Winterbach

Dorfidyll und Hochwassergefahr: Der Lehenbach floss früher oberirdisch mitten durch Winterbach, sein Kanal muss jetzt saniert werden

Winterbach
Dieses Foto stammt vermutlich aus dem Zeitraum zwischen 1900 und 1910: Ein Dorfidyll mit Bächlein, das aber immer wieder zum reißenden Strom wurde, der alles überflutete. Zu sehen ist die Straße Oberdorf, Blickrichtung Süden, im Hintergrund die Bahnbrücke. © Heimatverein Winterbach

Die Verdolung, das heißt, der Kanal, durch den in Winterbach der Lehenbach fließt, ist dringend sanierungsbedürftig. Die Gemeinde hat dafür noch in diesem Jahr 300 000 Euro im Haushalt eingeplant. Die Autofahrer auf der Ortsdurchfahrt dürften von den Bauarbeiten nicht viel mitbekommen. Der Bach ist in der Ortsmitte unsichtbar, aber bis vor 70 Jahren floss das Fleckenbach genannte Gewässer zum Teil noch durch den Ort. Es hieß früher sogar: „Wer als Kind nicht in den Bach gefallen ist, der ist kein rechter Winterbacher.“

So formuliert es Helene Häcker-Christaller in einer Erinnerung für ein Festbuch der Winterbacher Heimattage 1978. Den Fleckenbach beschreibt sie als einen Mittelpunkt des Dorfs, einen Treffpunkt, um den herum sich viel Leben abspielt. Im Wasser wird Most gekühlt, am Ufer stapeln sich Holz, Reisig und Steine. Aber auch Abwasser aus den Häusern läuft in den Bach, trotzdem sei er „sauber und rein“ gewesen, so Helene Häcker-Christaller.

Für die Kinder ist der Wasserlauf ein toller Spielplatz. Sie „bauen Stauwehre und Burgen im flachen Wasser“. Und: „Die größeren Buben versuchen sich im Weitsprung über das Bachbett, mit und ohne Stange, derweil sich die Alten am Feierabend auf dem Bänkle vor dem Haus unterhalten und ausruhen.“ Im Winter kann man auf dem gefrorenen Bach Schlittschuh laufen.

Bei starken Regenfällen schwoll das Bächlein zum reißenden Strom an

Doch zum Ende ihrer Beschreibung der alten Zeiten kommt Helene Häcker-Christaller zu den weniger erfreulichen Seiten der Geschichte: „Leider kann ich nicht verschweigen, dass der Bach noch ein ganz andres Gesicht hat.“ Bei starken Regenfällen über dem Schurwald schwoll das sanfte Rinnsal schnell zu einem reißenden Strom an: „Die Wassermassen wälzten sich das Oberdorf herab und nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Fahrzeuge, Mähmaschinen, Holz, alles wurde von den Fluten mitgerissen.“

Niedriger gelegene Häuser im Oberdorf standen dann innerhalb weniger Minuten bis zu 1,80 Meter tief im Wasser, Vieh und Geflügel waren in akuter Lebensgefahr. „Der Marktplatz war bis tief in die Westergasse ein großer See und das Unterdorf glich einer einzigen Wasserstraße bis zur Rems. Badewannen und Waschzuber wurden zu Schiffen umfunktioniert und waren begehrte Beförderungsmittel“, schreibt Helene Häcker-Christaller.

Diese ständige Überschwemmungs-Gefahr war letztendlich einer der Gründe, warum der Bach in zwei Abschnitten schließlich unter der Erde verschwand. „Mit der notwendigen Kanalisation und der Überdolung des Fleckenbachs hat ein Dorfidyll sein Ende gefunden, an das wir Älteren aber noch gerne, vielleicht mit leichter Wehmut zurückdenken.“

Wegen Hochwassergefahr und Platzbedarf unter die Erde verlegt

Wie Jürgen Rieger vom Winterbacher Heimatverein aus dem Archiv herausgesucht hat, wurde zunächst in den Jahren 1928/29 der Abschnitt vom Marktplatz bis zur Rems kanalisiert und unter die Erde gepackt. Ein Grund, so Rieger, dürfte auch gewesen sein, dass man dadurch eine richtige Straße habe bauen können. Der zweite Abschnitt zwischen dem Marktplatz und dem heutigen Spielplatz in der Straße Oberdorf kam dann 1959/60 dran. „Dieser Abschnitt war Teil der Hochwasserfreilegung, die auch noch die Neukanalisation in diesem Bereich, das Pumpwerk an der Remsstraße, die Sammelkläranlage und zum Schluss das Hochwasserrückhaltebecken im Lehenbachtal beinhaltete“, weiß Jürgen Rieger. Das Rückhaltebecken ist umgangssprachlich besser bekannt als Stausee.

Nun muss also der Kanal (in der Fachsprache Verdolung genannt), in dem der Lehenbach unterirdisch über eine Strecke von 680 Metern zwischen dem Spielplatz in der Straße im Oberdorf und der Rems fließt, saniert werden. Die Dringlichkeit der Maßnahme verdeutlichte kürzlich im Bauausschuss des Gemeinderats der Sachverständige Wolfgang Krop. Er zeigte auf Bildern Löcher und Risse sowie rostige Stellen. „Der Bewehrungsstahl ist verantwortlich für die Tragfähigkeit“, so Krop. „Da sehen Sie sehr viel Rost.“ Man müsse also von einer Tragwerksschädigung sprechen. Und: „Das wird immer schlimmer.“

„Wir wollen nicht, dass die Straße zusammenbricht“

Die Schadensaufnahme mit den Fotos stammt aus dem Jahr 2013. Damals hat Wolfgang Krop mehr als 100 Schäden an der Innenseite der Kanalwände aufgenommen. Seitdem steht die Sanierung jedes Jahr in der Investitionsliste der Gemeinde, wurde aber, wie die Sitzungsvorlage für den Gemeinderat vermerkt, „aufgrund anderer Prioriäten“ immer wieder verschoben. „Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir nicht mehr warten können“, sagte auch Bürgermeister Sven Müller. „Wir wollen nicht, dass die Straße über der Lehenbachverdolung zusammenbricht.“

Auch wenn diese dramatische Zuspitzung wohl nicht so schnell Wirklichkeit werden würde, soll 2021 und 2022 die Sanierung des ersten Abschnitts der Verdolung laufen. Sonst droht, wie Wolfgang Krop ausführte, das Szenario, dass der Kanal komplett ausgegraben und ersetzt werden muss, weil die Schäden für eine Sanierung zu groß sind. Im jetzigen Stadium sollen die Ausbesserungsarbeiten komplett im Kanal erfolgen, ohne dass dafür die Straße aufgegraben werden müsste – und ohne Staus auf der Winterbacher Hauptverkehrsader.

Lediglich im Bereich des Kreisverkehrs vor der Remsbrücke merken am Ende die Autofahrer etwas von der Baumaßnahme, wenn dort noch der Zugangsschacht erneuert wird. Größere Behinderungen des Verkehrs seien aber nicht zu erwarten, sagt Sebastian Schneider, der bei der Gemeinde für den Tiefbau zuständig ist, die Straße müsse nicht komplett gesperrt werden.

Saniert werden soll mit einem geplanten Baubeginn im Mai zunächst der Abschnitt der Lehenbach-Verdolung zwischen der Einmündung der Straße Oberdorf in die Engelberger Straße und der Rems. Der kleinere Abschnitt in der Straße Oberdorf soll 2023 drankommen, wenn dort in der Investitionsliste ohnehin die Sanierung von Straßenbelag, Kanal und Leitungen geplant ist.

Im ersten Sanierungsabschnitt sind die letzten rund 80 Meter vor der Rems eine besondere Herausforderung. Dort steht der im Schnitt 2,30 Meter breite und 1,40 hohe Kanal nämlich dauerhaft unter Wasser. Um ihn trocken zu legen, werden in den Fluss Spundwände eingestellt, die das Wasser abhalten. Dieser letzte Teil der Verdolung ist auch noch die größte Unbekannte in der Kostenkalkulation, weil die Schäden dort erst nach Trockenlegung sichtbar werden.

Die Verdolung, das heißt, der Kanal, durch den in Winterbach der Lehenbach fließt, ist dringend sanierungsbedürftig. Die Gemeinde hat dafür noch in diesem Jahr 300 000 Euro im Haushalt eingeplant. Die Autofahrer auf der Ortsdurchfahrt dürften von den Bauarbeiten nicht viel mitbekommen. Der Bach ist in der Ortsmitte unsichtbar, aber bis vor 70 Jahren floss das Fleckenbach genannte Gewässer zum Teil noch durch den Ort. Es hieß früher sogar: „Wer als Kind nicht in den Bach gefallen ist, der ist

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