Winterbach

Geschichten von Leid und Hoffnung

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Silke Stürmer in ihrem heimischen Büro in Winterbach, in dem die Konzeptionen und Drehbücher für ihre Filme entstehen. © Habermann / ZVW

 

Winterbach. Nach dem Theologiestudium wurde Silke Stürmer erstmal nicht Pfarrerin, sondern Filmemacherin. Ihre Filme dreht sie zusammen mit einem Partner für den Gebrauch in Schulen und Hochschulen und reist dafür auch schon mal nach Jamaika oder Oman. Ihre aktuelle Dokumentation ist auch international, spielt aber in Winterbach und Schorndorf und sie erzählt die Geschichten von vier jungen Flüchtlingen.

Video: Trailer des Dokumentarfilms "Ich will leben, frei sein - Junge Flüchtlinge suchen eine neue Heimat in Deutschland"

Am Ende des 27-minütigen Films sieht man den Syrer Ahmad, der mit seiner Partnerin spazierengeht und den Wagen mit seinem neugeborenen Kind darin durch blühende Remstäler Obstwiesen schiebt. Es ist eine Szene der Hoffnung, eine Szene des im wahrsten Sinne blühenden Lebens. Damit endet dieser Film irgendwie gut und mit dem positiven Blick nach vorne und lässt wie seine Protagonisten die schrecklichen Erlebnisse hinter sich, die sie durchgemacht haben, und die sie in Interviews mit Silke Stürmer ausschnittsweise wiedergeben.

Das war, wie die 48-jährige Filmemacherin sagt, auch genau das Konzept des Films: „Er sollte hoffnungsvoll sein und nicht nur die Probleme zeigen.“ Das heißt aber nicht, dass es ein schönfärbender Film ist, denn Nöte und Leiden der Protagonisten bleiben natürlich präsent.

Der Wille, sich von der Vergangenheit loszumachen

Tereza, die 16-Jährige aus Eritrea, hat eine liebevolle Gastfamilie gefunden, in die sie wie eine leibliche Tochter integriert ist und besucht die neunte Klasse der Realschule. Aber sie wird immer wieder von den Erinnerungen an die Greuel der Flucht eingeholt und von niederschmetternden Horrornachrichten, wenn Freunde von ihr auf den gleichen Fluchtwegen, die sie genommen hat, im Mittelmeer ertrinken.

Ein 20-jähriger Afghane, hat einen Ausbildungsplatz als Industriemechaniker und mittlerweile eine eigene Wohnung gefunden. Aber er lebt in völlig Ungewissheit darüber, ob er dauerhaft in Deutschland bleiben kann. Sobald er seine Ausbildung beendet hat, schützt ihn im Prinzip nichts mehr vor der Abschiebung. Davor zurück in ein Land zu müssen, in dem Gewalt, Willkür und das Recht des Stärkeren herrschen und in dem er als Angehöriger der Minderheit der Hasara um sein Leben fürchten muss. Unter größten Bedenken nur gab er seine Geschichte für den Film her, sein Name soll aus Angst vor Verfolgung nicht hier in der Zeitung stehen.

Aber alle vier Protagonisten verbindet der unbedingte Wille, sich von der Vergangenheit loszumachen und nach vorne zu blicken. Das arbeitet Silke Stürmer in ihrer Dokumentation heraus, indem sie ihre Interviewpartner selbst ausführlich im O-Ton zu Wort kommen lässt. Obwohl sie natürlich in den Filmsequenzen nur jeweils einige Minuten erzählen können, kommt Stürmer ihnen dabei sehr nahe, man kann den Schmerz und die Spuren des Erlebten in den Gesichtern der jungen Menschen lesen.

Die Kürze des Films ist durch seinen Zweck bestimmt. Er ist nämlich für den Schulunterricht gemacht und passt mit seiner knappen halben Stunde Dauer so in eine Schulstunde, dass der Lehrer auch noch etwas Zeit hat, ihn einzuführen oder nachzubesprechen. Silke Stürmers Auftraggeber ist das Evangelische Medienhaus in Stuttgart, das Filme für den Unterricht an Schulen oder die Theologenausbildung an Hochschulen vertreibt.

Ein Einstellungsstopp bei der Kirche brachte sie zum Film

Filmemacherin zu werden, das war eigentlich gar nicht Silke Stürmers Ziel. Sie studierte Theologie, um Pfarrerin zu werden. Doch als sie mit dem Studium fertig war, wurde sie als solche gerade nicht gebraucht. „Damals gab es bei der Kirche einen Einstellungsstopp.“ Also orientierte sich sie um, arbeitete als Redakteurin für den Klett-Verlag in Stuttgart, schrieb für Zeitungen und begann, für das Medienhaus Filme zu machen. Pfarrerin wurde sie zwar doch noch. Zuletzt hatte sie eine Stelle in Welzheim, bevor sie kürzlich in die Verwaltung des Kirchenbezirks wechselte, wo sie jetzt die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit macht. Doch ihr dokumentarfilmisches Schaffen hat sie nie aufgegeben, es macht weiterhin 50 Prozent ihres Arbeitslebens aus – wobei es in den heißen Phasen eines Projekts, wenn es ans Sichten, Auswählen und Schneiden des Filmmaterials geht, auch deutlich darüber hinaus ausufert.

Silke Stürmer macht für die Filme die Konzeption und Redaktion, schreibt das Drehbuch und führt Regie. Die technische Seite, Ton, Kamera und Schnitt übernimmt ihr Filmpartner Stefan Adam. Mit ihm hat sie zum Beispiel auch schon einen Film über Friedensprojekte in Jamaika gemacht und ist für eine Doku nach Oman gereist.

Die Idee für den Film über das Flüchtlingsthema hatte Silke Stürmer bereits, bevor das Wort Flüchtlingskrise in aller Munde war. Aber erst, als im vergangenen Jahr so viele Menschen aus aller Welt Schutz suchend nach Deutschland kamen, wurde es für ihren Auftraggeber, das Medienhaus, interessant. Silke Stürmer wollte mit dem Film zeigen, wie Integration sich abspielt. „Integration kann ganz unterschiedliche Wege gehen“, sagt sie. Da gebe es nicht die eine Lösung dafür.

Integration gibt es nicht zum Nulltarif

Wer die jungen Leute im Film reden hört, der wird wahrscheinlich überrascht sein, wie gut sie schon Deutsch sprechen, obwohl sie erst kurze Zeit hier sind. Nur bei Tereza brauchte Silke Stürmer einen Dolmetscher. Ähnliche Erfahrungen hat sie auch durch ihr ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit gemacht. Die jungen Leute seien hoch motiviert, sagt sie und findet: „Da könnten sich unsere jungen Menschen teilweise eine Scheibe davon abschneiden.“

Klar, gibt Silke Stürmer zu, zu den positiven Beispielen aus ihrem Film gibt es am anderen Ende der Skala auch die Negativen. Und, so betont sie: Integration gibt es nicht zum Nulltarif. „Auf breiter Basis braucht man einen langen Atem, man braucht Geduld und Geld“, sagt sie. Aber sie ist überzeugt: „Es wird funktionieren.“ Ihr Film macht tatsächlich Hoffnung darauf, dass sie recht haben könnte. Und er taugt dazu, sich daran zu erinnern, dass wir über Menschen reden, wenn wir über „die Flüchtlingskrise“ diskutieren.