus ist heute Geschichte. Anlässlich des fünften Todestages erinnern die Angehörigen von Anni Billner an das qualvolle Sterben ihrer Mutter auf einer Station der Inneren Abteilung. © Habermann / ZVW
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Das Waiblinger Kreiskrankenhaus ist heute Geschichte. Anlässlich des fünften Todestages erinnern die Angehörigen von Anni Billner an das qualvolle Sterben ihrer Mutter auf einer Station der Inneren Abteilung.

Schwaikheim/Waiblingen. „Zu Tode gepflegt“: Am 26. Januar 2013 ist Anni Billner, 85, nach tagelangem Leiden im Waiblinger Krankenhaus gestorben. Ärzte und Pflegekräfte hatten die Bitten, das Flehen der Patientin, aber auch die Beschwerden bis hin zu Drohungen der Angehörigen überhört und ignoriert. Der Fall löste eine Lawine aus und offenbarte Missstände im Krankenhaus. Fünf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter erinnern die Angehörigen mit einer Todesanzeige.

Vor fünf Jahren war Iris Steichele mit ihren Brüdern Harald und Jürgen Billner an die Öffentlichkeit gegangen, um auf die Missstände im Waiblinger Kreiskrankenhaus aufmerksam zu machen. „Wir hoffen mit unserer Aktion, dass eventuell in Zukunft die Arbeit der Ärzte und Krankenschwestern sorgsamer und ,menschlicher’ ausgeführt wird.“ Hat sich die Hoffnung erfüllt? Iris Steichele zögert keinen Moment. „Jederzeit“ würden sie wieder an die Öffentlichkeit gehen, was sie damals mit einem Appell verband: „Unserer Mutter kann nicht mehr geholfen werden, aber vielleicht bleibt damit zukünftigen Patienten viel Schmerz und Leid erspart.“

Sie ist überzeugt, dass der Skandal, den sie auslöste, tatsächlich etwas bewegt hat. Ihr Eindruck sei, dass das, was ihrer Mutter widerfuhr, im heutigen Krankenhausalltag nicht mehr möglich ist. Dieses Weggucken, diese Vernachlässigung über fünf Tage hinweg. Anni Billner, die wegen einer im Grunde harmlosen Verstopfung ins Krankenhaus eingeliefert worden war, starb am 26. Januar 2013 an einem Darmdurchbruch.

Eine Flut von Reaktionen auf den Bericht „Zu Tode gepflegt“

Unser im März 2013 veröffentlichter Bericht „Zu Tode gepflegt“ löste eine Flut an Reaktionen aus. Zahllose Leserinnen und Leser wandten sich an uns, aber auch an Iris Steichele, und klagten ihr Leid, das sie oder Angehörige in den drei Kreiskrankenhäusern im Rems-Murr-Kreis erfahren mussten. Tragische Erlebnisse, die Schlaglichter auf die Zustände in den Kliniken warfen und den Eindruck erweckten, dass der Tod von Anni Billner wohl kein Einzelfall war. Stress und Überlastung waren und sind im Klinikalltag an der Tagesordnung und können über die Jahre zu Abstumpfung und Desinteresse führen. Ehemalige und aktive Pflegekräfte schilderten eindrucksvoll, wie sehr auch die Beschäftigten selbst unter dieser Situation leiden. „Das Personal im Krankenhaus und in Pflegeheimen wird verheizt.“

Von Anfang an legten wir den Schwerpunkt der Berichterstattung nicht auf den Einzelfall– oder auf die Einzelfälle –, die auf dieser und anderen Stationen des damaligen Krankenhauses nicht unüblich waren. In einer ersten Reaktion hatten die Kliniken personelle Konsequenzen ausgeschlossen, wohl aber Selbstanzeige erstattet, um die Umstände des Todes staatsanwaltschaftlich untersuchen zu lassen. Das Verfahren verlief im Sande; die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen im Januar 2014 gegen den Stationsarzt wegen fahrlässiger Tötung überraschend ein, ohne jemals mit den Angehörigen gesprochen zu haben. Personelle Konsequenzen folgten im Sommer 2013 denn doch. Der Chefarzt wurde ein halbes Jahr vor seinem regulären Abschied geschasst. Dies stelle keine „Vorverurteilung im Zusammenhang mit der Behandlung einer Patientin dar, die im Januar dieses Jahres in der Rems-Murr-Klinik verstarb“, hieß es in einer Stellungnahme.

Der Fall ist nicht vergessen - der wirtschaftliche Druck bleibt

Die Ursachenforschung führte bald über Verfehlungen Einzelner und über einfache Schuldzuweisungen hinaus. Die Krankenhäuser unterliegen betriebswirtschaftlichen Zwängen. „Wir kommen an unsere Grenzen“, sagte beispielsweise der damalige Geschäftsführer Jürgen Winter über den Druck, immer mehr Leistungen bei gleichem Personal erbringen zu müssen. Er schloss durchaus selbstkritisch nicht aus, dass es in Zukunft häufiger zu solch tragischen Fällen kommen könne.

Der Fall Anni Billner sei nicht vergessen, sagt die heutige Klinikleiterin des Rems-Murr-Klinikums Winnenden, Claudia Bauer-Rabe, auch wenn der vor ihrer Zeit und vor der Zeit des Klinikums geschehen sei. „Qualität und Sicherheit sind unser Anspruch.“ Inzwischen kümmert sich ein dreiköpfiges Team an den Kliniken um die Beschwerden; und ehrenamtliche Patientenfürsprecher, die auf Anregung der SPD-Kreistagsfraktion eingesetzt wurden, sollen helfen, dass es keinen zweiten Fall Anni Billner gibt.

Fünf Jahre später: Ein Besuch bei der Tochter

Im Januar 2018 besuchte der Autor Iris Steichele erneut. Wir sitzen im ehemaligen Schlafzimmer von Anni Billner unter dem Dach. Es ist inzwischen das Büro von Iris Steichele. An der Wand hängen zwei alte Gemälde, Erinnerungen an ihre Mutter. Am 22. Januar 2013 hatte Anni Billner ihre Wohnung hoffnungsvoll verlassen, um sich im Krankenhaus ihre medikamentenbedingte Verstopfung behandeln zu lassen. Eine Bagatelle. Sie freute sich auf die Feier zu ihrem 86. Geburtstag am 1. Februar. Sie hat ihn nicht erlebt.

„Man darf es nicht vergessen“, sagt Iris Steichele, warum sie nun mit einer Todesanzeige an das qualvolle Sterben ihrer Mutter erinnert. Sie will damit ein Zeichen für mehr Menschlichkeit setzen. Vor fünf Jahren hatte Iris Steichele dem Autor ein vierseitiges Schreiben mitgegeben, auf dem sie die Leidensgeschichte ihrer Mutter beschrieben hatte. Jetzt gab sie ihm eine einzige Seite mit, auf der sie ihre bemerkenswerten Gedanken für „Mehr Menschlichkeit“ skizziert hat.

Ein Appell für mehr Menschlichkeit

Jeder sieht nur sich und nicht den anderen Menschen ... Wenn man die Hilflosigkeit alter oder kranker Menschen beobachtet, ist es erschreckend, wie diese manchmal behandelt werden. Ohne jeglichen Respekt. Es gibt trotzdem immer wieder tolle Menschen, die sich dieser Menschen gerne annehmen. Ob es in den Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen ist. Überall gibt es solch tolle Menschen.

Trotzdem ist es wie überall, dass manche Menschen den falschen Beruf haben oder vielleicht auch selbst mit dem Leben, das sie führen, nicht zufrieden sind. Und ihre Wut oder Hilflosigkeit an anderen Menschen auslassen, die sich nicht wehren können. Wenn ein alter oder kranker Mensch auf so einen oder mehrere Menschen trifft, kann es unter Umständen einen auch das Leben kosten, wie bei unserer Mama geschehen.“


Winnenden. Die Rems-Murr-Kliniken zogen aus dem Fall „Anni Billner“ Konsequenzen. „Qualität und Sicherheit sind unser Anspruch“, sagt Claudia Bauer-Rabe, Leiterin des Klinikums Winnenden.

Um dem Qualitätsanspruch gerecht zu werden, würden Prozesse und Strukturen beständig auf den Prüfstand gestellt und die Behandlungsabläufe optimiert, weist Claudia Bauer-Rabe beispielsweise auf ein anonymes Berichtssystem hin, in dem kritische Vorkommnisse erfasst werden. Ziel sei, unklare medizinische Verläufe von einem interdisziplinären Team kritisch durchleuchten und hinterfragen zu lassen. Die Krankenhäuser unterlägen aber auch unabhängigen Qualitätssicherheitskontrollen und stellten sich bei Auffälligkeiten freiwillig sogenannten Peer-Review-Kontrollen,

Bei Qualitätssicherheit spiele das Beschwerdemanagement eine bedeutende Rolle. Es wurde 2015, nach dem Umzug aus dem Waiblinger und Backnanger Krankenhaus nach Winnenden verändert. Ein dreiköpfiges Team befasst sich ausschließlich mit kritischen Rückmeldungen. Mit einer Beschwerdequote von 0,69 Prozent liegen die Kliniken im bundesdeutschen Durchschnitt (0,6 Prozent). Seit 2016 seien die Beschwerden rückläufig, sagt Sarah Kluske, Leiterin des Beschwerde- und Haftpflichtmanagements.

Schwerpunkte: Organisation und Kommunikation

Der Schwerpunkt der Beschwerden liege auf Organisation und die Kommunikation. Oft ist dies eine Folge von Stress und Überlastung. Die Rems-Murr-Kliniken stehen bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in dieser Hinwicht nicht im Fokus. Verdi hat in den vergangenen Monaten den Personalmangel an den Krankenhäusern thematisiert und die Beschäftigten aufgefordert, „Grenzen zu setzen“, um auf diesen Notstand aufmerksam zu machen. Die Beschäftigten in Schorndorf und Winnenden nahmen an diesen Aktionen nicht teil. Der Grund dafür müssten jedoch nicht rundum zufriedenstellende Arbeitsbedingungen sein, sagt eine Gewerkschaftssekretärin und weist auf die Diskussionen um die zeitweise ungewisse Zukunft der Schorndorfer Klinik hin.

Laut Kliniken-Geschäftsführung sind sowohl in Winnenden als auch in Schorndorf alle Stellen besetzt. „Aber auch wir spüren den deutschlandweiten Personalmangel“, sagt Pflegedienstleiter Matthias Haller. Aufgrund der schwankenden Belegung der Häuser räumt Haller gelegentliche Personalengpässe ein. Auf die müsse flexibel reagiert werden, was auch zu „Belastungsspitzen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ führen könne.

"Dialogkultur auf Augenhöhe"

Ein zwischenmenschlicher Umgang unter den Mitarbeitern und insbesondere gegenüber den Patienten „prägt unseren professionellen Versorgungsanspruch“, sagt Matthias Haller auf die Frage, wie die Kliniken den Faktor Mensch in der Pflege und bei der ärztlichen Versorgung sicherstellen. Im Umgang mit den Mitarbeitern setze die Klinikleitung auf eine „Dialogkultur auf Augenhöhe“, sagt Haller. „Wir informieren nicht über die aktuellen Themen und Veränderungen, sondern haben dialogische Formate etabliert, bei denen wir gezielt zuhören und das Gespräch suchen.“ Die Mitarbeiter seien dazu angehalten, besondere Belastungssituationen über Gefährdungsanzeigen zu reklamieren und zu dokumentieren.


Sprechstunden

Die Patientenfürsprecher an den Kliniken Schorndorf und Winnenden sind eine 2016 neu geschaffene neutrale Instanz und bieten regelmäßige Sprechstunden an.

Patientenfürsprecherin an der Rems-Murr-Klinik Schorndorf ist Dr. Irmengard Reichl, montags von 9 – 11 Uhr oder nach Vereinbarung, ) 0 71 81/67-17 41; Rems-Murr-Klinikum Winnenden, dienstags und donnerstags, jeweils von 15 – 17 Uhr oder nach Vereinbarung: Ursula Bodamer, ) 0 71 95/5 91-5 71 00, und Paul Hug, ) 5 91-5 71 00.

 

Unsere Berichterstattung in der Tageszeitung zum Fall Anni Billner:

05.03.2013 - Zu Tode gepflegt
Das Waiblinger Krankenhaus hat eine 86-jährige Schwaikheimerin völlig vernachlässigt

06.03.2013 - Der Staatsanwalt ermittelt
Zahlreiche Reaktionen auf unseren Bericht "Zu Tode gepflegt"

08.03.2013 - Keine personellen Konsequenzen
Rems-Murr-Kliniken nehmen Stellung zum Tod der 85-jährigen Anni Billner

16.03.2013 - Extra: Nach Anni Billners Tod
Zur Debatte um unsere Krankenhäuser

19.03.2013 - Was ist uns die Gesundheit wert?
Krankenhäuser in der Kostenfalle: Die Beschäftigten müssen immer mehr leisten fürs gleiche Geld

03.04.2013 - Kliniken lassen's auf Prozesse ankommen
Der Medizinrechtler Bernd Rosendahl über die Schwierigkeiten, gegen Krankenhäuser zu klagen

06.04.2013 - "Kein Krankenhaus arbeitet fehlerfrei"
Interview mit Dr. Simon Steiff, Leiter des Beschwerdemanagements der Rems-Murr-Kliniken

13.04.2013 - Was tun bei Kunstfehlern?
Die AOK zum Umgang mit Behandlungsfehlern und zur Qualität der Krankenhäuser

23.05.2013 - Ambulanz weist blutenden Patienten ab
Notoperation in Ludwigsburg / Rems-Murr-Klinik: "Das war nicht in Ordnung"

24.05.2013 - Ohne Versicherung im Krankenhaus
Versteckte Not: Viele Menschen haben keine Krankenversicherung und können sich Behandlungen nicht leisten

25.06.2013 - Rätselraten um ein Pressegespräch
Nach Anni Billners Tod: Kliniken laden Presse hochkonspirativ ein - und wieder aus / Geht es um personelle Konsequenzen

26.06.2013 - Der Klinik-Chef verspielt Vertrauen

27.06.2013 - Krankenhaus trennt sich von Chefarzt
Nach dem Tod von Anni Billner: Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter

28.06.2013 - Das Schweigen der Kreisräte
Weshalb der Kreistag dringend über die Krankenhäuser reden sollte