Winterbach

Bundesbeste Azubis aus Winterbach und Schorndorf

bundesbeste Azubis
Marie Bärlin und Ronja Pehla kannten sich in der Schule nur flüchtig. © ALEXANDRA PALMIZI

Marie Bärlin aus Winterbach und Ronja Pehla aus Schorndorf haben 2016 Abi am Burg-Gymnasium gemacht. Beide haben sich trotz Abitur gegen ein Studium entschieden und eine duale Ausbildung gemacht. Keine wusste vom Berufsziel der anderen. Vier Jahre später haben sie sich wiedergetroffen - bei der virtuellen Ehrung der Bundesbesten. Die hohe Auszeichnung der IHK Stuttgart und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags ist für sie der Beweis: „Man muss nicht studieren, um erfolgreich zu sein.“

Rückblick zur Abifeier 2016: Da hatten sie - ganz „analog" natürlich - im feierlichen Rahmen ihre Abiturzeugnisse überreicht bekommen. Keine wusste von der anderen, mit welchem Berufswunsch sie die Schule verlässt. Sie kannten sich flüchtig, wussten nur, dass sie miteinander die Schulbank gedrückt haben, aber das war auch schon alles. „Und dann wird plötzlich ihr Name aufgerufen, und ich denke mir, das gibt’s ja nicht“, schildert Ronja die Situation. Auch Marie Bärlin war ganz perplex. „Am liebsten hätte ich sofort ,Hallo Ronja' gerufen, aber es war eine Konferenz mit über 80 Leuten, und ich bin eher schüchtern“, sagt sie. Später hätten sie den Kontakt dann über soziale Medien aufgenommen.

Praxis fehlt im Studium

Ronja Pehla weiß noch genau, was sie damals dachte: „Ich hatte keinen Plan, was ich nach dem Abi machen will.“ Nach einem Au-pair-Jahr habe sie überlegt, zu studieren. Nach zwei Semestern Sozial- und Kommunikationswissenschaften kamen Zweifel. „Die Themenbereiche sind interessant, aber die praktische Umsetzung hat mir gefehlt.“ Sie erzählen einem interessante Dinge, aber wie man damit mal sein Brot verdienen soll, sei ihr nicht klargeworden. „Es steckt kein direkter Beruf hinter dem Studium. Für mich war es unvorstellbar, Zeit und Nerven zu investieren und nicht zu wissen, was ich damit anfangen kann.“

Während sie sich mit dem Studienabbruch beschäftigt habe, habe sie beschlossen, eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Der Ausflug an die Uni habe ihr die Entscheidung zur betrieblichen Ausbildung vereinfacht: So suchte sie gezielt im Internet und war überrascht, wie viele Ausbildungen es gibt. „Ich wusste ja zum Glück die Richtung, mir hat dann Veranstaltungskauffrau und Kauffrau für Marketingkommunikation am meisten zugesagt.“

Von Anfang an am richtigen Platz gefühlt

Ihren Ausbildungsplatz habe sie sich aussuchen können. „Es waren noch einige Stellen frei, und obwohl ich erst Angst davor hatte, als Studienabbrecherin keine Ausbildung zu finden, hatte ich schlussendlich die Wahl des Betriebs selbst in der Hand und hatte keinen Nachteil durch das abgebrochene Studium, eher einige Vorteile, weil ich schon etwas Erfahrung mitbrachte.“ Ronja fühlte sich von Anfang an am richtigen Platz: „Ich hatte viel mit Menschen zu tun, musste immer auf neue, überraschende Situationen spontan reagieren. Toll war auch, Verantwortung übertragen zu bekommen, in einer familiären Umgebung, mit tollen Chefs. Ich hatte eine sehr tolle Ausbildungszeit.“

Marie Bärlin hat keinen Abstecher ins Studium gemacht: Durch den elterlichen Gärtnereibetrieb - ihrer Mutter und ihrem Onkel gehört der Gärtnerei- und Floristikbetrieb Knauß in Winterbach - sei sie von klein auf ans Arbeiten gewöhnt. „Ich durfte zu Hause helfen, es hat mir immer Spaß gemacht. Ich habe mich aber entschieden, aufs Gymi zu gehen, weil die Noten gepasst haben.“

"Lern doch was Gescheites"

Während der Schulzeit sei oft die Berufswahl thematisiert worden. Als sie gesagt habe, was sie beruflich machen will, hätten einige „schon komisch geguckt“, nach dem Motto: „Lern doch was Gescheites, du hast doch Abitur.“ Für Marie Bärlin ist der Floristenberuf was Gescheites: „Es macht glücklich, wenn man was vollbracht hat und abends ein Ergebnis sieht.“ Nach einem zweimonatigen Praktikum in einem Gartencenter in Irland hat sie in einem Betrieb in Neuhausen auf den Fildern gelernt - der nächste Zufall, denn auch Ronja hatte es für die Ausbildung dorthin verschlagen. Beide fuhren mit dem Auto täglich durch die Staustrecke, heute müssen sie lachen: „Hätten wir das gewusst, hätten wir ja eine Fahrgemeinschaft gründen können“, meinen sie.

Um ihre Fahrt in die berufliche Zukunft müssen sie sich derzeit keine Gedanken machen: „Floristen werden gesucht, man findet gut Arbeit“, sagt Marie Bärlin. Corona habe freilich vieles durcheinandergeworfen - auch in ihrer Branche. „Die Krise wird vielen kleinen Unternehmen schaden, aber einen Job findet man jederzeit, Fachkräfte sind Mangel.“ Handwerk hat goldenen Boden, dessen ist sich auch Marie bewusst, die bereits das nächste Ziel anpeilt: Sie besucht die Meisterschule in Zürich. Obgleich man es im Handwerk und in der Industrie ohne Studium „zu etwas bringen kann“, wie sie sagen, hätten sich nur die wenigsten aus ihrem Abi-Jahrgang für eine duale Ausbildung entschieden. „Dabei liegen Theorie und das Lernen gar nicht jedem, die tun sich schon in der Schule schwer“, sagt Marie. Viele seien schlichtweg zu wenig informiert - so ihr Eindruck. „Es gibt so viele Ausbildungen und Möglichkeiten, darauf aufzubauen, das wissen die wenigsten.“

Woher kommt es, dass Abiturienten oft nur das Studium auf dem Schirm haben? „Es wird irgendwie so angepriesen, dass man automatisch studieren will“, sagt Marie. Ronja erinnert sich an einen Studientag in der achten Klasse. „Wir konnten in Vorlesungen reinsitzen, haben aber nie eine Ausbildungsmesse besucht.“ Bei ihrem berufsorientierten Praktikum seien viele zu einem Anwalt, Arzt oder Architekten, in studienorientierte Berufe also. „Niemand ging ins Altenheim, um sich den Beruf des Pflegers anzuschauen.“

Nach dem Abi unbedingt studieren?

Ronja sagt, sie sei zunächst „voll auf der Wolke“ gewesen: „Ich hatte nur Studium, Studium im Blick.“ Ihr Appell: „Der Berufsfindungsprozess im Gymi sollte erweitert werden durch die Vermittlung in nicht nur studienorientierte Berufe.“ Oft herrsche das Denken in der Gesellschaft, man müsse nach dem Abitur unbedingt studieren, und nur so könne man erfolgreich sein. „Wir beide haben das Gegenteil bewiesen“, sagen sie selbstbewusst. Zu Recht: Beide haben die bundesbesten Ausbildungszeugnisse in Praxis und Theorie mit Eins-Nuller-Notendurchschnitt hingelegt und gehören zu den acht Bundesbesten aus der IHK-Region Stuttgart.

Das schweißt zusammen: Wenn es Corona zulässt, wollen sie mal einen Kaffee trinken gehen. Ronja ergänzt: „Ich weiß ab jetzt definitiv, wo ich die beste Floristin finde.“ Und noch ein Highlight könnte für die beiden wahr werden. Ohne Corona hätten sie die Auszeichnung im Rahmen der Bundesbesten-Gala mit Barbara Schöneberger gebührend gefeiert, mit Kleid und Tamtam in Berlin. Ob der Termin nachgeholt wird, sei offen. Aber wenn, dann werden sie gewiss dieses Mal eine Fahrgemeinschaft gründen.

Marie Bärlin aus Winterbach und Ronja Pehla aus Schorndorf haben 2016 Abi am Burg-Gymnasium gemacht. Beide haben sich trotz Abitur gegen ein Studium entschieden und eine duale Ausbildung gemacht. Keine wusste vom Berufsziel der anderen. Vier Jahre später haben sie sich wiedergetroffen - bei der virtuellen Ehrung der Bundesbesten. Die hohe Auszeichnung der IHK Stuttgart und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags ist für sie der Beweis: „Man muss nicht studieren, um erfolgreich zu

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