Winterbach

Pfarrerin Silke Stürmer aus Winterbach setzt sich für Sinti und Roma ein

Silke Stürmer
Silke Stürmer freut sich auf ihre neue Aufgabe, die sie in höchstem Grade als sinnstiftend erlebt. © Benjamin Büttner

Es ist kaum zu glauben. Aber während in den 80er Jahren Nena über 99 Luftballons sang, die DDR ins Wanken geriet, Knallfarben die modische Welt eroberten, mehr und mehr Autos über deutsche Straßen heizten, der Wohlstand sich breitmachte, lebten quasi nebenan viele Sinti und Roma in unhaltbaren Zuständen. Beispielsweise im Ravensburger Ummewinkel. Hier wohnten Auschwitzüberlebende mit ihren Familien in Baracken der einfachsten Sorte.

Was die Sache keinesfalls besser macht: Ursprünglich errichtet worden war die Siedlung, damals „Zigeunerzwangslager“ genannt, schon in der Zeit des Nationalsozialismus. 1937 wurden die 117 Ravensburger Sinti ihrer Wagen und ihrer Mobilität beraubt und in dem Barackenlager zusammengepfercht. Im März 1943 wurden 35 Ravensburger Sinti, Frauen, Männer und Kinder, in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, 29 von ihnen wurden dort ermordet, sechs Ravensburger Sinti haben die Torturen des Vernichtungslagers überlebt.

Nach Birkenau zurück ins ehemalige Zwangslager

Sie wurden nach ihrer Rückkehr von der Stadtverwaltung wieder auf demselben Gelände angesiedelt. Dort blieben sie bis in die 80er Jahre hinein. Unter dramatischen Bedingungen. Die Baracken waren schon längst in Schieflage geraten, berichtet die Zeitzeugin Magdalena Guttenberger in dem Buch „Die Kinder von Auschwitz singen so laut“. Das habe man sogar an der Suppe im Teller gesehen. Täglich fiel der Strom aus. Nur einen Wasserhahn gab’s für rund 18 Familien. Und der war rußgeschwärzt. Schließlich mussten die Bewohner winters mittels eines Feuers dafür sorgen, dass der eingefrorene Hahn wieder auftaute, um überhaupt Wasser spenden zu können.

Vorurteile über Vorurteile bäumten sich vor den Bewohnern des Lagers, aber auch vor allen anderen Sinti und Roma deutschlandweit auf. Viele sind bis heute geblieben. Die Winterbacher Pfarrerin Silke Stürmer setzt sich nun künftig als Beauftragte der Landeskirche dafür ein, die Überreste solcher Zuschreibungen zu tilgen. So weiß sie beispielsweise von einem heute rund 30-Jährigen, der während seiner Schulzeit - noch in den 90er Jahren - nach einer Krankschreibung vom Lehrer mit dem Begriff der „Zigeunerkrankheit“ konfrontiert wurde. In Schulen und auch überall sonst halte sich das Vorurteil, Sinti und Roma seien kränklich, schmutzig, stinkend, dumm.

Tatsächlich aber wurde ihnen - am Beispiel des Ummenwinkels erklärt - bis Mitte der 80er Jahre systematisch der Zugang zu ausreichend Frischwasser verwehrt. Und solche Zustände gab es nicht nur in Ravensburg. Beengte Wohnverhältnisse waren keine Seltenheit. Wie hätten die Kinder sich da täglich waschen, die Wohnungen stets blitzeblank sein sollen. Und - offenbar grundsätzlich – wurden Kinder noch in den frühen 70er Jahren vom Ummenwinkel auf Sonderschulen geschickt unabhängig von ihrer Begabung, berichtet eine ehemalige Lehrerin aus Ravensburg in jener historischen Ausarbeitung über den Ummenwinkel. Abgesehen davon: Dass es Kinder gebildeter Eltern leichter in der Schule haben, ist nun auch keine Neuigkeit. Strukturelle Diskriminierung kann man es auch nennen.

Übrigens: Erst im Jahr 1984 wurde das Lager Alter Ummenwinkel in Ravensburg geräumt. Bis dahin blieb es so bestehen, wie es 1937 errichtet worden war. Geräumt wurde es aber nicht etwa wegen der menschenunwürdigen Zustände. Vielmehr mussten die Baracken einer Schnellstraße weichen.

Klar ist, so erklärt’s auch Silke Stürmer, dass noch immer nachwirkt, was jahrzehntelang schieflief. Das zeige auch die "RomnoKher"- Studie, die 2021 veröffentlich wurde. Auf der Grundlage von rund 700 internetgestützten Befragungen konnte ermittelt werden, dass der Anteil von Sinti und Roma ohne Schulabschluss und/oder Berufsausbildung weit über dem der deutschen Durchschnittsbevölkerung liegt. 60 Prozent der Befragten hatten außerdem angegeben, in der Schule Diskriminierung und Rassismus erlebt zu haben.

„Viele Menschen wissen gar nicht, dass Sinti schon seit 600 Jahren in Deutschland leben“, erklärt Silke Stürmer, die zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche im Remstal verantwortet hat. Sie hat die Aktionen zur Gartenschau organisiert, die Nacht der offenen Kirchen etabliert und vieles mehr. Nun tritt sie an, um mit Vorurteilen aufzuräumen. Der Stigmatisierung und Diskriminierung der Sinti und Roma entgegenzutreten. Was dagegen hilft? Information. Aufklärung, echte Begegnungen. Und so liest sie derzeit viel, stöbert in Archiven, lernt Betroffene kennen, auch um ein Netzwerk zu erstellen, das für Vortrags- und Schulveranstaltungen hilfreich sein kann.

Silke Stürmer ist stolz auf ihre Landeskirche, darauf, dass sie Geld für diese Arbeit in die Hand nimmt. Tatsächlich findet sie aber auch, dass es tatsächlich die Aufgabe der Kirche ist, sich an dieser Stelle einzusetzen. Immerhin habe man sich selbst an den Sinti und Roma schuldig gemacht, als man in der Nazi-Zeit die Kirchenbücher öffnete und es so den Nazis erleichterte, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu verfolgen.

Übrigens: Neben ihrer Stelle bei der Landeskirche arbeitet Silke Stürmer auch als Filmemacherin. Und auch hier geht es ihr meist darum, Minderheiten ein Gehör zu verleihen, Verständnis für andere Lebenssituationen, Menschen und Kulturen hervorzurufen.

Es ist kaum zu glauben. Aber während in den 80er Jahren Nena über 99 Luftballons sang, die DDR ins Wanken geriet, Knallfarben die modische Welt eroberten, mehr und mehr Autos über deutsche Straßen heizten, der Wohlstand sich breitmachte, lebten quasi nebenan viele Sinti und Roma in unhaltbaren Zuständen. Beispielsweise im Ravensburger Ummewinkel. Hier wohnten Auschwitzüberlebende mit ihren Familien in Baracken der einfachsten Sorte.

Was die Sache keinesfalls besser macht: Ursprünglich

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