Winterbach

Querkopf, Weinbau-Pionier und engagierter Kommunalpolitiker, aber nie ein Spaziergänger: Jürgen Ellwanger wird 80

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Jürgen Ellwanger: „Sag mal, spinnt dei Jonger?“ © Benjamin Büttner

Eins zieht sich wie ein roter Faden durch Jürgen Ellwangers Leben: Immer wieder stempelten ihn die Leute als Spinner ab. Und immer wieder wurde hinterher klar: Er hatte recht, mit dem, was er tat. Er hat nur weiter gedacht als andere oder hatte den Mut, neue Entwicklungen, die sich abzeichneten, aufzugreifen. An diesem Dienstag wird der Winterbacher 80 und gilt als Visionär, der an den großen Entwicklungen im deutschen Weinbau maßgeblich beteiligt war. Er baute als Erster in Deutschland Zweigelt an und setzte als einer der Ersten auf den Barrique-Ausbau. Dabei musste er sich oft gegen erhebliche Widerstände durchsetzen, weil er mit vielem brach, was im Remstäler Weinbau als Naturgesetz galt – auch gegen seinen eigenen Vater.

Mut und Unangepasstheit der Familie Ellwanger

Das Weingut der Ellwangers ist ein bauliches Zeugnis des Muts und der Unangepasstheit dieser Wengerter-Familie. Die neue Kelter, die sie vor etwas mehr als drei Jahren eingeweiht haben, ist ein absoluter Hingucker an der Winterbacher Ortsdurchfahrt, die Fassade an den Längsseiten und die Dachflächen ganz in rostrotem Cortenstahl. Der Bau war auch so ein Ding, über das viele anfangs den Kopf schüttelten, das sich aber im Grunde, so unkonventionell und ungewohnt sein Anblick zuerst sein konnte, perfekt einfügt – und von der Architektenkammer Baden-Württemberg für beispielhaftes Bauen geehrt wurde.

Dahinter, etwas zurückgesetzt von der Straße, liegt der beschauliche Hof mit dem Fachwerkhaus, ein klassisch-schönes Schmuckstück. Dieses gehörte nicht zum ursprünglichen, landwirtschaftlichen Anwesen der Familie, es war das Nachbarhaus. Als es zum Verkauf stand, erwarb es Jürgen Ellwanger Anfang der 90er Jahre – und verhob sich damit beinahe finanziell. „Da hatte ich schlaflose Nächte“, sagt er im Rückblick. „Mein Vater schrie: Jetzt isch alles heh!“ Es war nicht das einzige Mal, dass Gottlob Ellwanger das Grausen packte über das, was sein Sohn anstellte – auf das er später aber wie auf so vieles andere stolz war. „Er war der Erste, der nachher Gäste durch das neue Haus führte“, sagt Jürgen Ellwanger.

Was man nach all den Jahrzehnten leicht vergisst: Die Ellwangers sind gar keine Winterbächer, das heißt, keine Ureinwohner des Ortes. Jürgen Ellwanger ist in Stuttgart geboren, wuchs dann in Waiblingen und Großheppach auf und kam mit der Familie, wie er erzählt, erst als Achtjähriger nach Winterbach, 1949 war das. Der Stamm der Familie liegt in Großheppach, wo der erste urkundliche Ellwanger Anfang des 16. Jahrhunderts den ersten eigenen Wein herstellte. Nikodemus hieß der Urahn, und er war möglicherweise auch schon ein Querkopf. Als Bürgermeister soll er inhaftierte Anführer des Aufstands gegen Herzog Ulrich freigelassen haben.

Immer wieder Politiker unter Ellwangers Ahnen

Jürgen Ellwangers Großvater Johannes gründete 1941 in Großheppach den Vorläufer der Remstalkellerei mit. Aber nicht nur im Weinbau waren die Ellwangers aktiv, auch nach Nikodemus gab es immer wieder welche, die sich in der Politik einen Namen machten. Jürgen Ellwanger war selbst 25 Jahre lang Gemeinderat in Winterbach für die Bürgerliche Wählervereinigung (1980 bis 2004) und danach noch bis 2014 zwölf Jahre Kreisrat für die Freien Wähler.

Er hat an vielen wegweisenden und wichtigen kommunalpolitischen Entscheidungen mitgewirkt und dabei auch immer wieder ungewöhnliche Sichtweisen und Ideen eingebracht. Wahrlich Großes hat der 80-Jährige aber als Wengerter vollbracht. „Ich habe viele Epochen durchgemacht“, sagt er. „Der Wandel war so groß, das konnte man sich vor 40 oder 50 Jahren nicht vorstellen.“ Jürgen Ellwanger war im Remstal und deutschlandweit bei vielen Epochen dieses Wandels ganz vorne dabei, er war Wegbereiter und Vorbild für andere.

In Winterbach hatte die Familie zunächst einen landwirtschaftlichen Mischbetrieb, in dem der Weinbau nur ein kleiner Teil war. „Dort a Tröpfle, sell a Tröpfle, des gibt au a Bächle“, sei das Motto gewesen, sagt Jürgen Ellwanger. Als junger Mann, Anfang 20, begann er, den Betrieb umzukrempeln, die Ellwangers stellten ganz auf Weinbau um.

„Ich habe mit meinem Vater oft gestritten“, erinnert er sich. Zum Beispiel, als er mit Barrique-Weinen, also dem Ausbau im möglichst kleinen Eichenfass, angefangen habe: Da sei der Weinkontrolleur im Haus gewesen, einer der zahlreichen strengen Hüter der Tradition und des Althergebrachten zu der Zeit, und sein Vater habe den Mann unterstützt. „Gegen den Widerstand musste ich immer kämpfen“, sagt Jürgen Ellwanger. Dabei hat er einfach auf den Markt geschaut und hat auf die Entwicklungen reagiert, wie er es im Rückblick beschreibt. „Ich habe immer in den Weinhandlungen geguckt: Was will der Kunde?“ Und dann habe er sich gesagt: „Wenn die größten, feinsten Weine im Barrique erzeugt werden, dann muss ich reagieren. Ich kann doch nicht weiter das machen, was bei meinem Großvater gut war, wenn die Leute was anderes wollen.“

Steine im Wengert? „Da ist mein Vater durchgedreht“

Als einer der Ersten ließ Jürgen Ellwanger die damals kahlen Weinbergböden wieder grün werden. „Schlamper“ habe man ihn damals genannt. Heute lassen längst alle wieder Pflanzen zur Bodenverbesserung auf den Hängen wachsen.

Ende der 1970er Jahre war Jürgen Ellwanger der Erste in Deutschland, der systematisch Zweigelt-Reben anbaute. Später lernten er und seine Frau im Urlaub in der Schweiz den Syrah schätzen. „Das hat uns so gut geschmeckt, dass wir gesagt haben, den pflanzen wir für uns“, erzählt er. Für die edle Rebsorte legte Jürgen Ellwanger Steine in den Weinberg, als Wärmespeicher. Ein Frevel: „Da ist mein Vater durchgedreht.“ Man müsse dazu verstehen: „Jahrelang hat man alle Steine rausgetragen, jetzt kippe ich die wieder rein.“ Er sagte seinem Vater erst gar nichts von seinem Vorhaben, aber natürlich bekam der es mit, als ihn jemand fragte: „Sag mal, spinnt dei Jonger?“

Wie so oft war Gottlob Ellwanger dann jedoch stolz, als die Erfolge kamen, die Auszeichnungen und Preise, die das Weingut über die Jahrzehnte in Serie gesammelt hat. 2009 kam das Bundesverdienstkreuz für Jürgen Ellwanger dazu. „Solche Auszeichnungen sind die Bestätigung für die Arbeit, die man macht“, sagt er – und erzählt auch gerne, dass der gestrenge Weinkontrolleur, mit dem er so zu kämpfen hatte, ihn 40 Jahre später angerufen und sich entschuldigt habe: „Ich habe noch nie einen so guten Wein getrunken wie Ihren.“

Heute hält sich Jürgen Ellwanger weitgehend raus aus dem Geschäft, das schon lange seine Söhne Jörg und Felix führen. Der dritte Sohn, Andreas, gründete mit seiner Frau Dorothea das Weingut Doreas. Der 80-jährige Patron der Familie arbeitet dennoch selbst noch immer mit. „Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich arbeiten darf“, sagt er. Bewegung und körperliche Betätigung brauche man im Alter, sonst werde man dick und träge. „Aber ich würde mich nicht wohlfühlen, durch den Ort spazieren zu laufen.“ Zu seinen alten Schulkameraden sage er immer: „Ich darf schaffa, ihr müsst spazieren laufen, dass ihr euch bewegt.“ Nein, ein Spaziergänger war Jürgen Ellwanger wahrscheinlich nie.

Eins zieht sich wie ein roter Faden durch Jürgen Ellwangers Leben: Immer wieder stempelten ihn die Leute als Spinner ab. Und immer wieder wurde hinterher klar: Er hatte recht, mit dem, was er tat. Er hat nur weiter gedacht als andere oder hatte den Mut, neue Entwicklungen, die sich abzeichneten, aufzugreifen. An diesem Dienstag wird der Winterbacher 80 und gilt als Visionär, der an den großen Entwicklungen im deutschen Weinbau maßgeblich beteiligt war. Er baute als Erster in Deutschland

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