Winterbach

„Das war ein kleiner Schock“: Der neue Winterbacher Pfarrer über den ganz anderen Umgang mit dem Thema Corona in seiner Heimat Sachsen

Pfarrer Baumgärtner
Marcus Baumgärtner hat mitten in der Pandemie einen schwierigen Start an seiner neuen Wirkungsstätte in Winterbach. © Gabriel Habermann

Was ist da los in Sachsen? Das Bundesland führt derzeit mit weitem Abstand die traurige Tabelle der Corona-Neuinfektionen in Deutschland an. Es sollte ein Gespräch über das Ankommen in der Fremde werden, über den Lebensweg eines jungen Pfarrers und über das Weihnachtsfest in der Corona-Zeit. Aber zwangsläufig kommt man beim Treffen mit Marcus Baumgärtner auf seine Heimat Sachsen zu sprechen und auf die aktuelle Lage dort.

Der neue Winterbacher Pfarrer ist mit seiner Familie im November von Bautzen ins Remstal gezogen – und hat einen Corona-Kulturschock erlebt. Im Interview redet der 34-Jährige darüber, warum seiner Meinung nach das Virus in Sachsen im gleichen Maße wie der Rechtspopulismus und der Glaube an Verschwörungsmythen um sich greift. Und natürlich geht es auch um Weihnachten.

Herr Baumgärtner, Sie wohnen jetzt seit ein paar Wochen in Winterbach. Konnten Sie mit der coronabedingten Kontakt-Reduzierung als Pfarrer überhaupt schon richtig Fuß fassen in Ihrer neuen Gemeinde?

Das ist tatsächlich gerade sehr schwierig, weil man eigentlich niemand treffen kann. Es haben aber viele Leute bei mir geklingelt und einen Gruß dagelassen. Ich merke dabei allerdings, dass ich mir die Gesichter schlecht merken kann, weil man durch die Masken nur die Hälfte davon sieht. Insgesamt war das mit Corona schon ein kleiner Schock, als ich im November hierhergekommen bin.

Warum Schock? War die Situation in Sachsen so anders?

In Sachsen herrscht eher so die Haltung vor: Ach ja, Corona – das ist doch nicht so schlimm. Hier haben die Leute ein ganz anderes Bewussten dafür, wie schnell sich das Virus verbreitet und dass man vorsichtig sein muss. Alle tragen sehr konsequent Maske und es wird gelüftet, wenn Leute in einem Raum zusammenkommen. Das empfinde ich als eine erfrischende Klarheit.

Das wäre dann vielleicht eine Erklärung für die hohen Infektionszahlen in Sachsen aktuell, oder?

Ich fürchte ja.

Es wird gerade über einen Zusammenhang mit den hohen Zustimmungswerten für die rechtspopulistische AfD in Sachsen spekuliert – ist da was dran?

Tatsächlich sind bei vielen Menschen in Sachsen Verschwörungs-Ideologien populär, wie sie durch Corona in der „Querdenken“-Bewegung hochgekommen sind. In der Nähe von Bautzen, wo ich gearbeitet habe, gibt es die B-96-Proteste, da stehen die Leute an der Straße und schwenken Reichsflaggen. Die Neue Rechte greift sehr geschickt Themen auf, die an den Rändern der Gesellschaft da sind, und befeuert sie: Sei es nun der Protest gegen Corona-Maßnahmen, die Leugnung des Klimawandels oder die Angst vor Fremden und Flüchtlingen. Dabei verdrehen die Rechten die Geschichte und ziehen Vergleiche mit Nazi-Deutschland, sie vereinnahmen Leute wie Dietrich Bonhoeffer unter dem Motto: Der war auch ein Widerstandskämpfer und wurde unterdrückt. Das ist paradox.

Warum fällt das in Sachsen auf fruchtbaren Boden?

Die Antwort darauf ist sehr komplex, das wäre ein eigener Zeitungsartikel.

Versuchen Sie es mal in aller Kürze.

Ein Faktor ist eine Art von Kränkung: Sachsen ist ein stolzes Bundesland, da hat man ein gewisses lokalpatriotisches Selbstbewusstsein, das ist meiner Ansicht nach gekränkt, geschichtlich, durch die Entwicklung nach der Wende. Mit der DDR ging eine gemeinschaftliche Identität unter. Frank Richter, ein katholischer Priester, der mal die Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen geleitet hat, hat es so erklärt: In der DDR, da gab es eine Ideologie, an der sich alle festhalten konnten, egal was passierte: Als in Tschernobyl das Atomkraftwerk explodiert ist, da war zum Beispiel in Bayern klar, dass Pilze gefährlich verstrahlt sind. Aber in der DDR? Da doch nicht. Da war wie so eine Glocke drüber, da waren alle sicher und mussten sich nicht damit beschäftigten. So zumindest hat es die gemeinschaftliche Ideologie vermittelt. Das gab Sicherheit.

Und nach der Wende war das alles weg.

Da hieß es plötzlich, du brauchst keinen Sozialismus mehr, du kannst selbst dein Glück machen. Aber das war ein Versprechen, an dem viele scheitern mussten, weil die Startbedingungen für den Kapitalismus im Osten einfach andere waren als im Westen. Da haben die Leute gemerkt: Da stimmt was nicht, wir sind nicht gleich. Zugleich sind viele andere Gewissheiten in den letzten Jahren verloren gegangen, die Welt ist komplexer geworden. Und da kommt der Nationalismus ins Spiel, der sagt: Kein Problem, du bist gut, weil du Deutscher bist.

Eine neue Ideologie?

Ja, genau. Das verfängt, weil es eine ähnlich einfache Botschaft ist wie zu DDR-Zeiten, sagt Frank Richter: Du bist gut, einfach weil du dazugehörst. Damit geht aber automatisch eine Abwertung all derer einher, die eben nicht dazugehören: Das können „Wessis“ sein oder Flüchtlinge. Das alles sind so die Erklärungsversuche, aber verstehen kann ich vieles nicht, gerade bei den jüngeren in meiner Generation. Ich bin damit auf jeden Fall noch nicht fertig, das alles beschäftigt mich noch.

Was kann man da als Pfarrer tun?

Die Frage, wo bekomme ich meine Sicherheit her, mein Selbstwertgefühl, das ist ja eine geistliche Frage. Die christliche Botschaft ist: Wenn ich mich selbst unwirksam fühle, heißt das nicht, dass nicht für mich gesorgt ist. Ich war auch in vielen Predigten sehr deutlich und habe Dinge angesprochen, die passiert sind. Zum Beispiel als in Clausnitz eine Menschenmenge einen Bus voller Flüchtlinge angeschrien hat, der gerade ankam.

Wie kam das bei Ihrer Gemeinde an?

Ich muss dazu sagen, dass meine alte Gemeinde Gesundbrunnen in Bautzen eine ist, in der es große Offenheit und Respekt vor dem Anderssein gibt. Da wurde Flüchtlingen geholfen, es gab einen deutsch-persischen Bibelkreis. In den Gottesdiensten saßen aber auch immer wieder Menschen, von denen ich wusste, dass sie in der rechten Ecke unterwegs sind.

Und wie sieht Ihre Predigt für Weihnachten hier in Winterbach aus? Finden Sie einen Bogen vom Stall in Bethlehem zur Corona-Pandemie?

Die prekäre Lage im Stall ist schlecht vergleichbar mit unserer Situation jetzt. Aber es gibt schon eine spannende Analogie, finde ich: Dass der Kern von Weihnachten damals gar keinen äußerlichen, dafür aber viel innerlichen Glanz hatte. Das erste Weihnachtsfest war grottenschlecht vorbereitet, die Umstände waren ärmlich, und es ist trotzdem in die Geschichte eingegangen, weil da etwas Wichtiges passiert ist.

Ein Plädoyer dafür, sich wieder mehr auf den Kern zu besinnen ohne den ablenkenden Lichterglanz und die große Feierei?

Dafür, sich Zeit zu nehmen und ganz auf die Menschen zu konzentrieren, die um einen herum sind – oder gerade eben auch nicht. Ein einfacher Anruf bei jemandem kann so guttun, obwohl man sich nicht persönlich treffen kann. Es ist dieses Jahr wahrscheinlich noch wichtiger als sonst, auf die zu achten, die einsam sind, die niemand haben, mit dem sie feiern können. Das ist ein Problem, das an Weihnachten immer unter ein Brennglas gesetzt wird, weil es ein Fest der Familie, der Gemeinschaft ist. Und wir werden das leider gerade in diesem Jahr mit kirchlichen Angeboten nicht komplett auffangen können, weil vieles mit der Pandemie nicht stattfinden kann.

Ein schwieriger Abschluss eines schwierigen Jahres – was gibt Ihnen Mut, was macht Ihnen Hoffnung für das neue Jahr?

Hoffnung gibt mir mein Glauben - die Erfahrung, dass ich nicht alles im Griff haben muss und auch nicht alles so kommen muss, wie ich es mir wünsche, damit es gut wird. Ich möchte die Zukunft zuerst annehmen und dann zuversichtlich verändern. „Vertraut den neuen Wegen“, dichtete der DDR-Pfarrer Klaus-Peter Hertzsch. Das ist mein Motto in der Pandemie.

Was ist da los in Sachsen? Das Bundesland führt derzeit mit weitem Abstand die traurige Tabelle der Corona-Neuinfektionen in Deutschland an. Es sollte ein Gespräch über das Ankommen in der Fremde werden, über den Lebensweg eines jungen Pfarrers und über das Weihnachtsfest in der Corona-Zeit. Aber zwangsläufig kommt man beim Treffen mit Marcus Baumgärtner auf seine Heimat Sachsen zu sprechen und auf die aktuelle Lage dort.

Der neue Winterbacher Pfarrer ist mit seiner Familie im

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