Winnenden

Zwei rein ukrainische Klassen in Winnenden – für Kinder und Schule ein Glück

UkraineSchule
Deutschlehrerin Liliia Yezhova mit zwei der 14 Schüler ihrer ukrainischen Klasse an der Geschwister-Scholl-Realschule. © Gaby Schneider

Drei Stunden Deutsch täglich. Nicht für jeden ukrainischen Jugendlichen ist das die Traumvorstellung von Schule. Manche sind wenig motiviert, weil sie wie ihre Eltern hoffen, dass der Krieg mit Russland bald wieder aufhört und sie zurückkönnen, nach Hause. Andere sind von den Erlebnissen dort und der Flucht traumatisiert.

Aber drei Stunden Deutsch täglich bei einer Lehrerin wie Liliia Yezhova, die super Deutsch kann, im Zweifel aber eben auch Russisch oder Ukrainisch, in einer Klasse nur mit Ukrainern, zehn bis 14 Jahre alt, das ist trotz allem auch ein mega Glücksfall für die Jugendlichen.

„Das sage ich ihnen immer wieder“, sagt  Yezhova mit sanftem Lächeln. Wohl wahr, denn es gibt auch eine internationale Vorbereitungsklasse, in der Jugendliche aus allen möglichen Ländern zusammen Deutsch lernen. Ihre Lehrerin kann weder Albanisch, noch Mazedonisch, auch nicht Griechisch oder Polnisch, und die Kinder können anfangs auch nicht miteinander reden.

Das Beste wäre, ins deutsche Sprachbad einzutauchen, aber die Klassen sind zu voll

Letztlich trifft auf alle ausländischen Jugendlichen zu: Solange sie Deutsch nicht verstehen, können sie auch an anderen Aktivitäten – vom Sporttraining im Verein über den Kurs an der Kunstschule bis hin zu den anderen Unterrichtsfächern – kaum teilnehmen.

Die schnelle und breite Einbindung ist aber erklärtes Ziel der Schulleitung, wie Sabine Klass jüngst im Schulbeirat erklärte. „Am effektivsten wäre, die Jugendlichen gleich in die regulären Klassen aufzunehmen, wie es zum Teil die Grundschulen machen. Dafür haben wir allerdings schlichtweg nicht den Platz.“ In Sport und Bildender Kunst werden die Ukrainer trotzdem demnächst integriert, „sie profitieren dann von dem Sprachbad“, so Klass.

Je nach ihren Fähigkeiten können ausländische Schüler bestimmte Fächer wie Englisch besuchen oder sogar ans Georg-Büchner-Gymnasium wechseln. „Manche Kinder können sofort in den normalen Unterricht integriert werden, andere nach einem Viertel- bis einem halben Jahr.“

Die Zahl der ausländischen Kinder schwankt fast von Tag zu Tag

Der Anteil an geflüchteten Schülern ist stark gestiegen, so die städtische Schulamtsleiterin Sybille Mack in ihrer Zusammenfassung für den Schulbeirat: Es gibt in diesem Schuljahr 50 reguläre Grundschulklassen und eine internationale Vorbereitungsklasse, Mitte Oktober mit 23 Kindern, das sind 13 mehr als im Vorjahr.

Die aktuelle Zahl an der Geschwister-Scholl-Realschule zeigt aber, welche Dynamik gerade herrscht: Mitte Oktober war noch von 33 Schülern in drei internationalen Klassen die Rede, inzwischen sind es schon 43, 17 bei Cornelia Fischer, 14 Ukrainer bei Liliia Yezhova, 12 Ukrainer bei Laryssa Samarova. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 23 ausländische Schülerinnen und Schüler. Und: An den beiden Realschulen gibt es 43 reguläre Klassen mit 1125 Schülern, zwei Klassen mehr als im Vorjahr.

Auch die Gemeinschaftsschulen in Leutenbach und Schwaikheim haben Vorbereitungsklassen, wie Sabine Klass anmerkte.

Sprachbarriere auch zwischen Eltern und Schulsekretariat ist ein Problem

Und wenn noch mehr Flüchtlinge kommen? „Wir haben dann irgendwann auch ein Personalproblem.“ Sabine Klass beschreibt, dass schon beim Erstkontakt eigentlich ein Dolmetscher dabei sein müsste. Oft steht eine Familie einfach so vor der Sekretariatstür, ohne Termin und ohne wenigstens Englisch zu sprechen. Ihnen klarzumachen, wie die Schulanmeldung läuft, sei nicht leicht. Dass Liliia Yezhova und Laryssa Samarova mit den Eltern reden können, ist daher auch für die Schule ein Glücksfall.

Yezhova ist im März nach Deutschland geflohen und unterrichtet seit Juni hier. Was beim Besuch der Zeitung überhaupt nicht auffällt, ist in der Ukraine wohl Alltag und der Grund, warum jeder Jugendliche einen Tisch für sich hat: „Die Kinder sind frech, reden im Unterricht miteinander“, sagt die Lehrerin. „Sie sind gewöhnt, dass die Eltern die Arbeit des Lehrers nicht schätzen und ihm sagen, was er machen soll. Dafür rufen sie ihn auch abends an.“

Das sei der Grund gewesen, warum Liliia Yezhova in ihrer Heimat nur Online-Deutschkurse für Erwachsene gegeben hat. Hier in Winnenden freue sie sich aber, dass sie die Kinder unterstützen kann. Ihre deutschen Kolleginnen geben ihr für den Unterricht und den Umgang Tipps. Selbstbewusst teilt Liliia Yezhova nun den ukrainischen Eltern mit, dass es hier anders läuft: „Sie dürfen mich nur morgens anrufen oder sollen mir eine E-Mail schreiben.“

Und siehe da, es geht doch. Bei demnächst stattfindenden Elternabenden sollen die Ukrainer auch erfahren, warum das Handy in der Schule und auf dem Schulhof nichts verloren habe und auch für die ukrainischen Kinder Schulpflicht bestehe, selbst wenn der Nachwuchs keine Lust auf drei Stunden Deutsch habe. Zu Recht fragten sich die Eltern aber auch, ob die Schulbescheinigung ausreicht oder es ein richtiges Zeugnis braucht, wenn die Kinder dereinst in der Heimat ihren Schulabschluss machen wollen.

Vierjähriger Sohn der Lehrerin besucht den Kindergarten

Übrigens hat Liliia Yezhova, die aus der Nähe von Dnipro stammt, schon an ihrer Dorfschule Deutsch gelernt („wir hatten keine Englischlehrerin“), und weil auch die Mutter Lehrerin war, studierte sie Deutsch auf Lehramt und bekam zwei Stipendien für die Universität Konstanz und den Aufenthalt hier. Ihr eigener Sohn ist vier Jahre alt und geht in den Kindergarten.

Drei Stunden Deutsch täglich. Nicht für jeden ukrainischen Jugendlichen ist das die Traumvorstellung von Schule. Manche sind wenig motiviert, weil sie wie ihre Eltern hoffen, dass der Krieg mit Russland bald wieder aufhört und sie zurückkönnen, nach Hause. Andere sind von den Erlebnissen dort und der Flucht traumatisiert.

Aber drei Stunden Deutsch täglich bei einer Lehrerin wie Liliia Yezhova, die super Deutsch kann, im Zweifel aber eben auch Russisch oder Ukrainisch, in einer Klasse

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