Winterbach

Neue Chefin fürs „Lädle“ dringend gesucht: Die Schließung einer Winterbacher Institution der Nachbarschaftshilfe droht

Lädle Frese
Marianne Frese im Flur des „Lädle“, der mit als Ausstellungsraum für die angebotenen Kleider dient. © Reinhold Manz

38 Jahre lang hat Marianne Frese im Winterbacher „Lädle“ des Nachbarschaftshilfevereins Kleidung verkauft – und Menschen ihre Zeit geschenkt. Jetzt sagt sie: Es ist genug. Zum Jahresende gibt sie die Leitung des Secondhand-Ladens im Untergeschoss der Lehenbachschule ab. Bisher gibt es keine Nachfolgerin. Jammerschade, wenn es so bliebe: Das „Lädle“ ist eine Institution, die fehlen würde. Nicht nur wegen der Klamotten.

Es sieht auf den ersten Blick nicht gleich so aus, aber das „Lädle“ ist mehr eine Modeboutique als eine Kleiderkammer. Wer dem Hinweisschild folgt und die Treppe vom Schulhof der Lehenbachschule hinuntersteigt, kommt in einen Vorraum, dann in einen langen Flur mit Heizungsrohren an der Decke. Auf Ständern an den Wänden hängen Kleidungsstücke, vor allem für Damen, aber auch eine Herrenabteilung gibt es. In den Räumen, die vom Flur abzweigen: Accessoires, Bademode und Haushaltsgegenstände oder Gesellschaftsspiele.

Alle angebotenen Artikel sind in einem Top-Zustand, von den Vorbesitzern nur wenige Male getragen und auf dem aktuellen Stand der Mode, darauf legt Marianne Frese Wert. Wenn jemand irgendein uraltes Designerteil bringt, das zuvor jahrelang ungetragen auf dem Dachboden verstaubt ist, fragt sie sehr direkt: „Würden Sie das selber noch kaufen?“ Oft kommen Spenden aus dem Bestand des Winterbacher Modehändlers Peter Hahn.

Kundinnen und Kunden aus allen Bevölkerungsschichten

Mit Corona ist auch im „Lädle“ alles ein bisschen anders. Aber normalerweise kommen mittwochs, wenn zwischen 15 und 18.30 Uhr geöffnet ist, jede Woche 30 bis 40 Kundinnen und Kunden. Darunter sind Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die, wie Marianne Frese sagt, „Wohlbetuchten“ auf Schnäppchenjagd genauso wie diejenigen mit schmalem Geldbeutel, die im „Lädle“ einkaufen, weil sie sich Kleidung anderswo nicht leisten könnten. Für wenige Euro bekommt man bei Marianne Frese und ihrem Team ein komplettes Outfit von den Schuhen bis zur Bluse.

Aber wer ins „Lädle“ kommt, der findet dort nicht nur Ware, sondern immer auch freundliche Menschen, die sich Zeit für persönliche Dinge nehmen. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Marianne Frese. „Es haben sich Freundschaften gebildet.“ Fürs Gesellige gibt es in einem der Räume eine Kaffee-Ecke. Diese ist jetzt unter Corona-Bedingungen geschlossen, aber normalerweise ist das „Lädle“ auch ein Treffpunkt und damit in doppelter Hinsicht eine soziale Einrichtung. Und Marianne Frese ist oft ein Kummerkasten für vielfältige Probleme. „Man ist eine Vertrauensperson“, sagt sie. Und wenn sie von jemandem wisse, der wirklich arm dran sei, sich aber scheue, zu den normalen Öffnungszeiten zu kommen, dann lasse sie die Person auch mal so in den Laden. Dann gibt sie auch mal Dinge zum halben Preis ab oder verschenkt etwas.

Viele Artikel im „Lädle“ kommen aus den Kleiderschränken der Kundinnen und Kunden selbst. Jeden Mittwoch wird nicht nur verkauft, sondern auch begutachtet und angenommen. Wenn etwas verkauft wird, bekommt die Nachbarschaftshilfe immer einen Anteil von 20 Prozent als Provision. Den Rest können die Besitzer sich auszahlen lassen oder es der Nachbarschaftshilfe spenden. Kleider, die nicht verkauft und auch nicht wieder abgeholt werden, werden an gemeinnützige Einrichtungen gespendet, die dafür weitere Verwendung haben.


Marianne Frese ist das Zentrum eines weit verzweigten Netzwerkes. Sie saß lange im örtlichen Netto-Supermarkt an der Kasse, war im Verein und als Elternvertreterin aktiv. „Ich kenne viele Leute“, sagt sie. „Ich war schon immer sehr kontaktfreudig und hilfsbereit.“ So erfährt sie, wenn jemand etwas abzugeben hat, sei es eine Waschmaschine oder eine komplette Einbauküche, und weiß sofort jemand, der es brauchen kann und vermittelt.

Dieses Netzwerk würde sie auch ihrer Nachfolgerin zur Verfügung stellen. Denn ganz zurückziehen will sie sich aus dem „Lädle“ nicht, sie wird zwar die Leitung abgeben, aber weiter mitarbeiten. „Es ist nicht so, dass man die Person ins kalte Wasser schmeißt, ich unterstütze und helfe ja.“ Dennoch ist es ihr bisher nicht gelungen, aus ihrem Netzwerk eine engagierte Frau zu finden, die gesagt hätte: Ja, ich mach’s!

„Man muss Leidenschaft mitbringen“

Was muss die neue Leiterin des „Lädles“ für Eigenschaften mitbringen? Nun, sie braucht natürlich eine gewisse Affinität zur Mode. Sie muss kontaktfreudig und offen sein. „Man muss Leidenschaft mitbringen“, sagt Marianne Frese. Was die Leiterin nicht braucht, sind Kenntnisse in Buchhaltung, dafür hat der ehemalige Winterbacher Gemeindekämmerer und Vorsitzende des Nachbarschaftshilfe-Vereins die nötige Software vorbereitet, in die für die Abrechnung nur Zahlen eingetragen werden müssen.

Die Aufgaben sind vielfältig und reichen von der Annahme der Kleidungsstücke über die Erstellung von Arbeitsplänen bis zur Teilnahme an Ausschusssitzungen der Nachbarschaftshilfe. Alles in allem brauche man dafür sechs bis sieben Stunden in der Woche Zeit, sagt Marianne Frese.

Was man dafür bekommt: drei Euro pro Stunde als Aufwandsentschädigung für das Ehrenamt. Wichtiger sind für Marianne Frese aber andere Werte. „Es gibt einem unheimlich viel. Es macht viel Spaß. Man lernt tolle Leute kennen.“ Die neue Leiterin könne dem „Lädle“ ihren eigenen Stempel aufdrücken und frei gestalten, ohne dass der Verein oder irgendjemand ihr reinrede.

Und was passiert, wenn sich bis Jahresende niemand findet? Sofort schließen würde das „Lädle“ nicht. Aber es würde dann nichts mehr angenommen. Und: „Wenn keine Klamotten mehr da sind, dann schließen wir zu“, sagt Ulrich Wallkamm, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe. „Wir hoffen stark, dass noch jemand kommt und es weitergeht.“

Info

Wer sich für den Job der Leitung des „Lädles“ interessiert, der kann sich dort bei Marianne Frese zu den Öffnungszeiten (jeden Mittwoch 15 bis 18.30 Uhr) oder im Büro der Nachbarschaftshilfe melden: in Winterbach, Kronenbergele 3,0 71 81/9 69 51 30.

38 Jahre lang hat Marianne Frese im Winterbacher „Lädle“ des Nachbarschaftshilfevereins Kleidung verkauft – und Menschen ihre Zeit geschenkt. Jetzt sagt sie: Es ist genug. Zum Jahresende gibt sie die Leitung des Secondhand-Ladens im Untergeschoss der Lehenbachschule ab. Bisher gibt es keine Nachfolgerin. Jammerschade, wenn es so bliebe: Das „Lädle“ ist eine Institution, die fehlen würde. Nicht nur wegen der Klamotten.

Es sieht auf den ersten Blick nicht gleich so aus, aber das „Lädle“

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