Winterbach

Gerhard Polt beim 11. Winterbacher Zeltspektakel

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Keiner kann es so wie Gerhard Polt, dieses langsame Hinschrauben zur Pointe, die dann doch keine ist. © ZVW/Gaby Schneider
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„Heit simmer im Remstal, wo eine Radarfalle nach der anderen steht, aber a gscheits Internet hamms net“ – die Wellbrüder. © Gaby Schneider

Winterbach. Dieser Mann zuzelt die Weißwurst des Lebens aus wie kein anderer. Genießerisch philosophiert er im Biergarten des Menschendaseins, hingebungsvoll und ganz so, als gäb’s nix anderes als die Zeitrechnung unter Kastanienbäumen. Gerhard Polt ist der große Philosoph unter den kabarettistischen Weltbetrachtern.

Zum fünften Mal war Gerhard Polt jetzt zu Gast im Winterbacher Zelt, und mit dabei beim bayerischen Heimatabend am Remsgestade waren die Wellbrüder. Sie begleiten Gerhard Polt seit 40 Jahren mit ihren ausgefeilten musikalischen Schmankerln auf der Bühne.

Keiner kann es so wie Polt, dieses langsame Hinschrauben zur Pointe, die dann doch keine ist. Polt schafft pointierte Erkenntnisfelder. Was erzählerisch gelassen beginnt, teilt im Lauf die eine oder andere vergnügliche Watschn aus, wird dann bitterbös und ist „im Abgang nachtragend“. So auch der Titel des Abends, der viel vereinte, was Polt im Laufe so einiger Jahre betrachtend gesammelt hat.

Im Remstal: Eine Radarfalle nach der anderen, aber schlechtes Internet

Seiner Hintergründigkeit stellen die Wellbrüder pointierte Direktheit zur Seite, sie verbeißen sich in ihren Strophen und Refrains in aktuelle politische Sachlagen, teilen gerne namentlich aus (Großkopferte wie Söder und Andreas Scheuer sollten für ihre Texte lieber Helm tragen). Mit einem Gastgeschenk der besonderen Art eröffneten die drei musikalischen Multitalente das Spektakel in Winterbach. Eine Ode an das Remstal – „heit simmer im Remstal, wo eine Radarfalle nach der anderen steht, aber a gscheits Internet hamms net“ - machte auch dichterische Kurven ins Neckartal, vorbei an Stuttgart 21 („des kapiern sie nicht, dass die Eidechsen nicht an den Killesberg versetzbar sind, weil’s dort zu sehr nach Schotter stinkt“). Der Bayer ist schadenfreudig informiert über die Tüftler im Schwabenland.

Christoph, Michael und Karl Well überboten sich im Laufe des Abends immer wieder selbst: ob Harfe, Tenorhorn, Bass, Tuba, Violine, Akkordeon, Klarinette, Drehleier, Blockflöte, Querflöte, Kontrabass – nix vergessen? Sie performten ihre Titel perfekt. Unglaublich etwa die Feuerwehrmusik in B-Dur (kein Geringerer als G. F. Händel musste einst im Biermoos kampieren, als seine Kutsche am Radius des örtlichen Kreisverkehrs scheiterte, beim Zwangsaufenthalt entstand die Suite in vier Sätzen). Und immer dann, wenn man meinte, sich gerade von der gesalzenen Kabarettisterei des Gerhard Polt bei einem musikalischen Intermezzi erholen zu können, bei einer virtuosen Trompeten-, einer geschmeidigen Tubavariation etwa, dann servierte das Trio im musikalischen Highlight so ganz nebenbei auch ein paar pfeffrige Strophen, scharf genug, um bei so manchem Schnappatmung zu verursachen.

Und Polt? Der saß beobachtend am Rande der Bühne. Schaute amüsiert dem musikalischen Treiben zu und schaltete sich gelassen immer zwischen den Nummern ein. Mit eben jener unspektakulären Aufbauarbeit, die sich so schön langsam seiner gewählten Thematik nähert. Und dabei ist Polt nicht nur Philosoph, sondern auch begnadeter Schauspieler. Er gibt die dümmliche Radiomoderatorin ebenso trefflich wie den indischen Geistlichen, der Kardinal Marx’ verloren gegangene Schäfchen mittels indisch koloriertem Englisch, einer Espressomaschine unterm ewigen Licht und Ayurveda-Wellness zurückgewinnen soll, oder den aufgebrachten Fischervereinsvorsitzenden, der gegen das Überflugsrecht des Kormorans über die nationalen Hoheitsgewässer am Chiemsee wettert.

Und gerade in den Momenten, wenn man ihn beginnt zu beneiden ob seiner grantelnden Ruhe, seiner beharrlichen Betrachtungstiefe, da wird seine Stimme scharf, da werden seine Kommentare zum Gezeter, da wird er zur bissigen Alten, die ihren Nachbarn mit Häme überzieht, da zeigt er die Grenzen des ganzen Wahnsinns auf, der uns umgibt. Da verlässt Polt die Autobahn des gemütlich, aber exakt formulierten Witzes. Dann wird’s grotesk und bitter, jetzt schlägt der Abgang zu in aller Schärfe. Da fragt man sich, ob die unerträgliche Dummheit der Weltenbürger überhaupt noch Aufmerksamkeit verdient, ob man sie nicht alle in ihr selbstgebügeltes Verderben rennen lassen soll.

Die Kleinkariertheit, die Sattheit, die Unbelehrbarkeit und Selbstgerechtigkeit kann keiner in einer solchen Sparsamkeit und Völlerei gleichzeitig darstellen wie Polt: „I sog des, I weiß, man kann des anders sehen. Ja Entschuldigung, des darf man ja sagen. I sog des jetzt: Wenn mir ein Mensch als Mensch entgegenkommt, da hab i nix dagegn. Was der Mensch war, um des zu werdn, was er jetzt is, des kann man nachlesen ... wie ein Mensch sein Gesicht verliert, wenn er eins hat und keine Visage ... I hab nix gegen Menschen. Aber wenn der Mensch in Form eines Nachbarn daherkommt ..."

Die Gedanken, die er fängt, die schmeißt Polt uns hin

Polt hält uns die Welt vor die Nase, jene, die wir garantiert nicht sind, nicht sein wollen, und in der wir uns doch an jeder Polt'schen Kurve entdecken. Er mäandert zwischen Porträtierung und Naturzeichnung, zwischen Betrachtung und szenischer Darstellung und schmeißt uns, die wir gerne nur mit am Flüsschen des kabarettistischen Geschehens flanieren wollen, allzu oft mitten hinein in die Strömung, nie hämisch, aber hälinga. „Wir“, brüllt er, „das ist das Unwort des Jahres! Bin ich Wir? Ich war noch nie Wir und ich werde nicht ein Wir. Wir, das sind die anderen.“

Brüllt’s und wird plötzlich handzahm: „Ich red halt manchmal so vor mich hin und hoff, dass i an Gedanken fang. Wenn nicht, no hot er halt Pech ghabt.“ Die Gedanken, die er fängt, die schmeißt Polt uns hin. Wer einen davon fängt, gesundet irgendwie. Und wenn Polt am Schluss sein Sakko auch noch hinterherschmeißt und die Hüfte zu orientalischen Klängen schwingt – etwa 0,7 Zentimeter jeweils nach rechts und links –, dann breitet sich etwas wie Liebe zu diesem großartig polt-ernden Bayern aus.