Winterbach

Ein Klamottenladen als zweite Familie

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Ein Teil des Lädle-Teams (von links): Claudia Dluhosch, Doris Waidelich, Karin Auggenthaler, Marianne Frese und Susanne Kaufmann. © Habermann / ZVW

Winterbach. Wer beim Klamotten-Lädle des Winterbacher Nachbarschaftshilfevereins an Altkleidersammlung denkt, der sieht sich bei einem Besuch dort getäuscht: Auf den Ständern hängen Markenklamotten in tadellosem Zustand, teilweise kaum getragen – und das zu Spottpreisen. Doch die Ware ist nur die eine Seite des Lädles. Marianne Frese und ihr Team verschenken dort etwas viel Wertvolleres: Zeit.

Pünktlich um 15 Uhr öffnet das Lädle seine Türen, die ersten Kundinnen haben bereits darauf gewartet. Eine Frau hängt einen Schwung Klamotten auf den Kleiderständer bei der Warenannahme.

„Das war hier wie eine zweite Familie“

„Ich lauf’ nicht mehr mit Spaghetti-Trägern rum“, meint sie zu den langen Kleidern und packt dann noch einige Paare hochhackige Schuhe aus. „Mit den Klöpfern kann ich nicht mehr laufen.“ Nicht nur die Schuhe sehen aus, als wäre sie darin ohnehin nie viel gelaufen.

Marianne Frese, die Leiterin des Lädles, hat hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen und unterhält sich mit der Kundin erst mal übers Haarefärben. Sie kennen sich seit 23 Jahren, so lange kommt die Frau schon, jetzt zum ersten Mal wieder seit vier Jahren. Früher habe sie „Berge“ von Klamotten heimgetragen.

Aber nicht nur das: „Das war hier wie eine zweite Familie“, sagt sie. Wenn es ihr nicht gutgegangen sei, habe sie hier immer ein Lächeln oder einen „Drücker“ bekommen und hinterher sei es ihr immer besser gegangen.

Viele Artikel könnten so auch in einer Modeboutique hängen

Das Winterbacher Lädle des Nachbarschaftshilfevereins gibt es seit 1977. Damals stellte die Gemeinde die Räumlichkeiten im Keller des Altbaus der Lehenbachschule zur Verfügung, noch in weitaus kleinerem Umfang wie heute. Marianne Frese kam Anfang der Achtzigerjahre, nachdem sie mit ihrer Familie nach Winterbach gezogen war, als Kundin her.

Als Mutter von drei Kindern habe sie eine Beschäftigung gesucht und im Lädle gefunden. Nach dem Tod der Gründungs-Mutter Liesel Gramm übernahm sie die Leitung. Dieses Jahr verlieh die Gemeinde ihr die Bürgermedaille für ihr Engagement.

Das Lädle ist über die Jahrzehnte gewachsen und hat immer größere Teile des Kellers unter dem Schulgebäude in Beschlag genommen. Wer die Treppe vom Schulhof der Lehenbachschule hinuntersteigt, geht erst durch einen Vorraum und kommt dann in einen langen Flur, mit Heizungsrohren an der Decke.

„Eine Jeans, ein Shirt dazu, ein paar Schuhe – mit zwölf Euro sind Sie dabei“

Auf Ständern hängen alle möglichen Kleidungsstücke, der größere Teil für Damen, ganz am Ende des Flurs gibt es auch eine Abteilung für Herren. Vieles könnte so auch in einer Modeboutique hängen – den Unterschied machen die Preise: „Eine Jeans, ein Shirt dazu, ein paar Schuhe – mit zwölf Euro sind Sie dabei“, sagt Marianne Frese und betont: „Das ist kein Kruscht.“ Sie zeigt auf ihre Schuhe: „Cool, oder? Die kosten neu 54 Euro.“ Im Lädle: vier Euro (plus zehn Prozent, also hier 40 Cent, für die Nachbarschaftshilfe, die als Aufschlag immer draufkommen).

Verschiedene Räume zweigen vom Flur ab, das Büro von Marianne Frese, das gleichzeitig als Lager dient, und der Raum für die Warenannahme. In einem weiteren Raum kleben hinten an der Wand Fliesen: ein Überbleibsel aus der Zeit, als hier unten ein öffentliches Bad war. Heute findet man dort Taschen, Tisch- und Bettwäsche und einige Kindersachen.

Ein Team von sieben Mitarbeiterinnen arbeitet außer Marianne Frese im Lädle, mehr oder weniger ehrenamtlich für eine Entschädigung von ein paar Euro die Stunde. „Wir haben hier viel Spaß“, sagt Frese. „Das Team versteht sich glänzend.“ Die gute Atmosphäre überträgt sich auf die Kundschaft. Es herrsche eine „familiäre Stimmung“, meint eine Frau, die bei der Annahme wartet, bis sie dran ist.

Mehr als ein Second-Hand-Laden

Sie komme immer, wenn sie mal daheim ausmiste, meint sie. „Das ist besser, als wenn man es in einen Sack steckt und nicht weiß, wo es landet.“ Was nicht verkauft wird, das sortieren die Lädle-Mitarbeiterinnen wiederum aus und spenden es weiter an eine Stelle, bei der sie ebenfalls wissen, dass es dort ankommt, wo es gebraucht wird.

In einem der Verkaufsräume gibt es Haushaltsgegenstände, ein Toaster, eine Brotbackmaschine, dazu Spiele. Mittendrin steht eine Sitzecke mit Tisch. Die stamme aus einer Haushaltsauflösung, erzählt Marianne Frese. Auf dem Tisch stehen Tassen, eine Thermoskanne und ein Schild: „Tasse Kaffee 50 Cent.“

Die Möbel sind nicht zu verkaufen, sondern dienen tatsächlich als Sitzgelegenheiten. Denn: Das Lädle ist mehr als ein Second-Hand-Laden, es ist für viele auch ein Treffpunkt. „Das Schönste ist es, wenn die Leute hier um den Tisch sitzen und miteinander quatschen“, sagt Marianne Frese.

Sie selbst hat zu vielen Kunden enge Beziehungen aufgebaut. „Manche kommen über Generationen. Die, die ich früher als Baby auf dem Arm hatte, kommen jetzt selbst mit ihren Babys.“

„Wir sind hier nicht im Basar“

Die Kundschaft hat die größtmögliche Bandbreite, sagt Marianne Frese: vom Sozialhilfeempfänger bis zur Geschäftsfrau. Der Einkauf ist voraussetzungsfrei, das Lädle hat nichts mit einem Tafelladen zu tun, für den man einen Berechtigungsschein braucht. Es ist mehr Boutique als Kleiderkammer. Viele seien aber schon auch arm dran, sagt Marianne Frese. Sie kennt ihre Kundschaft gut, schon bei ihrem Job als Kassiererin bei Netto kam sie viel in Kontakt mit den Menschen im Ort.

Wenn sie weiß, dass jemand wirklich wenig Geld hat, dann verschenkt sie schon auch mal Kleidung oder gibt etwas zum halben Preis ab. Mit Feilschen kommt man bei ihr aber nicht weit. „Wir sind hier nicht im Basar“, sagt sie.

Und: „Ich kenne meine Pappenheimer.“ Dabei leistet sie soziale Arbeit in mehrfacher Hinsicht. Immer wieder ist sie geradezu therapeutisch tätig. „Es kommen viele her, die einfach reden wollen“, sagt Marianne Frese und stellt fest: „Heute haben die Menschen viel zu wenig Zeit füreinander. Ich nehme sie mir.“


Das Lädle: Kaufen und verkaufen

Das Lädle des Winterbacher Nachbarschaftshilfe-Vereins hat jeden Mittwoch von 15 bis 18.30 Uhr für den Verkauf geöffnet. Neue Artikel werden zwischen 15 und 17.30 Uhr angenommen. Die Auszahlung der Verkaufserlöse erfolgt von 15 bis 17.30 Uhr.

Am Samstag, 23. Juni, ist wieder mal verkaufsoffener Samstag im Lädle. Der Verkauf findet von 9 bis 13 Uhr statt.

Zu finden ist das Lädle im Altbau der Lehenbachschule. Im westlichen Teil des Schulhofs weist ein Schild auf den Treppenabgang zu den Lädle-Räumen hin.

Pro Person werden pro Woche fünf Teile angenommen. Wichtig: Sie müssen gut erhalten, sauber und gebügelt sein.

Vom festgelegten Verkaufspreis behält das Lädle beziehungsweise der Nachbarschaftshilfe-Verein zehn Prozent für sich, den Rest kann sich der Kommissionsgeber der Waren holen – oder damit etwas Gutes tun und darauf verzichten. Das Geld, auf das innerhalb eines Jahres keiner Anspruch erhebt, führt das Lädle-Team einem gemeinnützigen Zweck zu.

Einkaufen kann im Lädle jeder, es gibt keine Einschränkungen.