Winterbach

Plakat-Protest gegen den Verkehr

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Da tragen sogar die Osterhasen Mundschutz: Protestplakat gegen Feinstaub an Rudolf Bühlers Haus an der Bachstraße, der Winterbacher Ortsdurchfahrt. © Büttner/ZVW

Winterbach. Rudolf Bühler hat, mit einer längeren Unterbrechung, die meiste Zeit seines Lebens an der Winterbacher Bachstraße gewohnt. Der Verkehr dort nehme immer mehr zu, klagt der 77-Jährige und will jetzt ein Zeichen setzen: mit gereimten Zeilen auf einem Plakat und vermummten Osterhasen.

Rudolf Bühler nennt die Situation in der Winterbacher Ortsdurchfahrt „unhaltbar“. Und darauf wolle er aufmerksam machen. Also hat er zu einer kreativen Form des Protests gegriffen, einige Zeilen gereimt und auf Pappe geschrieben. Das ist der Wortlaut seines Aufschreis, der er an sein Haus gehängt hat: „Wir protestieren auf dem Podest / gegen Lärm und Feinstaubpest / Schultes Räte s’goht an d’Geduld / machet was sonst senn’r schuld / wenn Wenterbach em Dreck verreckt / das Böse kommt in der Luft versteckt.“

Zwei Osterhasen mit Mundschutz

Die Protestierer, das sind zwei Osterhasen, die auf der Fensterbank über dem Plakat stehen, ihre Gesichter von einem Mundschutz bedeckt, wie man das von den Bewohnern smoggeplagter chinesischer Großstädte kennt. Hasen passenderweise deswegen, weil Rudolf Bühler seine kleine Protestszenerie um Ostern herum aufgestellt hat. Den Mundschutz, erklärt er, tragen die Häschen wegen des Feinstaubs, den die Blechlawine verursacht, die sich vor allem jeden Morgen und Abend zu den Stoßzeiten durch Winterbach wälzt.

„Aber zumindest muss ich bruddeln dürfen über die Situation“

Rudolf Bühler hat den größten Teil seines Lebens an der Bachstraße verbracht, mit der Ausnahme von 23 Jahren, die er in Waiblingen lebte. Auch in Waiblingen habe er Feinstaub eingeatmet, erzählt er. Deswegen pfeife heute seine Lunge. Der Verkehr habe über die Jahrzehnte immer mehr zugenommen: „Im Grunde ist es eine Katastrophe“, sagt Bühler.

Rudolf Bühler ist Realist genug, um einschätzen zu können, was er mit seiner Plakataktion ausrichten kann. „Das ist mir klar, dass das nicht viel bewirkt“, sagt er. „Aber zumindest muss ich bruddeln dürfen über die Situation.“ Er will den politischen Entscheidungsträgern zurufen: Macht was und lasst uns nicht hängen! Er weiß aber auch, dass eine Lösung für das Verkehrsproblem schwer zu finden ist. Die Ortsdurchfahrt ist eine wichtige Verbindung zwischen Schurwald und Remstal. Die Westumfahrung Winterbachs ist schon seit Jahrzehnten ein Thema. Kürzlich diskutierte der Gemeinderat wieder darüber, weil eine Neuauflage des Regionalverkehrsplans der Region ansteht. Rudolf Bühler weiß: Im Westen von Winterbach gäbe es gegen eine solche Straße Widerstand. Die Gemeinde könne ohnehin nicht viel machen, da es sich ja um eine Landesstraße handele. „Da wird vermutlich nichts passieren“, meint er und ist sich relativ sicher: „Ich werde es wahrscheinlich nicht mehr erleben.“

Bürgermeister Müller verweist auf das Verkehrskonzept

Etwas zuversichtlicher hat Rudolf Bühler ein Besuch bei Bürgermeister Sven Müller gestimmt, zumindest weiß er jetzt, dass die Gemeinde versuchen will, etwas zu bewegen. „Ich habe ihm gesagt, dass wir für eine Verkehrskonzeption Gelder eingestellt haben im Haushalt“, sagt Müller. Er hatte bereits 2016 im Wahlkampf angekündigt, dass er sich des Themas annehmen will. Es soll Verkehrszählungen geben und eine Analyse der Verkehrsströme in Winterbach, von Experten bewertet. Am Ende will Müller Lösungen und Strategien haben, wie die Situation im Ort verbessert werden kann. Dass sich eine Verbesserung erzielen lässt, dafür sieht Müller gute Chancen: „Sonst hätten wir nicht das Geld für das Verkehrskonzept in den Haushalt eingestellt.“

Beweis für den Feinstaub ist der Dreck auf seiner Fensterbank

Es könnte sein, dass dann auch eine Feinstaubmessung gemacht werde, sagt Müller, wie es sich Rudolf Bühler wünschen würde. Wobei der Bürgermeister auch sagt: „Klar ist, dass eine vielbefahrene Straße eine hohe Feinstaubbelastung mit sich bringt.“ Um das zu wissen, brauche er keinen Experten. Rudolf Bühler dient als Beweis der Dreck auf seiner Fensterbank, den er dort regelmäßig abwischt. Die Hasen, die dort jetzt stehen, tragen ja zum Glück Mundschutz.

Hauptstraße

Die Bachstraße wurde erst Ende der 1920er Jahre zu einem Teil der Hauptverkehrsader in Winterbach, nachdem der Lehenbach verdohlt war, das heißt, nicht mehr offen oberirdisch floss. Zuvor war die Hauptstraße die wichtigste Verbindung durch den Ort zwischen Marktplatz und Rems, der Name der mittlerweile ruhig abseits liegenden Straße erzählt noch davon.

Eher unrealistisch ist die Idee von Rudolf Bühler, die Belastung der Bachstraße über eine Nutzung der sehr schmalen Hauptstraße und eine Einbahnstraßenregelung zu entzerren: Der Verkehr, so seine Überlegung, könnte dann in die eine Richtung über die Bachstraße und in die andere über die Hauptstraße fließen.

Das sei schon deswegen keine gute Lösung, weil die Hauptstraße viel von Fußgängern und Radfahrern genutzt werde, um die vielbefahrene Bachstraße zu meiden, so Bürgermeister Sven Müller: „Auch diese Verkehrsteilnehmer müssen in einem Verkehrskonzept berücksichtigt werden.“