Winterbach

Elektrische Lasten-Bikes statt stinkender Lieferwagenflotten: Bald großer Testlauf in Winterbach und Hegnach

E-Logistik
ZVW-Geschäftsführer Ullrich Villinger (rechts) und Projektleiter Markus Graf auf Lasten-E-Bikes – ähnliche Gefährte werden demnächst durch Winterbach und Hegnach flitzen, um Zeitungen, Post und vielleicht auch Waren wie Medikamente oder Essensbestellungen auszuliefern. © Benjamin Büttner

Verkehr und verstopfte Straßen sind in vielen Städten und Gemeinden schon lange ein Problem. Und durch die Corona-Krise hat sich die Flut der Lieferwagen-Flotten von DHL, Hermes und Co noch einmal vervielfacht. „Viele Städte sagen: Das machen wir nicht mehr mit“, weiß Markus Graf, der beim Zeitungsverlag Waiblingen als Projektleiter für die E-Mobilität zuständig ist. Der ZVW ist gerade dabei, mit BW-Post und verschiedenen Partnern, darunter die Städte Waiblingen und Schorndorf sowie Firmen wie Catalent, neue, zukunftsfähige Lösungen für Logistik und Mobilität zu finden – und wird sie in Winterbach und Hegnach bald in der Praxis testen.

Zentraler Bestandteil davon sind zunächst Elektro-Bikes, die für den Transport großer Lasten ausgelegt sind, die auch der örtliche Metzger oder die Apotheke für ihre Lieferungen nutzen – und die irgendwann auch mal CO2-neutral die Pakete von großen Dienstleistern durch die Straßen kutschieren könnten.

„Da fängt gerade ein Umdenken an“

„Es ist eigentlich eine Katastrophe“, sagt Markus Graf. „Vier bis fünf unterschiedliche Transportdienstleister fahren im Extremfall mit dem Lieferwagen jeden Tag am gleichen Mehrfamilienhaus vorbei und klingeln, um jeweils ein Päckchen abzugeben.“ Viele Städte seien an einem Punkt, an dem sie die Notbremse ziehen wollten: „Da fängt gerade ein Umdenken an.“ Man habe erkannt, dass man Transportwege bündeln und einfacher machen müsse.

Dieses Umdenken findet auch beim Zeitungsverlag Waiblingen statt. Denn: Auch der ZVW ist mit der für die Zustellung zuständigen Tochterfirma Savanto ein Lieferdienst: Die gedruckte Zeitung kommt jeden Morgen zu fast 40 000 Abonnenten in die Briefkästen. Das erledigen die rund 1000 Zusteller im Rems-Murr-Kreis vor Ort zwar größtenteils zu Fuß und damit ziemlich geräuschlos und schadstoffarm. Aber um die Zeitungspakete vorher zu ihnen zu bringen, sind eben auch mit fossilen Brennstoffen betriebene Lieferwagen unterwegs zu bestimmten Ablagepunkten. „Das wollen wir reduzieren“, sagt Markus Graf. Statt sechs oder sieben Anlieferungspunkten in den Wohngebieten sollen zum Beispiel bald in Winterbach drei sogenannte Hubs stehen. Auch die BW-Post, an der der ZVW beteiligt ist, soll die Hubs nutzen.

Hubs (englisches Wort, Aussprache „Habs“) sind die Knotenpunkte im neuen Mobilitätsnetz, das in Winterbach und Hebsack getestet werden soll. Sie sehen aus wie Fertiggaragen mit den Maßen zweieinhalb auf fünf Meter. Ein Hub soll in Winterbach hinter dem Bürgerhaus Kelter in Nähe zum Abramzik-Supermarkt platziert werden, einer am Bahnhof auf den Park-and-Ride-Parkplätzen und einer an einer noch näher zu definierenden Stelle an der Salierhalle.

Standortsuche in Hegnach

In Hegnach steht noch kein Standort fest. „Dort wollen wir gleich einen Gewerbepartner suchen“, sagt Markus Graf. Es laufe auf einen einzigen Hub hinaus, weil der Ort kleiner sei und es weniger ZVW-Abonnenten gebe.

Ausgewählt werden die Standorte als wichtige Schnittstellen in den Verteilbezirken von ZVW und BW-Post. Es sind dabei auch schon weitere Nutzungen mitgedacht. „Wir haben geschaut, wo bietet es sich an, dass Bewohner der Gemeinde oder Handwerker und Gewerbetreibende die Fahrzeuge nutzen können?“ sagt Markus Graf. So könnten zum Beispiel der Winterbacher Abramzik-Markt die Hubs und die Fahrzeuge nutzen oder die Apotheke für ihre Medikamentenlieferungen. In die Zukunft weitergedacht könnten örtliche Firmen Fahrzeuge dort buchen, mit denen ihre Mitarbeiter den Weg zur Arbeit zurücklegen, oder sogar Bürger für private Fahrten auf die E-Fahrzeug-Flotte zugreifen. Dafür ist bereits eine Smartphone-App fertig programmiert und einsatzbereit.

Winterbach haben sich die Projektverantwortlichen für den Testlauf rausgesucht, weil es ein kleiner, überschaubarer, aber lebendiger Ort mit viel größerem und kleinerem Gewerbe ist. Dazu kommt die Nähe zu Schorndorf, wo die Stadtverwaltung und Catalent als großer Arbeitgeber großes Interesse an dem Projekt für die Mobilität von morgen haben. Perspektivisch will der ZVW mit seinen Projektpartnern die vernetzte E-Mobilität in möglichst vielen weiteren Städten und Gemeinden einsetzen. Dabei könnten die Kommunen, aber auch örtliche Firmen, selbst ins Mobilitätsnetz investieren und Betreiber von Hubs werden, so die Idee.

„Wunsch, dass Wirtschaft anspringt“

Im Winterbacher Gemeinderat, wo Markus Graf das Projekt vergangene Woche vorstellte, traf das Thema auf sehr positive Resonanz. Kosten entstehen für die Gemeinde keine. Bürgermeister Sven Müller sieht für Winterbach eine große Chance, beim Klimaschutz und der Verringerung von Schadstoffausstoß voranzukommen. Er erkennt aber auch „einen deutlichen Mehrwert, den Händler für sich nutzen können“. Müller hat dabei den „Wunsch, dass die Wirtschaft hier anspringt und in Zukunft die Gewerbetreibenden auf ihren Grundstücken Plätze zur Verfügung stellen“ für die Hubs als Stationen für die E-Fahrzeuge, damit die öffentlichen Flächen, wo sie jetzt stehen, nicht dauerhaft belegt werden müssen.

Markus Graf sieht das durchaus als eine erwünschte Entwicklung. Er sagt aber auch: Für die Kommunen selber könnte es auch eine Möglichkeit sein, eine eigene, öffentliche Infrastruktur aufzubauen. Es gibt nämlich ein Förderprogramm vom Bund genau für solche Mikro-Depots, bei dem bis zu 80 Prozent der Kosten übernommen werden. „Das läuft noch bis zum 31.08.2021“, sagt er. „Interessierte Kommunen können sich gerne an den ZVW wenden. Wir können hier mittlerweile sehr gut beraten.“

Die Testphase in Winterbach und Hegnach wird unterstützt vom Wirtschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg. Wann sie anläuft, ist noch nicht ganz sicher, laut Markus Graf wird es voraussichtlich Anfang oder Mitte Juli, bis alle Vorbereitungen abgeschlossen sind. Sechs Monate soll dann der Versuch laufen und seine Zukunftsfähigkeit unter Beweis stellen. Dann, so die Zukunftsvision, könnte ein Mobilitäts-Netzwerk mit Hubs als Mikro-Verteilknoten auch das Geschäft der Paketzustellung umkrempeln und den Verkehr in diesem Bereich reduzieren.