Winterbach

Anwohnerin bewirkt Tempo 30

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Anne Albrecht (ganz links) mit Schülern an der Esslinger Straße im Bereich der Einfahrt zur Waldorfschule. Ab Ende kommender Woche heißt es hier für alle Verkehrsteilnehmer: Langsam fahren! © Leonie Kuhn

Winterbach-Engelberg. Da sage noch einer, als einzelner kleiner Bürger oder einzelne kleine Bürgerin könne man nichts erreichen: Die Engelbergerin Anna Albrecht hat es mit einem Antrag beim Landratsamt geschafft, schnell und unkompliziert eine Tempodrosselung für die Engelberger Ortsdurchfahrt herbeizuführen. Ab Ende nächster Woche gilt zwischen Ortseingang und Musikschule Tempo 30.

Grafik: ZVW

Der kommende Bereich für die Geschwindigkeitsreduzierung auf der Esslinger Straße in Engelberg gilt vom Ortseingang knapp unterhalb der Einmündung zum Gelände der Waldorfschule bis zur Bushaltestelle auf Höhe der Einmündung des Mönchsklingenwegs. Sie betrifft also die Doppelkurve, die in zwei weiten Bögen zwischen den Gebäuden rund um das Schloss und dem Campus der Waldorfschule verläuft. Die Straße ist ziemlich breit, was vor allem bei den Fahrzeugen, die bergab unterwegs sind, dazu führt, dass nicht wenige deutlich schneller als mit den innerorts erlaubten 50 Stundenkilometern unterwegs sind.

Für die Schüler gibt es eine Unterführung

Das hat auch Anne Albrecht so beobachtet, nachdem sie nach Engelberg zugezogen ist. „Die Straße ist mir unheimlich“, sagt sie. „Sie lädt dazu ein, schneller als 50 zu fahren.“ Dazu kommt, dass eben direkt in der Doppelkurve, die keine weite Sicht ermöglicht, die Waldorfschule liegt. Auf der einen Seite der Hauptcampus, auf der anderen Seite die Räume im Schloss, wo auch die Magdalenenschule ihren Sitz hat, außerdem Hort und Kernzeitbetreuung. Zur Querung der Straße gibt es für die Schüler eine Unterführung. Doch Anne Albrecht weiß, dass Schüler trotzdem immer wieder die Straße oben überqueren. Sie ist auch Lehrerin an der Waldorfschule und sagt: „Man kann Kinder nie zu 100 Prozent beaufsichtigen.“ Also beschloss sie zu handeln.

Antrag praktisch im Eilverfahren genehmigt

Zwar sagten ihr Nachbarn, dass es schon einmal einen Versuch gegeben habe, Tempo 30 zu beantragen, der fehlgeschlagen sei, und meinten zu ihr, sie solle sich keine großen Hoffnungen machen. Aber sie probierte es trotzdem und schrieb in Absprache mit der Leitung der Waldorfschule einen entsprechenden Antrag ans Landratsamt. Und siehe da: Das Amt genehmigte den Antrag und das praktisch im Eilverfahren. Zwar wurde auch noch, wie es Standard ist, die Gemeindeverwaltung um eine Stellungnahme gebeten. Aber auf eine Ortsbesichtigung im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Verkehrsschau mit Vertretern der Kommune, von Polizei und Straßenverkehrsbehörde des Kreises, verzichtete das Amt. Bürgermeister Sven Müller konnte kürzlich dem Gemeinderat nur noch berichten, dass das Landratsamt schon Fakten geschaffen hat. In ihrer Stellungnahme für die Verwaltung hatte die Gemeinde Anne Albrechts Antrag ausdrücklich befürwortet. Dagegen sprach auch für den Gemeinderat nichts.

„Es sind immer Einzelfall-Entscheidungen“

Für das Landratsamt war die Sache offenbar auch ziemlich klar. In der Begründung nennt das Amt den unübersichtlichen Kurvenbereich mit aus den angrenzenden Straßen einfahrenden Fahrzeugen und querenden Fußgängern. Eine Rolle gespielt hat wohl auch die Änderung der Straßenverkehrsordnung Ende vergangenen Jahres. Seitdem ist kein Nachweis mehr nötig, dass es sich um einen Unfallschwerpunkt handelt, um Tempo 30 im Bereich zum Beispiel von Schulen anzuordnen. Das Landratsamt betont auf Anfrage unserer Zeitung aber, dass die bloße Anwesenheit der Schule in Engelberg nicht ausgereicht habe, um dort das Tempo zu drosseln. „Es sind immer Einzelfall-Entscheidungen“, sagt Pressesprecherin Martina Nicklaus. „Es muss eine besondere Situation vorliegen. Es braucht triftige Gründe.“ In diesem Fall sei das eben die Doppelkurve mit ihren schwierigen Sichtverhältnissen gewesen.

Sensible Bereiche

Im Dezember trat eine Verordnung des Bundesverkehrsministeriums in Kraft, um die Einführung von Tempolimits in „sensiblen Bereichen mit besonders schützenswerten Verkehrsteilnehmern“ zu erleichtern. Damit sind vor allem Schulen, Kindergärten, Senioren- und Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäusern gemeint.