Winterbach

Magdalena Neuner spricht in Winterbach über die Schattenseiten des Profisports

Michael Antwerpes und Magdalena Neuner beim Sport Schwab Winterbach, 18.11.2022.
Magdalena Neuner ist ganz ihrer neuen Rolle aus Mutter angekommen – und freut sich auf alles, was noch kommt. © Benjamin Beytekin

Biathletin Magdalena Neuner hat zwölf Weltmeisterschaftstitel und zwei olympische Goldmedaillen eingefahren. Das „Jahrhunderttalent“, wie Moderator Michael Antwerpes sie nennt, wirkt geerdet, bodenständig und äußerst nahbar, als sie über die hellsten Momente ihres Lebens und über Schattenseiten des Profisports spricht.

Sie hat alle ihre Ziele erreicht, und sie hat zum richtigen Zeitpunkt, wie sie sagt, aus eigenem Antrieb einen Schlussstrich unter ihre Karriere als Profisportlerin gezogen. „Bis zu meinem allerletzten Wettkampf hat es mir Spaß gemacht“, erklärt die 35-jährige Ex-Profi-Biathletin.

Sie gilt als eine der erfolgreichsten Biathletinnen, wurde dreimal als Deutschlands Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Heute sei sie glückliche dreifache Mama. Mit zehn Jahren Abstand verknüpfe sie nur Gutes mit dem Biathlon. „Ich blicke mit positiven Gefühlen zurück und habe die Zeit sehr genossen.“

Elfter Geburtstag: Olympische Spiele angeschaut

Sympathisch und ungekünstelt umreißt sie schmunzelnd ihre bodenständige Kindheit in „einer traditionellen bayrischen Familie“, wo sie im Dirndl sonntags zur Kirche gegangen sei. Wie es sich in der Gegend zwischen Karwendel und Zugspitze gehört habe, sei sie als Vierjährige zum ersten Mal auf Alpinskiern gestanden.

Zwei Jahre später habe sie die Langlaufski angeschnallt und sei direkt vor der Haustüre losgestapft. „Es hat mir sofort Spaß gemacht.“ An ihrem elften Geburtstag durfte sie die Olympischen Spiele anschauen. „Ich kann mich sehr gut an die Emotionen in unserem Wohnzimmer erinnern“, erzählt sie. Wie schön muss es wohl sein, bei Olympia dabei sein zu können, hätten ihre Eltern gedacht. Das habe sich bei ihr eingeprägt.

Wie man so schnell wird?

Nach ihrem ersten Biathlontraining sei sie „infiziert“ gewesen von der Sportart, in der sie sich ihren Lebenstraum erfüllt hat. In sechs Jahren an der Weltspitze wurde sie zwölfmal Weltmeisterin und fuhr zweimal olympisches Gold und eine Silbermedaille bei den Winterspielen in Vancouver 2010 in Kanada ein.

Wie wird man so schnell und so gut wie sie? Der Kopf entscheide, wie viel sie bereit ist, aus sich herauszuholen, erklärt sie. „Ich hatte immer einen Knopf in mir und wusste, welche Gedanken ich haben muss, um auch über die Schmerzgrenze hinauszugehen.“ Die Kraft stecke in ihr. Um sie hervorzuholen, konnte sie immer „diesen Knopf“ im richtigen Moment aktivieren.

„Ich habe gemerkt, dass nichts mehr geht und die Beine brennen, dann sah ich vor mir die Konkurrentin. Da hat sich eine Energie in mir freigesetzt: Die kriege ich jetzt doch wohl noch.“

Mit 25 Jahren alles erreicht und Schluss gemacht

Vom Alter her hätte sie den Profisport noch eine Weile begleiten können, aber sie zog mit 25 Jahren den Stecker. „Es war eine Bauchentscheidung.“ Wie es ihr heute gehe, mit dem Abstand von zehn Jahren, fragt der Moderator. „Mir geht’s gut mit der Entscheidung.“ Aktuell lebe sie das Muttersein mit derselben Hingabe und Freude, die sie früher beim Biathlon und zusammen mit ihrem Wettkampfteam erlebt habe.

Das Mamasein habe so ganz andere Regeln und Herausforderungen als der Profisport. „Ich frage mich jeden Abend, ob ich alles richtig gemacht habe und allen Kindern gerecht geworden bin.“ Beim Sport sei die „Bestätigung“, das Beste aus sich herausgeholt zu haben, greifbar gewesen: „Da kriegt man eine Medaille umgehängt, da sieht man es.“

Siege änderten ihr Leben - nicht nur zum Positiven

Einige Medaillen baumelten um ihren Hals, ihr Werdegang war von Erfolgen gesäumt. In dem Moment, als sie ganz oben stand, wusste sie, dass ihr Karriereende gekommen war: „Es war 2010 klar, dass es danach vorbei sein wird.“ Sie wollte ihr Leben wieder.

Dieses sei ihr, der präzisen Biathlon-Schützin mit den Adleraugen im Schießstand, vor lauter Rummel um ihren Olympiasieg aus dem Blickfeld geraten. „Ich konnte es kaum fassen, dass ich das alles geschafft habe. Aber ab dem Moment hat sich mein komplettes Leben geändert.“ Sie sah die Schattenseiten der Medaillen zwischen Wettkampfstätten und olympischem Dorf.

Neuner: Andere wollen auch ein Stück vom Kuchen haben

„Es geht nicht um die Freude des Sportlers, es geht in erster Linie darum, dass andere auch ein Stück vom Kuchen haben wollen.“ Sie sei als unbekümmerte Magdalena Neuner zu ihrer ersten Olympiade losgefahren und zwei Wochen als jemand anderes zurückgekehrt, belagert von Medienanfragen, Terminen für Fotoshootings und Werbespots und von Fans, die unangemeldet in ihrem Garten auftauchten.

Sie erzählt in Winterbach sachlich, beschreibend. Das Publikum in den Räumen von Sport Schwab hört ihr gerne zu.

Traurig: Feiern ohne die Eltern

Sie wählt schöne, freundliche Formulierungen und legt Emotionen in ihre Aussagen, die so gar nichts Anklagendes haben, auch als sie über die „Maschinerie“ des Profisports spricht. Journalisten hätten sich auf sie gestürzt, sie regelrecht körperlich unter sich begraben, Security-Mitarbeiter hätten sie im Backstage-Bereich in Sicherheit gebracht.

Das Schlimmste aber war für sie, dass ihre Eltern bei den Olympiafeierlichkeiten nicht dabei sein konnten. Sie habe keine freien Plätze für sie bekommen: „Dass ausgerechnet sie, die mich mein Leben lang unterstützt haben, nicht an der Freude teilhaben können, hat mir viel von meiner Freude genommen.“

Die Profilaufbahn hat sie an den Nagel gehängt, wohl wissend, dass damit Platz für Neues frei wird. Was es werden soll, wisse sie noch nicht. Ihr Traum: Aus eigenem Antrieb heraus noch mal etwas machen. „Ich möchte noch mal bei null anfangen mit etwas, bei dem ich dieselbe Leidenschaft noch mal habe.“

Biathletin Magdalena Neuner hat zwölf Weltmeisterschaftstitel und zwei olympische Goldmedaillen eingefahren. Das „Jahrhunderttalent“, wie Moderator Michael Antwerpes sie nennt, wirkt geerdet, bodenständig und äußerst nahbar, als sie über die hellsten Momente ihres Lebens und über Schattenseiten des Profisports spricht.

Sie hat alle ihre Ziele erreicht, und sie hat zum richtigen Zeitpunkt, wie sie sagt, aus eigenem Antrieb einen Schlussstrich unter ihre Karriere als Profisportlerin

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