Winterbach

Logopädie bei Kindern: Wann sie sinnvoll und nötig ist und wie sie funktioniert

Logopädie
Susanne Hoffmann bei der Arbeit: Spielen ist wichtiger Bestandteil der Sprachtherapie. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Sprachtherapie gehen, sei während der Corona-Jahre gestiegen – so vermeldete kürzlich eine große Krankenkasse. Der Berufsverband der Logopäden hält diesen Befund zwar für falsch. Unabhängig von der jüngeren Entwicklung ist dennoch unbestreitbar, dass in den vergangenen zehn bis 15 Jahren die Zahl der Kinder, die wegen einer Sprachstörung in Behandlung sind, zugenommen hat. Heißt das aber wirklich, dass Sprachstörungen bei Kindern vermehrt auftreten oder wird nur genauer hingeschaut und mehr therapiert? Und wann ist eine logopädische Therapie bei einem Kind überhaupt sinnvoll?

Susanne Hoffmann, die in Winterbach zusammen mit Helmut Denzinger eine Logopädie-Praxis führt, hat Anfang der 80er-Jahre ihre Ausbildung gemacht. Damals habe es in Deutschland weniger als 1000 Logopäden gegeben, sagt sie. Inzwischen sind es laut Statistik fast 20 000. Und dennoch hätten die Praxen keinen „Beschäftigungsmangel“, sagt Susanne Hoffmann. Es gebe im Gegenteil einen „wahnsinnigen Fachkräftemangel“. Sprich: Man könnte eigentlich noch mehr Sprachtherapeuten brauchen.

Kinderärzte haben umfangreiche Untersuchungsmethoden

Woran liegt der gestiegene Bedarf? Für Susanne Hoffmann gibt es keine eindeutige Antwort. „Sprachstörungen nehmen zu, aber sie werden auch mehr beachtet“, sagt sie. Die eine Seite sei sicherlich, dass die Kinderärzte umfangreiche Untersuchungsmethoden hätten, bei denen in verschiedenen Altersstufen  gezielt geprüft wird, ob die Sprach- und Sprechfähigkeit altersgemäß entwickelt ist oder ob es Auffälligkeiten gibt. Auch die Pädagogen und Erzieherinnen seien heute anders ausgebildet und könnten den Fokus mehr darauf legen.

Auf der anderen Seite sei aber auch zu beobachten, „dass die Komplexität der sprachlichen Probleme zunimmt“. Das bedeute, dass Kinder vielleicht gleich mehrere Laute nicht richtig sprechen können, dass sie mit Grammatik und Sprachverständnis Probleme haben. Und das, so Hoffmann, „bei guter Intelligenz und sonst guter Entwicklung“. Es sei oft irritierend, dass ein „pfiffiges, intelligentes Kind“ unverständlich spreche. Und das bei Eltern, die viel vorlesen und einen „guten sprachlichen Umgang“ hätten. „Das ist auch für die Eltern sehr irritierend.“

Oft kommt der Hinweis auf eine mögliche Problemlage aus dem Kindergarten von den Erzieherinnen oder der Kinderarzt wird bei einer Routineuntersuchung auf etwas aufmerksam. Für Eltern kann das erst mal ein kleiner Schockmoment sein: Was, mein Kind braucht eine Therapie? Wer mit Eltern spricht, deren Kinder in logopädischer Behandlung waren, bekommt aber eigentlich ausnahmslos sehr positive Erfahrungen berichtet. Susanne Hoffmann kann jedoch verstehen, dass manche Eltern zunächst Vorbehalte haben und sich fragen, was das Kind in der Logopädie erwartet.

Nur der Kinderarzt kann ein Kind zum Logopäden schicken

Wie wird letztendlich entschieden, ob eine logopädische Therapie sinnvoll oder nötig ist? Das Ganze beginnt mit einem Besuch beim Kinderarzt. Dieser kann ein Kind für eine Diagnostik zum Logopäden schicken. „Wir brauchen immer eine Verordnung vom Arzt“, sagt Susanne Hoffmann.

Es kann bei ganz einfachen Dingen wie einzelnen Lauten anfangen, die ein Kind nicht aussprechen kann: S statt SCH, D statt G oder Probleme mit dem R zum Beispiel. Es kann sich um Stottern handeln. Es kann Mutismus sein, dass also ein Kind zu Hause ganz normal, flüssig und gerne redet, aber im Kindergarten oder in anderen Zusammenhängen verstummt. Es können aber auch Defizite in der altersgemäßen Sprachentwicklung sein, also dass dem Kind Wortschatz und Fähigkeit fehlen, sich auszudrücken. Die Bandbreite ist groß, genauso das Alter der Kinder. Bei Babys oder Kleinkindern therapieren Logopäden Probleme beim Schlucken oder mit der Nahrungsaufnahme. Bei Schulkindern kann es auch um Lernstörungen, Lese- und Rechtschreib- oder Rechenstörungen gehen.

Bei der Einschätzung eines Kindes schaue man dann nie nur auf das Sprechen oder die Sprache. Es gehe um ein „Gesamtpaket“ mit dem man die sprachlichen Fähigkeiten in Zusammenhang setze. „Es ist eine komplette Diagnostik, die entwicklungspsychologisch orientiert ist. Ich gucke auch nach der motorischen Entwicklung und der Spielentwicklung.“

Das Spiel ist überhaupt ein zentrales Element in der Logopädie. „Im Spiel zeigen Kinder ihre Fähigkeiten“, sagt Susanne Hoffmann. „Da schauen wir ganz detailliert drauf. Kinder entdecken ihr Leben im Spiel.“ Darüber könne man sie an die Entdeckung der Sprache heranführen. Wie die Therapeuten dabei vorgehen, ist sehr individuell und immer auf das einzelne Kind abgestimmt. Die Kinder kommen so zu Erfolgserlebnissen. „Sie sind dann auch stolz, wenn sie solche Erlebnisse haben und etwas lernen.“ Deswegen müssen aus ihrer Sicht Eltern auch nicht fürchten, dass die Therapiesituation ein negatives Erlebnis werde, bei dem den Kindern Defizite in unangenehmer Weise unter die Nase gerieben werden.

Klare und weniger klare Fälle

Es gebe Fälle, in denen eine Therapie unumgänglich sei, sagt Susanne Hoffmann. Zum Beispiel wenn ein Kind unsicher sei in seiner Sprache. Insbesondere, wenn das Kind selbst seine Probleme wahrnehme, und sich daran störe, müsse man reagieren.

In manchen Fällen sei die Entscheidung aber vielleicht nicht so klar. Der berühmte Ausspruch „Das verwächst sich“ könne manchmal stimmen. Aber generell gelte die Schulreife für die volle Sprach- und Sprechfähigkeit schon als wichtige Zielmarke. Gehe es nur um einzelne Laute, mit denen ein Kind beim Sprechen Probleme habe, könne man aus ihrer Sicht abwägen, ob man abwarte. Wichtig sei, „dass man sich sicher ist, dass das Kind das in der Hörverarbeitung unterscheiden kann und die Aussprache nur motorisch nicht hinbekommt“. Sonst könnte die Lautvertauschung auch zu schulischen Problemen führen.

Auswirkungen der Corona-Pandemie für Logopäden-Verband ungeklärt

Und hat nun die Pandemie für mehr Sprachstörungen gesorgt, wie die KKH und in der Folge verschiedene Medien berichteten? Nein, sagt der Deutsche Bundesverband Logopädie (DBL). Die Zahlen der Krankenkasse und die Rückschlüsse daraus würden für diesen Befund nicht taugen. Andere Daten würden sogar gegenläufige Trends zeigen.

Ja, durch Schul- und Kitaschließungen und durch den Wegfall von viel sozialer Interaktion in der Freizeit habe es „eine offensichtliche Einschränkung sprachförderlicher Alltagssituationen“ während der Pandemie gegeben. Allerdings müsste man das zunächst wissenschaftlich untersuchen, so der DBL, um sagen zu können, ob tatsächlich Auffälligkeiten zugenommen hätten. Und ob sogar tatsächlich Sprachstörungen vorlägen, könne in jedem Fall nur eine differenzierte Diagnostik zeigen.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Sprachtherapie gehen, sei während der Corona-Jahre gestiegen – so vermeldete kürzlich eine große Krankenkasse. Der Berufsverband der Logopäden hält diesen Befund zwar für falsch. Unabhängig von der jüngeren Entwicklung ist dennoch unbestreitbar, dass in den vergangenen zehn bis 15 Jahren die Zahl der Kinder, die wegen einer Sprachstörung in Behandlung sind, zugenommen hat. Heißt das aber wirklich, dass Sprachstörungen bei Kindern vermehrt

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