Winterbach

Fernreisen wohl eher erst 2022 möglich - was man für die Urlaubsplanung jetzt wissen sollte

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Dirk Mölter, Chef des Winterbacher Reisebüros, über die Auswirkungen der Krise: „Es ist wichtig, dass die Branche sich verändert.“ © Gaby Schneider

14 Monate lang hat er kein Geld verdient und war nur mit Stornieren und Umbuchen beschäftigt, jetzt sieht Dirk Mölter wieder Land. In seinem Winterbacher Reisebüro spürt er: Die Leute haben zunehmend wieder Lust auf Urlaub. Dennoch bleiben im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie viele Ungewissheiten. Fernreisen, so Mölters Einschätzung, werden wohl 2021 noch nicht wieder möglich sein. Und er glaubt, dass die Reisebranche sich dauerhaft verändern könnte – was er sehr positiv findet.

Für 299 Euro all inclusive eine Woche in die Türkei? „Da kann was nicht stimmen“, sagt Dirk Mölter. „Und da kommen dann manche Leute zurück und wundern sich, dass die Putzfrau im Hotel nicht jeden Tag guten Morgen sagt und einen nicht mit offenen Augen empfängt.“ Dass sie aber abzüglich des Flugpreises vielleicht für zehn Euro die Nacht im Hotel wohnen und was da für die Mitarbeiter von dem Geld bleibe, das sähen sie nicht.

Deswegen findet der Reisefachmann: „Es ist wichtig und richtig, dass die Branche sich verändert.“ Aus seiner Sicht müsse es auch keine Flüge von Ryan Air für 9,99 Euro oder Flüge von Stuttgart nach München mehr geben. Mölter glaubt, dass sich die Einstellung zum Reisen verändern könnte: „Dass die Leute auch wieder wertschätzen, was ein Urlaub ist. Dass der Urlaub wieder etwas Besonderes wird.“

Der Wert des Fachmanns aus dem Reisebüro in unsicheren Reisezeiten

Dirk Mölter hofft bei der Entwicklung in der Folge der Pandemie auch auf eine Renaissance des Reisebüros, das als Anlaufstelle für die Urlaubsbuchung seit langem durch das Internet schwere Konkurrenz hat. Aber bei der momentan so unübersichtlichen und sich immer wieder schnell verändernden Corona-Lage in verschiedenen Ländern sei ein Profi, der alles im Blick habe und schnell Alternativen finden könne, unersetzbar, meint er selbstbewusst.

Es komme gerade immer wieder vor, dass Leute Urlaube gebucht hätten und wenige Tage vor dem Flug sage das Hotel kurzfristig ab, weil es doch noch nicht geöffnet habe. Das könne passieren, wenn in einem Haus die Auslastung mit Gästen nicht hoch genug sei, damit sich die Öffnung lohne. „Wir gucken dann: Wie bügeln wir das glatt?“ Die Fachleute im Reisebüro hätten außerdem einen verlässlicheren Überblick über aktuelle Pandemie- und Regel-Entwicklungen, als man das selbst über Internet-Recherche bekomme.

Infos beim Auswärtigen Amt

Für die eigene Recherche über die Reiseziele sei die beste Adresse im Internet die Seite des Auswärtigen Amts, empfiehlt Dirk Mölter. Er rät außerdem bei individuell gebuchten Reisen: immer rechtzeitig vorher noch mal im Hotel, beim Veranstalter oder in der Tourismus-Region nachhaken: Seid ihr wirklich da? Welche Leistungen im Hotel kann ich nutzen? Was hat geöffnet? Das bewahrt vor unschönen Überraschungen. Die Lage sei einfach immer noch sehr dynamisch, was Entwicklungen und Bestimmungen angehe.

Generell sagt Dirk Mölter: In die großen europäischen Reiseländer wie Spanien, Italien oder Griechenland könne man – sofern das allgemeine Infektionsrisiko und die Pandemie-Lage es zuließen – ohne Bedenken wieder reisen. „Die machen das schon gut dort“, sagt er. Das Beispiel Mallorca macht ihm Hoffnung, dass die Lage stabil bleiben könnte: Seit Ostern läuft der Tourismus auf die Insel wieder. Und: „Mallorca ist seitdem ohne Probleme bereisbar.“

Wer dennoch Bauchgrummeln habe und die höchstmögliche Sicherheit beim Buchen wolle, der finde derzeit viele Angebote bei den großen Reiseveranstaltern, die maximale Flexibilität erlauben würden. „Das gab es so noch nie“, sagt Dirk Mölter. Man habe dann zum Beispiel die Möglichkeit, auch noch zwei, drei Wochen vor Reiseantritt kostenlos zu stornieren, wenn man feststelle, dass einem die Reise doch zu heikel sei oder man sich nicht sicher fühle.

Vieles schon ausgebucht und „abartig“ hohe Mietwagenpreise

Und der Urlaub 2022? Dirk Mölter empfiehlt, sich sehr frühzeitig darum zu kümmern. Denn: Schon jetzt ist für 2022 sehr vieles ausgebucht. Das komme unter anderem durch viele Umbuchungen, weil viele Leute in der Pandemie den Urlaub vorsichtshalber gleich um ein weiteres Jahr verschoben hätten. Ein anderer Faktor sei, dass die Fluggesellschaften noch lange nicht wieder die komplette Flotte in Betrieb hätten und noch nicht klar sei, wie sie für kommendes Jahr aufstocken. Gleiches gelte auch für Angebote vor Ort. Zum Beispiel seien derzeit die Mietwagenpreise auf Mallorca „abartig“ hoch, weil auch dort Kapazitäten runtergefahren worden seien und das Angebot jetzt knapp sei.

Was Fernreiseziele wie Thailand angeht, ist Dirk Mölter für dieses Jahr eher pessimistisch. Sein Gefühl sage ihm, dass da 2021 nicht viel gehen werde. Die Lust auf Reisen ins Ausland sei bei den Leuten aber wieder da, nachdem die meisten ein Jahr lang nur in Deutschland unterwegs gewesen seien. Er hoffe nun, dass ab kommendem Jahr dann auch wieder Fernreisen möglich seien. Es gehe für die Menschen in manchen Ländern ums nackte Überleben. „Ich habe Bilder und Videos gesehen, da hat es mir die Tränen in die Augen getrieben“, sagt er. In Südafrika habe er zum Beispiel dramatische Dinge mitbekommen: „Die Leute verhungern.“ Daran müsse man auch denken, wenn man darüber rede, dass weniger Flugreisen für den Planeten besser wären. Über die Wichtigkeit des Klimaschutzes wolle er gar nicht diskutieren, aber man müsse die Konsequenzen bestimmter Maßnahmen im Blick haben.

Insgesamt hat die Pandemie natürlich die Reisebranche gebeutelt. Dirk Mölter hat die vergangenen Monate von seinen finanziellen Rücklagen gelebt, die er sich bewusst angelegt hatte. „Unsere Branche ist ja eh immer spannend“, sagt er. Ein Vulkan, der zwei Wochen den kompletten Flugverkehr lahmlege, eine Wirtschaftskrise: „Zu wissen, dass so was immer wieder passieren kann, hat mich dazu gebracht, mir ein gewisses Polster anzulegen.“

14 Monate lang hat er kein Geld verdient und war nur mit Stornieren und Umbuchen beschäftigt, jetzt sieht Dirk Mölter wieder Land. In seinem Winterbacher Reisebüro spürt er: Die Leute haben zunehmend wieder Lust auf Urlaub. Dennoch bleiben im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie viele Ungewissheiten. Fernreisen, so Mölters Einschätzung, werden wohl 2021 noch nicht wieder möglich sein. Und er glaubt, dass die Reisebranche sich dauerhaft verändern könnte – was er sehr positiv

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