Winterbach

Pläne für Radschnellweg im Remstal: Fahrradstraßen quer durch den Ort - Autofahrer müssen sich umstellen

Radweg winterbach
Einfahrt in die Mühlstraße vom Kreisverkehr an der Ortsdurchfahrt aus: Unsere Fotomontage zeigt, wie die Beschilderung aussehen könnte, wenn die Mühlstraße eine Fahrradstraße wird, wobei wir das Hinweisschild für den Zebrastreifen an der Stelle unterschlagen haben, das natürlich auch weiter dort hängen müsste. © Schneider/montage medienwerkstatt

Der Radschnellweg durchs Remstal von Fellbach nach Schorndorf ist schon lange im Gespräch. Nun wird das Projekt in Winterbach erstmals im Detail sehr konkret. Die geplante Trasse soll mitten durch den Ort verlaufen und bringt, zumindest punktuell, einen echten Paradigmenwechsel mit. Denn die Straßen, über die die Radler rollen sollen, müssen dafür zu Fahrradstraßen umgewidmet werden. Das heißt: Dort sind Radfahrer gleichberechtigt mit Autos, Lastwagen und Motorrädern unterwegs.

Bisher ist es in Winterbach nicht anders als in den meisten deutschen Gemeinden: Die Straßen gehören den motorisierten Verkehrsteilnehmern. Bei Reisen in manche andere Länder erlebt der deutsche Autofahrer einen Kulturschock, zum Beispiel in den Niederlanden, weil das Verhältnis genau umgekehrt ist: Die Radfahrer geben in Dörfern und Städten selbstbewusst den Ton an, Autofahrer müssen sich unterordnen. Nun werden in Winterbach nicht gleich holländische Verhältnisse einkehren, aber mit dem neuen Radschnellweg könnte bald ein echter Sprung nach vorne im Mobilitätswandel erfolgen.

Die Autofahrer müssen zwei Prozent ihrer Vormachtstellung abgeben

Bürgermeister Sven Müller rechnete kürzlich im Bauausschuss des Gemeinderats den Ist-Zustand vor: „Wir haben in Winterbach 100 Hektar Wegefläche. Und davon sind null Prozent privilegiert für Radfahrer.“ Eine Entscheidung für den Radschnellweg nannte Müller „eine politische Aussage für die Zukunft, wie wichtig uns Radverkehr in Winterbach ist“. Das Rad als Verkehrsmittel sieht der Bürgermeister im Kommen durch gesellschaftlichen Wandel und Verpflichtung zum Klimaschutz. Mit dem Schnellweg habe man zwei Hektar Wegefläche, auf denen Radler gleichberechtigt seien. Auf 98 Prozent hätten die Autofahrer weiterhin die Vormachtstellung.

Geplant wird der Radschnellweg durchs Remstal vom Rems-Murr-Kreis. Er soll 20 Kilometer lang sein und es Pendlern ermöglichen, sicher und ohne viele Hindernisse wie Kreuzungen oder Ampeln voranzukommen – eine Art Bundesstraße für Radfahrer also. Schnell heißt aber nicht, dass sie dort unbegrenzt rasen können, es soll Tempo 30 gelten. Mindestens 2000 Radfahrer sollen jeden Tag einmal auf der Strecke unterwegs sein, wenn sich dieser nach ein paar Jahren etabliert hat und gut angenommen wird.

Es gibt für den Weg mit verschiedenen Trassenverläufen eine Machbarkeitsstudie, jetzt gehen die Planer vom Landratsamt in die Abstimmung mit den Kommunen, um dann überall detailliert die besten Streckenverläufe zu finden und zu untersuchen, was dafür an Umbauten nötig ist.

Gemeinderat entscheidet am 24. November

Der Bauausschuss des Winterbacher Gemeinderats hat sich auf eine favorisierte Trasse festgelegt, mit drei Enthaltungen, unter anderem von den beiden CDU-Räten, die eine andere Wegeführung bevorzugten. Entscheiden wird am 24. November der Gesamt-Gemeinderat. Die nun ausgewählte Trasse verläuft von Remshalden kommend südlich der Rems, an der Kläranlage vorbei über die Remsstraße in den Ort hinein, dann über den Kreisverkehr in die Mühlstraße und über die Heinrichstraße in den Langen Weg, über die Ostlandstraße hinweg durch das Hochwasserrückhaltebecken Richtung Schorndorf-Weiler.

Weil der Radschnellweg ganz bestimmte Bedingungen erfüllen muss, sind auf den Wegen und Straßen, über die er führt, einige Änderungen nötig. Das ist innerorts zum Beispiel eben die Ausweisung als Fahrradstraße, die motorisierte Fahrzeuge zwar weiterhin nutzen dürfen, auf der Radler aber gleichberechtigt sind und mitten auf der Straße fahren dürfen. Teilweise müssen Parkplätze am Fahrbahnrand wegfallen. Und außerorts sind für den bisher von Fußgängern und Radfahrern gleichermaßen genutzten Weg südlich der Rems ein Ausbau und eine Trennung nötig, damit die Radler auf dem Schnellweg für sich sind und die Fußgänger daneben ihren eigenen Bereich haben. Darin sieht Bürgermeister Sven Müller sogar einen Vorteil für den oft sehr belebten Weg, der auch am renaturierten Remsabschnitt zwischen Remshalden und Winterbach vorbeiführt und auf dem das Miteinander von Radlern und Fußgängern nicht immer konfliktfrei abgeht.

Einen Knackpunkt bei der weiteren Planung der Trasse sehen Planer und Gemeinderäte am Kreisverkehr, an dem der Schnellweg die viel befahrene Ortsdurchfahrt (Ritter- und Bachstraße) überquert. Genauso ist die Querung der Ostlandstraße am östlichen Ortsrand ein offener Punkt: Wie kommen die Radler dort sicher drüber, wo die Autofahrer bisher mit 70 durchrauschen dürfen? Und auch eine Verlegung des Wertstoffhofs in der Remsstraße könnte nötig werden – was die Gemeinde aber ohnehin anstrebt und was durch den Schnellweg beschleunigt umgesetzt werden könnte, so die Hoffnung von Bürgermeister Müller.

Gegen andere Wegeführungen sprechen zu viele Punkte

In der Machbarkeitsstudie des Landkreises wurden auch andere mögliche Trassen für den Radschnellweg im Bereich Winterbach untersucht. Doch bei allen gibt es große Nachteile und Hindernisse. Die CDU-Fraktion trat dennoch für eine andere Variante ein, die im Norden des Orts verlaufen würde. Doch dagegen sprechen aus Sicht der Planer vom Landratsamt, der Gemeindeverwaltung und der anderen Ratsfraktionen zu viele Punkte, unter anderem die Führung über die Fabrikstraße mit dem Schwerlastverkehr und der nötige, mehrere Millionen teure Umbau des Kreisverkehrs am Ortseingang von der B 29 her.

Insgesamt sind laut Machbarkeitsstudie 32 Millionen Euro für die 20 Kilometer Radschnellweg veranschlagt. Mit den angestrebten je nach Abschnitt 2000 bis 2800 Nutzern pro Tag sei ein guter Kosten-Nutzen-Faktor erreicht, sagte Karen Fischer, Radwege-Koordinatorin des Rems-Murr-Kreises. Darin eingerechnet ist auch, dass an anderer Stelle weniger Geld für Ausbau und Erhalt von Verkehrswegen für Autos wie Bundesstraßen ausgegeben werden muss, wenn mehr Leute aufs Rad umsteigen, um zur Arbeit zu pendeln. Deswegen fördern Bund und Land das Projekt mit bis zu 87,5 Prozent der Kosten.

Die Baulast liegt zwischen Fellbach und Weinstadt beim Land und zwischen Remshalden und Schorndorf beim Kreis. Kommunen mit mehr als 30 000 Einwohnern wie Schorndorf und Waiblingen tragen die Baulast innerorts selbst. Kleinere Gemeinden wie Winterbach haben also keine Belastung für ihren Haushalt.

Der Radschnellweg durchs Remstal von Fellbach nach Schorndorf ist schon lange im Gespräch. Nun wird das Projekt in Winterbach erstmals im Detail sehr konkret. Die geplante Trasse soll mitten durch den Ort verlaufen und bringt, zumindest punktuell, einen echten Paradigmenwechsel mit. Denn die Straßen, über die die Radler rollen sollen, müssen dafür zu Fahrradstraßen umgewidmet werden. Das heißt: Dort sind Radfahrer gleichberechtigt mit Autos, Lastwagen und Motorrädern unterwegs.

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