Winterbach

Letzte Generation: Winterbacher Clemens Schlink nach Straßenblockade im Gefängnis

Clemens Schlink
Clemens Schlink im Gespräch. © Gabriel Habermann

„Er ist hart im Nehmen“, sagt seine Frau. Wer in Videos sieht, wie die Aktivisten der „Letzten Generation“ bei ihren Straßenblockaden angegangen und niedergebrüllt werden, wie Polizisten sie von der Straße schleifen, der fragt sich vielleicht: Warum macht ein 79-jähriger Rentner das mit? Der frühere Schorndorfer Grünen-Stadtrat Clemens Schlink hat dafür in München jetzt sogar sechs Tage in Haft verbracht. Er ist überzeugt, dass die Aktionen richtig und wichtig sind, damit sich etwas bewegt angesichts der existenziellen Bedrohung durch den Klimawandel. Dass ein möglichst klimaschonendes Leben, wie er es konsequent führt, nicht reicht. Und er sagt: „Ich werde weiter blockieren.“

In den 80er Jahren gegen Raketen demonstriert

Fünf Tage nachdem er die JVA Stadelheim in München verlassen hat, sitzt der Berufsschullehrer im Ruhestand mit seiner Frau am Esszimmertisch in ihrer Wohnung in Winterbach. Die Haft war eine Grenzerfahrung, aber er berichtet darüber ruhig und äußerlich fast unbewegt. Hart im Nehmen.

Clemens Schlink ist kein Neuling als Aktivist. In den 80er Jahren war er in Mutlangen bei den Protesten gegen die Stationierung amerikanischer Pershing-Raketen dabei, er wurde bei einer Blockade von der Straße getragen und mit einer Geldbuße belegt – die Jahre später vom Bundesverfassungsgericht wieder zurückgenommen wurde. Bei den Protesten gegen die Wiederaufbereitungsanlage für Atombrennstäbe in Wackersdorf sei er „bei der finalen Räumung“ vor Ort gewesen, erzählt er. Aber im Gefängnis? Da war er noch nie.

Aber nicht nur auf der Straße hat sich Clemens Schlink über viele Jahrzehnte politisch engagiert. „Ich bin Gründungsdelegierter der Grünen“, sagt er. 15 Jahre lang war er, mit Unterbrechungen, im Schorndorfer Gemeinderat, bis zum Umzug nach Winterbach vor acht Jahren. Grund für den Ortswechsel war der Wunsch, in einem Passivhaus zu leben, das keine äußere Zufuhr von Heizenergie benötigt.

Er klebt sich nicht fest wie andere Aktivisten

Im August 2022 ist Clemens Schlink zum ersten Mal bei einer Straßenblockade dabei, in Nürnberg. Weitere kommen dazu. Er klebt sich dabei nicht auf dem Asphalt fest, wie es viele Aktivisten der „Letzten Generation“ machen, damit sie nicht so einfach weggetragen werden können. Auf einem Foto von der Aktion am Stachus in München am 3. November ist er zu sehen, wie er in einer Reihe mit anderen Aktivisten auf der Straße sitzt. „Ich bin in der Mitte wegen der Rettungsgasse.“ Das heißt: Würde ein Rettungsfahrzeug kommen, könnte er schnell Platz machen, damit es durchkommt.

In München lässt sich Schlink wie üblich von der Polizei wegtragen, gewaltlos, wie er das zuvor in einem Aktionstraining noch mal geübt hat. Von der Polizei gibt es eine Ermahnung: „Wenn wir weitermachen, müssten wir damit rechnen, in Gewahrsam zu kommen.“

Genau das tun sie aber am Abend desselben Tages erneut. Dieses Mal sei er selbst aufgestanden und ins Polizeiauto eingestiegen, sagt Clemens Schlink. Er muss die Nacht in einer Zelle im Präsidium verbringen. Am nächsten Tag geht es zur Amtsrichterin. „Da bin ich in Handschellen vorgeführt worden“, erzählt er. Er habe gewusst, maximal könne man in Bayern für 30 Tage in Gewahrsam genommen werden. Deswegen habe er gesagt, er sei nur für eine Woche nach München gekommen, wolle dann wieder nach Hause. So entscheidet die Richterin: Bis 9. November kommt er in Gewahrsam. Andere, die mit ihm da sind, befinden sich aktuell immer noch im Gefängnis.

Nicht mal ein Buch zum Lesen in der Zelle

„Obwohl wir keine Strafgefangenen waren, wurden wir genau so behandelt“, erzählt Schlink. Er hätte sich komplett ausziehen müssen bei der Aufnahme. Alle persönlichen Gegenstände seien konfisziert worden. In seiner Zelle hat er nichts, nicht mal ein Buch zum Lesen, nur die ausgedruckte Hausordnung. 23 Stunden am Tag ist er dort allein, nur eine Stunde gibt es Hofgang. Was macht man da die ganze Zeit? „Ich habe mir Schachfiguren gebastelt und Schachstudien betrieben.“

Schlink steht auf, um etwas zu holen, und legt dann kleine Papierschnipsel auf den Esszimmertisch. Auf einen ist ein B gekritzelt, für Bauer, auf einen anderen ein kleiner Pferdekopf gemalt. Das Papier stammt von der Hausordnung.

„Ich finde es toll, dass er sich engagiert, aber eine Woche Gefängnis reicht jetzt“

An dem Abend, an dem Clemens Schlink ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Dorothea nicht zu Hause. Sie erfährt von seiner Inhaftierung durch seine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Große Sorgen, sagt sie, habe sie sich nicht gemacht. „Weil ich weiß: Er ist hart im Nehmen.“ Nichtsdestotrotz hofft sie jetzt, dass ihr Mann aufhört mit den krassen Aktionen. „Ich finde es toll, dass er sich engagiert. Aber ich finde, die eine Woche Gefängnis reicht jetzt.“

Die Schlinks haben in Schorndorf mit vier Kindern ohne Auto gelebt. Auch jetzt in Winterbach bewegen sie das alte Auto kaum, das Dorothea Schlink-Zykan gekauft hat, weil sie in Murrhardt arbeitete und sie mit der Bahn teilweise nicht rechtzeitig hinkam. Sie nutzen das Rad und die Bahn - auch für Fahrten in den Urlaub. Sie sparen Energie und Wasser, vermeiden Plastik.

Bei Fridays-for-Future-Demos war Dorothea Schlink-Zykan auch schon dabei. Zu den Straßenblockaden meint sie allerdings: „Ich frage mich, ob der Ärger und die Wut, die man damit hervorruft, dem Thema nicht eher schaden.“

Den Aktivisten schlägt oft blanker Hass entgegen. Auto- oder Lastwagenfahrer beschimpfen sie, entreißen ihnen Transparente oder zerren sie sogar mit Gewalt aus dem Weg. Ein Autofahrer habe mit einer Geste angedeutet, sie mit einem Gewehr zu erschießen, erzählt Clemens Schlink. Viele Politiker stimmen ähnliche Töne an und wollen die Strafen für Straßenblockaden erhöhen, manche fühlen sich an die RAF erinnert. „Solche Sprüche sind völlig absurd“, sagt Clemens Schlink. „Weil Gewaltfreiheit bei uns ganz oben steht.“

Er meint: „Die großen Veränderungen sind nie von der Mehrheit ausgegangen.“ Als Beispiele nennt er die Suffragetten und das Frauenwahlrecht oder die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Sie würden auch nicht nur Ablehnung erfahren. Es gebe Autofahrer und Passanten, die die Blockaden beklatschen. Nach der Aktion in München seien die Spenden für die „Letzte Generation“ stark angestiegen.

Zuspruch von Parteifreunden

Auch in der Heimat erfahre er Zuspruch, sagt Clemens Schlink, auch von Parteifreunden. Der Grünen-Ortsverein Waiblingen-Korb drückt sogar in einer Pressemitteilung seine Unterstützung aus. Die „Stuttgarter Zeitung“ mutmaßte in einem Artikel, man sei bei den Grünen in Winterbach bestimmt „nicht erfreut“ über den Aktivismus des Parteikollegen. Das bezeichnet Ortsvereinssprecher Hans Haverkamp als „einfach falsch“. Die Zeitung habe in Winterbach gar nicht nachgefragt. Er persönlich finde gut, was Schlink mache. Und diese Meinung hält er auch für mehrheitsfähig im Ortsverein, obwohl es dazu keine offiziell abgestimmte Haltung gebe.

„Der zivile Ungehorsam hat eine lange Tradition bei den Grünen. Ich finde, das ist ein legitimes Mittel – wenn auch vielleicht nicht immer legal.“ Auch Haverkamp sieht dabei durchaus die Gefahr, dass die Aktionen, wegen derer viele im Stau stehen und sich ärgern, kontraproduktiv wirken könnten. Auf der anderen Seite denke er: Vielleicht brauche es drastische Methoden, damit sich etwas bewege. Nichtstun sei jedenfalls auch keine Alternative.

Clemens Schlink ist nicht naiv. Er habe seine Zweifel daran, dass die Straßenblockaden wirklich eine Änderung des Regierungshandelns bewirken, sagt er. „Aber mir fällt nichts Besseres ein.“ Für ihn steht fest: „Wir haben nur noch ein paar Jahre zum Umsteuern.“ Dann seien Kipppunkte erreicht, nach denen man eine katastrophale Entwicklung des weltweiten Klimas nicht mehr abwenden könne.

"Der Druck muss noch größer werden"

Er hadert mit der grünen Parteiführung. „Die jetzige Regierungspolitik reicht bei weitem nicht aus, um das 1,5-Grad-Ziel von Paris zu erreichen, und sie ist auch nicht auf dem Weg dahin“, sagt er. Auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit, so das erklärte Ziel, sollte sich die Erderwärmung möglichst begrenzen. Um das zu erreichen, wären drastische Reduzierungen des weltweiten CO2-Ausstoßes nötig. In der Realität macht das kaum ein Land, auch Deutschland verfehlt derzeit das Klimaziel meilenweit.

Für Clemens Schlink steht deswegen fest, dass er nach derzeitiger Lage wieder an einer Straßenblockade teilnehmen wird. „Der Druck muss noch größer werden. Ich finde es absolut richtig, dass die ,Letzte Generation' aufsteht, weil es die letzte Chance ist, das Unheil abzuwenden.“

„Er ist hart im Nehmen“, sagt seine Frau. Wer in Videos sieht, wie die Aktivisten der „Letzten Generation“ bei ihren Straßenblockaden angegangen und niedergebrüllt werden, wie Polizisten sie von der Straße schleifen, der fragt sich vielleicht: Warum macht ein 79-jähriger Rentner das mit? Der frühere Schorndorfer Grünen-Stadtrat Clemens Schlink hat dafür in München jetzt sogar sechs Tage in Haft verbracht. Er ist überzeugt, dass die Aktionen richtig und wichtig sind, damit sich etwas bewegt

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