Winterbach

Joss Stone beim 11. Winterbacher Zeltspektakel

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Joss Stone beim Winterbacher Zeltspektakel: Super Sängerin, glanzvolle Diva – und mitunter angenehm schrullig verkichert. © ZVW/Gaby Schneider

Winterbach. Glanzvolle Soul-Diva und ulkige Type, grazile Elfe und Kichererbse: Zum Abschluss des Winterbacher Zeltspektakels offenbarte Joss Stone, dass mehr in ihr steckt als eine amtlich langweilige 0815-Gesangsvirtuosin.

Die Frau ist natürlich eine Erscheinung, wie sie da so steht, gertenschlank im bodenlangen Kleid, das Engelshaar durchgleist vom Licht. Wenn sie, die Arme ausgebreitet, über die Bühne kreiselt, verströmt sie die Anmut eines Schmetterlings im Blumengarten. Stimmlich ist sie mit allen Wassern gewaschen, das ganze Vokabular glamourösen Soulgesangs kann sie durchdeklinieren, vom Hauchen bis zum Aufdonnern, von der lasziven Rauchkehle bis zum Sehnsuchtsschmelz, vom schwelgerisch das Ende eines Melodiebogens auskostenden „Mmmm“ bis zur Ad-Libitum-Improvisation voller Leidenschaftskoloraturen. Allen Soul-Konventionen souverän gerecht wird auch Joss Stones geschmeidige Band, sie musiziert samtig oder zupackend, beherrscht den lässigen Wiegegroove wie die dramatische Gipfelpassage, die Orgel röhrt, gluckst, wispert, die Gitarre gibt perlende Licks dazu oder funky Geraspel. Alles gut.

Und doch könnte das auf Dauer etwas glatt wirken. Was den Abend davor bewahrt, in professionelle Beliebigkeit hinüberzugleiten, ist die charmante Kauzigkeit, die ulkige Verstrahltheit dieser britischen Teetrinkerin, die immer wieder kichert, als schwebe sie gerade auf den Schwingen der Musik zum Natural High. Mit einer Stimme, so hauchzart ergriffen, als wolle sie bei der Grammy-Verleihung „Ma, Pa and God“ danken, hebt sie an zu einer Ansage – und verkündet erdig: Weil man sich nicht aussuchen kann, in wen man sich verliebt, gerät man manchmal an einen „Pain in the Ass“.

Barfuß für Tierrechte, Kopf-Kloppe bei Aretha und ein Auftritt in Syrien

Eine stromlinienförmige Showbiz-Dame? Sicher nicht. Im März spielte sie in Nordsyrien: Sie reiste mit ihrer Band konspirativ über die Grenze und gab, beschützt von kurdischen Militärs, ein Konzert vor 70 Leuten. Stone, die sagt, sie habe noch nie in ihrem Leben Fleisch gegessen, ist Tierrechtsaktivistin, für eine Plakatkampagne von Peta ließ sie sich als trauriges Krokodil ablichten, bekleidet nur mit Körperfarbe, zum Protest gegen Fummel aus exotischem Leder. In Winterbach tritt sie, wie meist, barfuß auf – in hohen Schuhen, hat sie mal gesagt, falle sie bloß um. Und dass hinter ihrer Neigung zum klassischen Soul der 60er und 70er Jahre kein Marketingkalkül steckt, sondern wahre Liebe, lässt ein schönes Video im Internet ahnen: Bei einem Aretha-Franklin-Tribute sang sie sich vor der in der Loge thronenden Meisterin die Seele aus dem Leib und schlug sich dabei mit dem Handballen gegen die Stirn, als wolle sie sich Mut zukloppen: Mensch, Mädchen, streng dich an, da sitzt Aretha!

Dreistimmige Harmonien direkt aus der Gospelkirche

Höhepunkte in Winterbach – „The Look of Love“ von Burt Bacharach: seidig angejazzt, mit Akustikgitarrentupfern und Flügelhornsolo veredelt, gesanglich stimmig bis ins subtilste Phrasierungsdetail. Tom Pettys „Wildflower“: Stone und ihre Background-Sängerinnen reichern die Folkmelodie an mit dreistimmigen Harmonien direkt aus der Gospelkirche. „Super Duper Love“: eine zum Abheben glücklich machende Soulnummer aus den 70ern, die damals weithin unbeachtet blieb, bis sie vor Jahren von Stone wachgeküsst wurde – danke dafür! Auch wenn das Material sich nicht immer auf diesem Niveau bewegt und das eine oder andere Lied doch eher nur angenehm vorbeischnurrt: In den besten Momenten offenbart sich eine Musikalität, die über virtuose Routine weit hinausgreift.

Für eine Diva, die jederzeit alle Blicke auf sich zieht, wirkt Stone wundersam wenig selbstbezogen. Nach den Liedern badet sie nicht im Applaus, sondern fängt mitten ins Klatschen hinein schon wieder zu plaudern an oder kichert mal wieder, als empfinde sie Beifall prinzipiell als recht komisches Ritual. Bei einer Nummer wendet sie dem Publikum den Rücken zu, weil sie so damit beschäftigt ist, die Band anzufeuern. Und in einem dramaturgisch absolut zentralen Show-Moment – beim letzten Lied vor der Zugabe! – macht sie sich selber zur Statistin: „I put a Spell on you“ endet mit minutenlangem Gitarrensolo, während Stone danebensteht, sich wiegt und genießt.

In jungen Jahren berühmt geworden

Der Schluss ist zum Heulen schön (und kitschig, dass es kracht – aber na und!): „It’s right to be wrong“, schmachtet Stone, „my mistakes will make me strong“, wirft Sonnenblumen und Kusshände ins Zelt, filmt mit dem Smartphone das Publikum, und die Menge winkt betört zurück.

Joss Stone war 16, als ihr Debütalbum erschien: Es verkaufte sich millionenfach. In so jungen Jahren berühmt zu werden, ist eine Bürde. Ein derart großes Versprechen will danach erst einmal eingelöst sein. Der Abend in Winterbach legt nahe: Diese Musikerin, immer noch erst 32, hat die Kraft, um das Gewicht zu schultern; und genug Charakter und Eigensinn, um in den nächsten Jahren noch stärker zu werden.