Winterbach

Bis der Krieg vorbei ist: Warum Natalie Pfost weiterhin in die Ukraine fährt

ukrainische Peter Hahn Mitarbeiterin
Natalie Pfost macht sich nach wie vor regelmäßig auf den Weg in die Ukraine. Eine Spende ihres Arbeitgebers und ihrer Kolleginnen und Kollegen hilft dabei, neue Hilfsgüter zu besorgen. © ALEXANDRA PALMIZI

Es ist auch eine Form von psychischer Bewältigung, dass sie und ihr Bruder regelmäßig Hilfslieferungen in die Ukraine fahren, sagt Natalie Pfost. „Als der Krieg losging, waren wir erst einmal in Schockstarre“, erzählt die Ukrainerin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, in ihrem Heimatland aber noch viel Familie hat. Dann habe sie überlegt, was sie selber tun könnte, um das Leid, „das so unglaublich ist im Moment“, zu erleichtern. Seitdem wird sie mit ihren Fahrten regelmäßig selbst tätig. Auch um sicherzustellen, dass die Hilfsgüter nicht irgendwo „in einem großen Nichts versickern“, sondern wirklich vor Ort ankommen. Mit uns hat sie über ihre Erfahrungen dabei gesprochen.

Spenden im Wert von 16.000 Euro: Große Hilfsbereitschaft im Unternehmen

„Einen ersten Aufruf habe ich innerhalb meiner Abteilung im kleinen Rahmen gestartet“, sagt Natalie Pfost, die bei dem Winterbacher Modeunternehmen Peter Hahn im Bereich Kundenservice arbeitet. Die Hilfsbereitschaft sei enorm groß gewesen. Dann kam die Geschäftsführung auf Natalie Pfost zu. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Peter Hahn erklärten sich gesammelt bereit, auf ihr Ostergeschenk zu verzichten und den Betrag stattdessen zu spenden. Zusätzlich stockte Peter Hahn den Betrag noch auf, so dass am Ende 12.000 Euro für die Hilfsaktion von Natalie Pfost zusammenkamen und die Angestellte bekam Sachspenden und Geld von Kollegen in Summe von weiteren 4000 Euro. „Das ist eine enorme Summe Geld“, findet diese. „Damit können wir viel anfangen.“

Bei den Hilfstransporten, die sie zusammen mit ihrem Bruder und dessen Frau organisiert, hat sie sich auf bestimmte Güter wie Hygieneprodukte und Verbandsmaterial spezialisiert. Viel kommt Frauen und Kindern in Lemberg (Lwiw) zugute, einige der Spenden gehen zudem an Krankenhäuser und Reservisten, die laut Natalie Pfost unterversorgt sind und teils zum Beispiel keine Stiefel oder Knieschützer haben. „Wir sind alle zwei Wochen unterwegs und machen alles sehr transparent“, sagt Natalie Pfost. Auf dem Instagram-Kanal „wir_helfenukraine“ veröffentlicht sie Fotos von den Fahrten und postet regelmäßig Listen von Artikeln, die noch benötigt werden.

Persönliche Kontakte in der Ukraine

„Ich bin in der Ukraine permanent mit zwei Leuten in Kontakt, die ich persönlich kenne“, erklärt Natalie Pfost den Prozess. Wenn sie nicht bis nach Lemberg fahren können, dann kommen ihre Kontaktpersonen an die Grenze und holen die Hilfsgüter ab. „Sie werden nicht in eine große Halle gebracht, sondern bei ihnen zu Hause gelagert und dort bei Bedarf abgeholt, und sie telefonieren Krankenhäuser ab.“ Mit dieser Methode wollen Natalie Pfost und ihre Mitstreiter vermeiden, dass unnütze Artikel gespendet werden, und sichergehen, dass auch wirklich das ankommt, was in der Ukraine gebraucht wird.

Wie lange sie das noch machen will? „Wir fahren hin, bis der Krieg vorbei ist“, sagt Natalie Pfost. Für sie und für andere Ukrainerinnen und Ukrainer sei das selbstverständlich. Auch die Hilfsbereitschaft der Menschen in Lemberg, die viele Geflüchtete bei sich aufnehmen, sei sehr groß. Obwohl Luftalarm und Angst mittlerweile zum Alltag gehören, seien die Menschen zuversichtlich.

Welche Stimmung herrscht, komme aber auch darauf an, mit wem man in der Ukraine spreche. Einige ihrer Bekannten hätten zum Beispiel in Kiew tagelang in Metro-Stationen oder im Keller ausharren müssen, dabei sei die Angst groß gewesen. Auch im Osten sei die Lage natürlich schwierig. „Aber ich glaube, viel von der Angst ist in Entschlossenheit übergegangen“, so Natalie Pfost. Ein Gefühl von „jetzt erst recht“ mache sich breit. So meldeten sich zum Beispiel zwei ihrer ehemaligen Klassenkameraden, die als Juristen arbeiteten, vor kurzem freiwillig für das Militär. „Die konnten nicht ruhig in der Kanzlei sitzen“, weiß Natalie Pfost.

Größte Sorge, ob Angehörige in der Ukraine den Krieg überleben

Sie engagiert sich zusätzlich zu den Fahrten in die Ukraine auch bei der Organisation „Wolja“, die unter anderem Informationsstände am Stuttgarter Bahnhof hat, um Geflüchteten Erste Hilfe zu leisten und sie mit Informationen zu ihrem Aufenthalt in Deutschland zu versorgen. „Mit denen, die ankommen, habe ich sehr viele Gespräche geführt“, sagt Natalie Pfost. Viele hätten auf belastende Weise nächste Angehörige verloren. Ihre größten Sorgen seien, ob die Menschen, die sie in der Ukraine zurücklassen mussten, den Krieg überleben.

„Es ist unheimlich wichtig, am Ball zu bleiben“, sagt Natalie Pfost im Angesicht dieses Leides. Die Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland sei zu Beginn des Kriegs in der Ukraine sehr hoch gewesen, nun gehöre der aber für viele zum Alltag, das Interesse am Geschehen lasse bei einigen nach.

Wer die Hilfsfahrten von Natalie Pfost unterstützen möchte, kann sich an die E-Mail-Adresse wehelpukraine@web.de wenden. Sach- und Geldspenden sind willkommen. Wer direkt spenden möchte, kann dies über diese Bankverbindung bei der Volksbank Backnang machen: DE12 6029 1120 0142 4880 03, Natalie Pfost, Verwendungszweck: Hilfe für die Ukraine (bitte unbedingt angeben). Oder via wehelpukraine@web.de über Paypal. Bereits ein kleiner Betrag von zehn Euro reicht, um Menschenleben zu retten. Derzeit am dringendsten benötigt werden: Verbandsmaterial (Tourniquet und Celox Gauze), Powerbanks (ab 10.000 mAh), Taschenlampen, Batterien, Isomatten, Knieschoner, Rucksäcke, Windeln, Babynahrung und Hygieneartikel.

Es ist auch eine Form von psychischer Bewältigung, dass sie und ihr Bruder regelmäßig Hilfslieferungen in die Ukraine fahren, sagt Natalie Pfost. „Als der Krieg losging, waren wir erst einmal in Schockstarre“, erzählt die Ukrainerin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, in ihrem Heimatland aber noch viel Familie hat. Dann habe sie überlegt, was sie selber tun könnte, um das Leid, „das so unglaublich ist im Moment“, zu erleichtern. Seitdem wird sie mit ihren Fahrten regelmäßig selbst

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