Winterbach

Die Grundschule ist keine heile Welt

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Pausenhof der Lehenbachschule in Winterbach, der von Gemeinschaftsschule und Grundschule gemeinsam genutzt wird. © Benjamin Büttner

Winterbach. Auch in der Winterbacher Grundschule sind mittlerweile Probleme durch Verhaltensauffälligkeiten, Mobbing und sogar körperliche Gewalt angekommen. Mit dieser Botschaft überzeugten Bürgermeister Müller, Schulleiterin Christine Walter-Krause und Schulsozialarbeiter Manuel Schmid, die Gemeinderäte davon, dass auch die Grundschule eine Fachkraft braucht, die präventiv arbeitet und bei Problemen hilft.

Video: Bürgermeister Sven Müllers Wahlversprechen: Es soll einen Schulsozialarbeiter geben.

Es war die Frage einer Schülerin der Winterbacher Lehenbachschule, die die Initialzündung gab. Redakteure unserer Zeitung trafen sich vor der Bürgermeisterwahl mit Achtklässlern und wollten wissen: Welche Wünsche und Fragen habt ihr an die Bürgermeisterkandidaten? Eine Schülerin fragte: „Könnten Sie dafür sorgen, dass es extra einen Schulsozialarbeiter für die Grundschule hier gibt?“ Alle Fragen bekamen die vier Bürgermeister-Kandidaten vorgelegt, um sich jeweils drei zur Beantwortung auszusuchen. Sven Müller, der spätere Sieger und jetzige Rathauschef, war nicht der einzige, der das Thema Schulsozialarbeit aufgriff. Seine klare Antwort: Das sei eine sinnvolle Sache. Und: „Von daher würde ich, wenn ich Bürgermeister von Winterbach werden würde, Schulsozialarbeit an Grundschulen einführen.“

Nun ist Sven Müller tatsächlich seit September Bürgermeister von Winterbach und hat sein Wahlversprechen schon jetzt eingelöst. Der Gemeinderat hat in dieser Woche beschlossen: Es kann eine 50-Prozentstelle für die Schulsozialarbeit an der Grundschule geben.

Probleme, „sich in einer sozialen Gruppe angemessen zu verhalten“

Aus der Anregung einer Schülerin ist damit also Realität geworden. „So etwas nennt man direkte Demokratie“, sagt Sven Müller. Als er durch die Schülerfrage erfahren habe, dass es in Winterbach an der Grundschule noch keine Sozialarbeit gibt, sei ihm sofort klar gewesen, dass er sich als Bürgermeister darum kümmern müsse. Darin habe ihn auch ein Gespräch mit der Schulleitung bestärkt. „Das ist ein Muss“, sagt er. In Remshalden, wo Müller zuvor Hauptamtsleiter war, sei Sozialarbeit schon länger an den Grundschulen eingeführt worden - mit sehr guten Erfahrungen.

Im Gemeinderat erklärte die Rektorin der Lehenbachschule, Christine Walter-Krause, warum aus ihrer Sicht Sozialarbeit auch an der Grundschule nötig ist. Der Wunsch sei schon längere Zeit da, sowohl von Seiten der Lehrer als auch der Eltern. „Wir leben leider Gottes auch in Winterbach nicht auf einer Insel der Seligen. Die gesellschaftlichen Probleme kommen auch bei uns an.“ Immer mehr Kindern falle es schwer, „sich in einer sozialen Gruppe angemessen zu verhalten“. Ganz allgemein macht die Schulleiterin dafür „die gesellschaftliche Situation“ verantwortlich. Viele Kinder würden in „Kleinstfamilien“ aufwachsen, es fehle ihnen das „Übungsfeld“ für soziales Verhalten. Außerdem gebe es viele Kinder, „die mit einem großen Rucksack an Erfahrungen zu uns kommen, die sie zutiefst verunsichert haben“, so Walter-Krause.

Lehrer sind keine Sozialarbeiter

Es gebe ständig Konfliktfälle, die so gravierend seien, dass sie Zeit zur Aufarbeitung und Lösung bräuchten. Das könne ein Lehrer nicht leisten, denn: „Was macht er in der Zeit mit seinen anderen Schülern?“ Außerdem seien Lehrer nun mal Lehrer und keine Sozialarbeiter: „Dafür sind wir nicht ausgebildet, da haben wir nicht die Kompetenz.“ Die Erfahrung mit der Schulsozialarbeit in der Sekundarstufe, das heißt, mit den Schülern der Werkrealschule und jetzt der Gemeinschaftsschule, hätten gezeigt, wie wertvoll diese professionelle Arbeit sei. Es gehe um Prävention und darum, Konflikte zu entschärfen, bevor etwas Großes daraus werde. Ein Extrembeispiel sei vor kurzem ein Erstklässler gewesen, der zwei Lehrerinnen geschlagen habe.

Schulsozialarbeiter Manuel Schmid, der offiziell nur für die Schüler ab Klasse 5 zuständig ist, berichtete im Gemeinderat, dass er immer mehr Anfragen aus der Grundschule bekomme, die er nicht bedienen könne. „Es ist heftig, was ab Klasse 1 auf den Schultern der Lehrer lastet“, so Schmid. Zwei oder drei problematische Kinder pro Klasse würden schon reichen, um alles aus dem Gleichgewicht zu bringen. Auch wenn die Mehrzahl der Schüler wohlgeratene Kinder seien, gehe es nicht mehr um Einzelfälle, sondern um eine Entwicklung. An anderen Schulen im Kreis sei die Sozialarbeit an Grundschulen schon „fast gleichauf“ wie die an den weiterführenden Schulen.

Gawaz: „Das ist ein erschreckendes Bild“

Die Beschreibungen der Lage an der Lehenbachschule beeindruckte die Gemeinderäte. „Das ist ein erschreckendes Bild“, sagte Klaus Dieter Gawaz (CDU) und stellte sich angesichts dessen die Frage: „Wie geht es mit der Gesellschaft insgesamt weiter?“ Diese Frage, meinte daraufhin Heidemarie Vogel-Krüger könne der Gemeinderat an einem Abend nicht lösen. Aber: Das Geld für die Schulsozialarbeit sei „absolut gut investiert“. Ähnlich meinte Bürgermeister Müller: Die Schulsozialarbeit sei eine „Investition in die Zukunft unserer Kinder“.

Dieser Meinung war auch die Mehrheit der Mitglieder des Gemeinderats, bis auf zwei Ausnahmen. Norbert Raisch (CDU) war trotz der Ausführungen von Schulleiterin und Sozialarbeiter der Ansicht: „Ich sehe das als Aufgabe der Lehrer.“ Und: Familiäre Probleme seien zu Hause und nicht in der Schule zu lösen. Auch Birgit Bürk (CDU), die selbst Lehrerin ist, war der Ansicht, „engagierte Lehrer“ wären für die Problemlösung geeignet. Schulsozialarbeiter Manuel Schmid widersprach: Ein Sozialarbeiter sei im Gegensatz zum Lehrer eine Person, die in den Augen von Schülern und Eltern neutral sei. Außerdem sieht er gerade die präventive Arbeit als wichtig an. Die soziale Gruppenarbeit, die er in der Sekundarstufe anbiete, zeige Wirkung. „Ich glaube, dass sich da auch in der Grundschule viel tun kann“, ist Schmid überzeugt.