Winterbach

Dream Theater beim 11. Winterbacher Zeltspektakel

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James LaBrie von Dream Theater. © ZVW/Gaby Schneider

Winterbach. Winterbach, das Zeltspektakel-Publikum, muss das erst noch lernen. Wie das geht, das Abspreizen des kleinen Fingers und des Zeigefingers. Um die Teufelshörnchen zu machen, das Zeichen der internationalen Metal-Gilde. Mit dem Auftritt von Dream Theater aus New York ist immerhin ein Einstieg geschafft. Ein durchaus faszinierender.

Sage keiner, dass da ein Nischenprodukt ein Programmloch stopfen sollte. Sänger James LaBrie stellt sich nach drei langen Hammerschlägen, dem Konzert-Intro voller krachender Überwältigungsrhetorik, an seinen Mikroständer und weist darauf hin, dass es eine schöne Verbindung gibt zwischen ihnen und Deutschland. Das neueste Longplay-Werk „Distance over Time“ kam doch tatsächlich auf Platz 1 der deutschen Album-Charts. Im Zelt freilich zeigte sich sehr wohl noch Luft.

Es gibt offenbar Berührungsängste. Das mainstreamige Zeltspektakel-Publikum will nicht so recht was zu tun haben mit Trägern langer Haarmatten und Zurschaustellern von Ziegenbärtchen. Dabei ist Dream Theater die richtige Einstiegsdroge, um wie unter einem Hallo-Wach-Macher zu erkennen, was Metal kann. Jedenfalls wenn er, wie in diesem Fall, von Musikstudierten abwechselnd heiß und kalt geschmiedet wird. Wenn die Herren an ihren Geräten Pink Floyd, Genesis oder Yes kaum weniger schätzen als Metallica oder Iron Maiden. Wenn sie für ihre Balladen eher Anleihen nehmen bei den Hochjublern namens U 2 als bei Fürsten der Finsternis.

Totenkopf am Mikroständer

Der Stimme von Dream Theater geht schon mal eine stilprägende Eigenschaft ab: das Grunzen. Gut so, werden Genre-Unentschiedene sagen. James LaBrie hat zwar an seinem Mikroständer einen neckischen Totenkopf angeschraubt. Aber die Show ist eher was für Raumfahrer denn für Höllenfahrer.

Stilistisch schaut es stärker nach Hymnen zur aktuellen Feier der ersten Mondlandung aus denn nach Anrufung von Luzifer. Tastenmann Jordan Rudess herrscht über ein Keyboard, das auf seinem Teleskop-Ständer über den Dingen schwebt wie ein Raumschiff.

Kein Theater auf der Bühne

Was dieser Commander seiner Gerätschaft entlockt, klingt spacig, nicht erdig. Schlagzeuger Mike Mangini hat über sich einen Galgen mit silbernen Blechen hängen, den Becken. Richtig angestrahlt hat das was Überirdisches. Gitarrist John Petrucci sieht sein Griffbrett als Abschussrampe für Riff-Salven. Geschwindigkeit gilt ihm zum Glück nicht alles, die Mission muss auch ankommen. Und der Bassist John Myung, nun gut, ballert mit seinem Tieftöner direkt in unsere Eingeweide. Aber wer das nicht schätzt, dieses innere Vibrieren, kommt eh für Hard&Heavy nicht infrage.

Diese Leistungsschau stützt sich ganz klar auf musikalischem Können. Ganz entgegen dem Bandnamen wird da kein Theater auf der Bühne gemacht, kein billiges Posing zelebriert. Die Anrufung des Leibhaftigen, der Vollzug des Totenkultes – all das feiert bei Dream Theater nicht fröhlich Urständ. Nicht mal der Pietist aus Geradstetten müsste erschrecken. Aber man muss es mal gehört haben, wie ein Schlagzeuger, der in einem langwierigen Assessment-Center-Prozess neu gefunden wurde, die Doppelfußmaschine zu bedienen weiß.

Prog Rock und Heavy Metal verschmelzen

Dream Theater aktuell auf Tour promoten vor allem „Distance over Time“. Eine schöne Platte, welche eine Erfindung der Band nochmals herausstellt: das Verschmelzen von Prog Rock und Heavy Metal. Die Intros dauern so lange wie bei anderen ganze Stücke. Nach drei Minuten Dauerbeschuss aus allen Rohren schält sich aus der Sound-Wand langsam das Thema heraus.

Dream Theater, Youtube-Benutzer wissen das, haben eigentlich noch mehr in petto. Ihre Ballade „This is the Life“ gehört genreübergreifend zum Härchenaufstellendsten, was unter der Sonne Härchen aufstellt. Es geht also noch mehr. Winterbach sollte sich mit diesem Gedanken befassen.


Joss Stone

Letzte Ansage: Am Dienstag geht das Zeltspektakel zu Ende. Es gibt noch Karten für Joss Stone. Was klar sein dürfte: Es wird ein weiterer, letzter Höhepunkt. Beginn 20 Uhr.