Winterbach

Proteste im Iran: Wie Saghi Zare in Winterbach mitleidet und für Freiheit singt

Iranerin
„Die Sonne braucht kein Kopftuch“: Saghi Zare nutzt die sozialen Medien, um die Proteste im Iran zu unterstützen. © ALEXANDRA PALMIZI

Seit Tagen gibt es in vielen Städten im Iran Unruhen und Straßenkämpfe, die Polizei geht mit brutaler Gewalt gegen Demonstrationen vor. Deren Auslöser war der Tod einer jungen Frau, Mahsa Amini, die verhaftet wurde, weil sie den Hijab, die Verschleierung ihrer Haare, nicht richtig trug. Saghi Zare verfolgt das Ganze von Winterbach aus und schläft seitdem kaum noch.  Die 26-Jährige floh 2015 aus dem Iran und vor den ihr Leben erstickenden Zwängen. „Weil ich nicht singen durfte“, sagt sie. Nun versucht sie, die neu entfachte Freiheitsbewegung aus der Ferne zu unterstützen. Ein Instagram-Video von ihr und einer Freundin ging zuletzt viral und wurde mehr als eine Viertelmillion Mal angeklickt.

Es ist nicht das erste Mal, dass es im Iran Unruhen und Demonstrationen gegen das islamistische Mullah-Regime gibt, zuletzt 2019. „Dieses Mal ist es anders“, meint Saghi Zare. Sie sitzt in einem Café in Winterbach und erzählt, wie sie von der Schule flog, weil sie nicht aufhörte, zu singen. Und sie spricht über die menschen- und vor allem frauenverachtenden Gesetze im Iran. Sie redet darüber, obwohl sie im Internet Todesdrohungen erhält, weil sie will, dass die Welt hinschaut und den von ihr erhofften Sturz des Regimes unterstützt.

Frauen im Iran: Weniger Rechte als Bienen in Deutschland

Eine Biene in Deutschland hat mehr Rechte als eine Frau im Iran – mit diesem verblüffenden Vergleich will Saghi Zare verdeutlichen, wie krass die Kluft zwischen einem aufgeklärten Rechtsstaat und dem islamistischen Gottesstaat ist. Während eine Biene hierzulande unter Naturschutz stehe und es verboten sei, sie zu töten, sei es im Iran so: „Wenn du ein Mann bist und eine Tochter hast, darfst du sie umbringen, einfach weil du ihr Vater bist“, sagt sie. Ihr Vater sei anders. Aber die Behörden hätten ihr am Ende alles untersagt, den Schulbesuch, ein Studium. Aus dem simplen Grund, dass sie nicht aufhörte, öffentlich zu singen. Auch das Singen ist Frauen im Iran verboten, zumindest solo. Nur in Chören oder als Background-Sängerinnen ist es erlaubt.

Es gebe keine iranische Frau, die nicht mindestens schon einmal im Leben Probleme mit der Polizei gehabt habe, meint Saghi Zare. „Die kontrollieren alles, die hassen Frauen.“ Ihre Mutter sei auch einmal wegen ihres Hijabs verhaftet und dabei mit Pfefferspray ausgeknockt worden.

Saghi Zare selbst eckte immer wieder an, wie sie erzählt. Es liege in der Familie. Schon ihr Name ist ein Statement. Ihr Großvater habe gesagt: Das Mädchen soll auf keinen Fall einen islamischen Namen haben. Saghi sollte es sein, das bedeute aus dem Persischen übersetzt in etwa „Eine schöne Frau gibt/schenkt Wein“, sagt sie. Und Wein zu trinken, das ist verboten. Auf dem Amt hätten die Behörden zu dem Namen erst gesagt: Das geht nicht. Aber ihr Vater habe ihnen schließlich genug Geld gegeben.

Heimlicher Gesangsunterricht

Mit zehn Jahren bekam Saghi Zare Gesangsunterricht, heimlich. Offiziell lernte sie Gitarre. In der Schule fiel sie nicht nur wegen ihres Namens auf, sondern weil sie sich nicht an das Singverbot hielt. Als ein Video von ihr die Runde machte, wurde sie rausgeworfen. Ihren Eltern erzählte sie erst nichts davon, fast ein Jahr lang habe sie es geheim gehalten, sagt sie. Jeden Morgen habe ihre Mutter ihr Essen für die Schule mitgegeben, sie sei gegangen und unter dem Dach im Treppenhaus gesessen, bis sie wieder in die Wohnung konnte. „Ich habe mich so geschämt.“ Sie nahm Tabletten. Einmal sei sie deswegen im Koma gelegen.

Doch der Drang, zu singen, der Traum, als Sängerin aufzutreten, die blieben. Mit 18 Jahren bewarb sie sich für eine Talentshow bei Manoto, einem persisch-sprachigen, internationalen Sender mit Sitz in London. Mit Erfolg: „Die haben gesagt, du kannst in 20 Tagen hierherkommen.“ Für Saghi war klar: „Ich muss da hin.“Aber: Es war unmöglich, so schnell ein Visum für die Reise nach England zu bekommen. Das hätte Minimum drei Monate gedauert, erzählt sie. In ihrer Verzweiflung hörte sie auf, zu essen und zu trinken. Schließlich habe ihr Vater gesagt: „Wir nehmen einen anderen Weg.“

Saghi und er flogen in die Türkei, wozu sie kein Visum brauchten, um von dort nach Europa zu kommen. In London allerdings kamen sie nie an. Es war November 2015, in Paris gab es Terroranschläge, da seien die Grenzen geschlossen worden, erzählt Saghi Zare. So blieben sie in Deutschland und beantragten hier Asyl.

Sieben Jahre später spricht Saghi Zare sehr gut Deutsch, macht eine Pflege-Ausbildung im Winterbacher Awo-Pflegeheim – hat aber immer noch keine richtige, dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Sie und ihr Vater sind nur auf Zeit geduldet, ihr Asylantrag wird nicht anerkannt. Sie leben mit der Sorge, irgendwann wieder zurückgeschickt zu werden. „Es tut mir echt weh, dass niemand meinen Asylgrund akzeptiert.“ Das Gericht sage: Sie könne das Singen ja einfach lassen, dann könne sie ja im Iran leben. Doch dieses Leben ist für sie unvorstellbar: „Das ist, wie wenn jemand sagt: Du darfst deinen Fuß nicht benutzen.“

Dankbar für die Freiheit

Auf der anderen Seite ist sie den Deutschen dankbar für alles, für die generelle Offenheit und Freundlichkeit ihr gegenüber, für die Freiheit, die sie hier hat. Die Freiheit, die sie jetzt nutzt, um aktiv die Proteste im Iran zu unterstützen. Ihre Hoffnung, dass sich das Land verändern könnte, dass die Mullahs und ihr Machtapparat stürzen, ist groß. Das Regime versucht, die Menschen niederzuknüppeln und niederzuschießen, bisher gehen sie trotzdem auf die Straßen. Eine Aussicht auf den Wandel sehen auch Beobachter wie der Schriftsteller und Geschichtswissenschaftler Arash Azizi, der in den USA lebt. Gegenüber unserer Zeitung sagte er dieser Tage: „Wir sehen eine schnelle Erosion der gesellschaftlichen Basis für das Regime.“ Er sagt aber auch: Das volle Potenzial der Gewalt sei noch nicht entfaltet. „Vielleicht erschießen sie morgen auf einen Schlag 200 Leute, und alle gehen nach Hause.“

Nach allem, was sie durchgemacht und erlebt habe, sagt Saghi Zare, sei die Situation derzeit das Schlimmste. „Ich denke manchmal, mein Herz bleibt stehen, ich kann nicht richtig atmen. Ich sehe im Internet, wie sie die Menschen umbringen.“ Sie schlafe kaum, schrecke aus Alpträumen hoch. Obwohl sie weit weg ist, versucht sie etwas beizutragen zum Kampf der Menschen im Iran. Einerseits auf der Straße: In Stuttgart ging sie mit Landsleuten demonstrieren. Mit einem Plakat und einer iranischen Fahne stellte sie sich außerdem mitten auf das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen, um auf die Vorgänge im Iran aufmerksam zu machen.

Daneben findet ihr Kampf um Aufmerksamkeit im Internet statt. Sie hat zum Beispiel einen Account mit 26.500 Followern auf Instagram. In einem dort geteilten Video singt sie mit ihrer Freundin, der Musikerin Yasamin Saleki, die in Hamburg lebt, einen Song des ebenfalls im Exil lebenden iranischen Sängers Ebi. Es gehe darin um den Freiheitskampf im Iran, sagt sie, es heiße zum Beispiel: „Die Sonne braucht kein Kopftuch, sie ist nicht wie ihr so dunkel im Herzen.“ Das Video wurde seit 16. September 259.000 Mal auf Instagram angeklickt.

Die sozialen Medien spielen eine wichtige Rolle bei den Protesten, obwohl das Regime Apps und Seiten wie Facebook oder Instagram sperrt oder sogar den Internetzugang der Menschen komplett blockiert. Für Saghi Zare geht es auch darum, weltweit Aufmerksamkeit herzustellen, damit von außen politischer Druck ausgeübt wird. Bisher, so ihr Gefühl, sind die Vorgänge im Iran an vielen Deutschen noch vorbeigegangen.

„Das war mal ein offenes Land“

Beim Gespräch im Café in Winterbach dreht sich plötzlich eine Frau um, die am Nebentisch mit ihrem Sohn sitzt. Sie habe aufmerksam zugehört, sagt sie, denn sie stamme selbst aus dem Iran. Ihre Eltern seien mit ihr von dort weggegangen, als sie drei Jahre alt war, nachdem die islamische Revolution Ende der 1970er Jahre alles veränderte. „Das war mal ein offenes Land, Frauen sind in kurzen Röcken und ohne Kopftuch rumgelaufen“, sagt sie. Sie war selbst mit 17 während der Sommerferien einmal zu Besuch bei der Familie. Ein wunderschönes Land, aber: „Du darfst als Frau nicht mal mit deinem Freund auf die Straße, du musst verheiratet oder verlobt sein. Als Jugendliche hast du keine Möglichkeit, dich frei zu bewegen.“ Alles werde überwacht, ständig werde man kontrolliert. „Ich wünsche den Leuten, dass es wieder so wird wie früher.“ Saghi Zare jedenfalls glaubt fest daran.

Seit Tagen gibt es in vielen Städten im Iran Unruhen und Straßenkämpfe, die Polizei geht mit brutaler Gewalt gegen Demonstrationen vor. Deren Auslöser war der Tod einer jungen Frau, Mahsa Amini, die verhaftet wurde, weil sie den Hijab, die Verschleierung ihrer Haare, nicht richtig trug. Saghi Zare verfolgt das Ganze von Winterbach aus und schläft seitdem kaum noch.  Die 26-Jährige floh 2015 aus dem Iran und vor den ihr Leben erstickenden Zwängen. „Weil ich nicht singen durfte“, sagt sie. Nun

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