Winterbach

James Blunt beim Zeltspektakel Winterbach: Die Schmalzbacke kriegt sie alle

James Blunt Zeltspektakel Winterbach Konzert
James Blunt auf der Zeltspektakel-Bühne. © Alexandra Palmizi

Eines baldigen Tages wird man nicht umhinkommen, sich auch den Veranstaltungssektor klimaneutral zu denken. Das muss nicht schwierig sein, nimmt man ein James-Blunt-Konzert. Die Herzenswärme, die beim Winterbacher Zeltspektakel am Mittwochabend (20.07.) vom Publikum auf die Bühne schwappt und wieder zurück, die wird irgendwie gespeichert und lässt sich dann im Winter gleich auf mehrere Hallen verteilen.

James Blunt ist sehr freigiebig, wenn auch nach stark und gewisslich starken anderthalb Stunden Schluss sein muss. Er kann sofort mit seinen Hits losballern, er hat ja eine Unmenge im Köcher. „Breath“, „Wisemen“, „Carry you home“, alles muss raus und gibt den vielen Mittfünfzigern drunten auf den Brettern das Gefühl, bei sich zu sein. Und sei’s, dass die Hookline einem leicht von den Lippen kommt. Für echte Fans sind ja Hits tauglich wie eine Lebensschnur zum kurz Innehalten: „Weißt du noch“.

Durch Corona lernten ihn seine Kinder erst so richtig kennen

Er ist einfach der Next-Door-Darling. Um Böses zu produzieren, muss er schon schwindeln. Für ihn seien die Lockdowns wegen Corona viel schlimmer ausgefallen als für uns, erzählt er von der Bühne herab. Allein die Vorstellung, dass ihn seine Kinder dadurch erst so richtig kennenlernten. Bei dem vielen Touren früher, den Einsätzen von Ibiza und der Schweiz aus, den Wohnstandorten der Familie.

Als Blunt Anfang der Nullerjahre auftauchte, verdrehten viele die Augen. Brit-Pop hat entweder depri zu sein, siehe etwa Cure, oder die Bands haben sich zu bekriegen bis aufs Blut, siehe Oasis und Blur. Dagegen er. Verhandelt wird in den Texten, was gerade mal zwischen zwei Herzen passt. Wenn es eine verhinderte Liebe ist, dann umso besser. Es ist die beste, die Sehnsucht schreibt dann mit.

Und so strengt sich die Blunt-Crew an, wenigstens in den Videos Düsternis reinzubringen. Beim neuesten Filmchen zu „Cold“ treibt Blunt im dunklen Gewässer. Um dann im Text zu erfahren, dass ein ganzer Ozean zwischen den Liebenden sich ausbreitet. Da sucht man gerne die Taschenlampenfunktion am mobilen Endgerät auf seine Aufforderung, und schon wird es taghell im Zelt, dem wohltemperierten, weil es am Mittwochabend endlich gewitterte und kräftig goss.

Keine Spur von toxischer Männlichkeit

Blunt ist der Crooner neueren Typs. Keine Spur von toxischer Männlichkeit, soweit sichtbar. Er macht nur Männchen stehend auf dem Klavier, um sein Publikum mit dem Handy zu filmen und es zu orchestrieren zu einem einzigen Background.

Blunt kann es sich leisten, auch seinen Urknall-Hit, „You’re beautiful“ einfach so in den Set zu streuen. Wobei, halt, erst streift er sich eine Gasmaske über. Es wird seine persönliche sein, überreicht von der britischen Armee nach seinem Dienst im Rang eines Hauptmanns im Kosovo.

Gasmaske drüber, Corona! Blunt begibt sich an den Bühnenrand und lässt sich vom Publikum jetzt auch wörtlich auf den Händen tragen. Die anschließende Aufforderung in Liedform, „Stay the night“, darf man dann nicht so wörtlich nehmen. Die Hitmaschine muss weiter. Die sympathische Schmalzbacke hat noch so viel abzusondern. Kalkulierte Wärme, kalkulierbare Energie.

Eines baldigen Tages wird man nicht umhinkommen, sich auch den Veranstaltungssektor klimaneutral zu denken. Das muss nicht schwierig sein, nimmt man ein James-Blunt-Konzert. Die Herzenswärme, die beim Winterbacher Zeltspektakel am Mittwochabend (20.07.) vom Publikum auf die Bühne schwappt und wieder zurück, die wird irgendwie gespeichert und lässt sich dann im Winter gleich auf mehrere Hallen verteilen.

James Blunt ist sehr freigiebig, wenn auch nach stark und gewisslich starken

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