Winterbach

Schatten über dem sonnigen Winterbach: Das Image der Vorreiter-Kommune bei der Solar-Energie bröckelt

PhotovoltaikPflegeheim
Die Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach des Winterbacher Pflegeheims gibt es schon lange. © Gaby Schneider

Auf jedem Dach im Ort eine Solaranlage! Das ist das ehrgeizige Ziel, das der Förderverein für erneuerbare Energien Winterbach, kurz Feewi, schon vor langer Zeit ausgegeben hat. Der Verein hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren viel vorangetrieben im Ort – zusammen mit der Gemeinde. Der Anspruch mit den Solardächern findet sich sogar im offiziellen Logo der Kommune wieder: „Sonniges Winterbach“ steht überall auf offiziellen Seiten und Dokumenten, das Adjektiv umkränzt wie Sonnenstrahlen das Ortswappen. Doch die Realität sieht mittlerweile anders aus. Während sich zum Beispiel Alfdorf durch die Zahlen der installierten Fotovoltaik-Anlagen als Solarmetropole des Kreises fühlen darf, liegt Winterbach in dieser Rangliste im hinteren Drittel der Rems-Murr-Gemeinden.

Warum ist Winterbach so ins Hintertreffen geraten? Eine direkte, schlüssige Antwort hat darauf im Ort niemand so richtig. Einfache Erklärungsversuche greifen bei genauerer Betrachtung nicht.

Wo steht Winterbach im Vergleich und was sind die Reaktionen?

Beim Feewi hat man den Artikel in unserer Zeitung vor einigen Wochen nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Unter dem Titel „Alfdorf ist Solarmetropole im Kreis“ war aus Sicht der engagierten Förderer der erneuerbaren Energien in Winterbach der Grafik mit dem Vergleich der Rems-Murr-Gemeinden Enttäuschendes zu entnehmen. Während Alfdorf an der Spitze mit einer installierten Leistung pro Einwohner von 1035 Watt glänzt, fand sich Winterbach mit seinen 279 Watt pro Einwohner recht weit hinten im Feld wieder, etwa auf einer Stufe mit Remshalden oder Urbach – die aber im Gegensatz zu Winterbach nicht mit einem besonders sonnigen Image für sich werben.

„Wir haben immer gemeint, wir sind gut“, sagt Hermann Pikal vom Feewi. Und der stellvertretende Vereinsvorsitzende Michael Barner meint: „Man hat sich vielleicht zu sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht.“

Der Feewi hat jetzt eine Fotovoltaik-Initiative gestartet und will das Thema wieder verstärkt antreiben. „Wir sind gerade dabei zu erkunden, auf welchen Winterbacher Dächern man noch was machen kann“, sagt Michael Barner. Das Ziel ist ein Kataster mit gezielten Handlungsempfehlungen für Hausbesitzer.

Dabei steht die Gemeinde selbst aus Sicht von Bürgermeister Sven Müller nicht schlecht da: Auf den meisten kommunalen Gebäuden seien Fotovoltaik-Anlagen vorhanden. „Es gibt nicht mehr viele freie Flächen“, sagt er. Wo es möglich gewesen sei, finde man sie schon. Auf den Rathäusern im historischen Ortskern sei es zum Beispiel aus Denkmalschutz-Gründen nicht möglich. Wenn es nun um die Frage gehe, wo vielleicht noch nachgerüstet werden könne, dann sei die Frage der Wirtschaftlichkeit wichtig. „Man müsste schauen, wo der Strom auch genutzt und verbraucht werden kann“, so Müller. Er spricht, von „vielleicht ein oder zwei Gebäuden“, wo noch etwas möglich sein könne.

Veränderte Bedingungen: Für wen lohnt sich eine Fotovoltaik-Anlage?

Die Wirtschaftlichkeit ist natürlich immer der Knackpunkt, nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für jeden privaten Hausbesitzer – und für Gewerbebetriebe noch mehr. Durch den Rückgang der Einspeisevergütung und andere Faktoren wie bürokratische Komplikationen ist es über die Jahre immer unattraktiver geworden in eine Fotovoltaik-Anlage als Geldanlage zu investieren.

„Das Entscheidende ist: Ich muss mir heute eine Fotovoltaik-Anlage für den Eigenverbrauch aufs Dach machen“, sagt Michael Barner. Den Sonnenstrom selbst zu nutzen, das sei heute der Sinn und Zweck so einer Anlage. Sprich: Wer sich Solarzellen aufs Dach legt, der braucht auch eine Speicherbatterie im Haus, wo er dann in sonnenarmen Zeiten den Strom wieder herausziehen kann. Zum Beispiel für eine Wärmepumpe oder zum Laden von Elektro-Fahrzeugen.

Michael Barner ist von Beruf Energieberater. Er sagt: Eigentlich stoße er immer auf offene Ohren, wenn er den Leuten eine Fotovoltaik-Anlage ans Herz lege. Er habe nicht den Eindruck, dass in Winterbach eine Art Ausbaustopp eingetreten sei.

Warum sollte man vielleicht nicht nur aufs Geld schielen?

„Es kommt immer die Frage: Lohnt sich’s?“, sagt Barner. Dazu hat er eine klare Antwort, die mit finanziellen Erwägungen gar nichts zu tun hat: „Wir befinden uns im Klimawandel – da müssen wir was tun.“ Heißt: „Man muss jetzt einfach mal die Prioritäten richtig setzen, um unseren nachfolgenden Generationen die Erde so zu hinterlassen wie wir sie vorgefunden haben.“ Wenn man da als Bürger seinen Beitrag leisten könne, indem man zum Beispiel eine Fotovoltaik-Anlage aufs Dach baue: „Dann sollte man vielleicht nicht auf die letzte Kopeke gucken.“ Außerdem laufe ja gerade bei den Autos alles auf die Elektrifizierung hinaus. „Da ist es das Naheliegendste, sich so eine Anlage aufs Dach zu schrauben.“ Die Batterie des E-Fahrzeugs sei dann der Speicher für die Sonnenergie.

Für Bürgermeister Sven Müller ist Klimaschutz das „omnipräsente Thema“, das auch auf die Lokalpolitik ganz stark zukomme. Kürzlich sagte er im Gemeinderat: „Wir werden versuchen, Schwerpunkte und Nadelstiche zu setzen.“ Und er kündigte den Räten an: „Damit werden wir vor der Sommerpause noch zu Ihnen kommen, wie wir in der Gemeinde mit dem Thema umgehen.“Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt Müller: Als Kommune brauche man bei dem Thema auch professionelle Hilfe, das Stichwort Klimamanager fällt, ein Förderprogramm, über das einige Kommunen auch in der Umgebung schon eine Stelle im Rathaus geschaffen haben. „Ich kann mir das auch interkommunal vorstellen“, so der Winterbacher Bürgermeister. Es gebe dazu Gespräche.

Fotovoltaik-Pflicht? „Wer soll das noch bezahlen?“

In Sachen Fotovoltaik kann die Gemeinde auf Privatleute bisher wenig Einfluss nehmen. Man könne zum Beispiel nicht bei Baugebieten eine Verpflichtung für Anlagen auf den Dächern in den Bebauungsplan schreiben, sagt Bürgermeister Sven Müller. So eine Vorgabe sei nur auf Grundstücken möglich, die der Gemeinde selbst gehören. Allerdings sieht der Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung von Grünen und CDU eine gesetzliche Verpflichtung für Fotovoltaik bei Neubauten vor.

Michael Barner vom Feewi sieht so eine Pflicht kritisch. „Für mich wäre es eigentlich besser, wenn man dem Bauherrn das nahebringen könnte, dass er das freiwillig macht“, sagt er. Die Pflicht, das ist immer ein bisschen die Methode mit dem Holzhammer.“ Man müsse bedenken, dass das Bauen ohnehin immer teurer werde: „Wer soll das noch bezahlen?“ Für effektiver hält er einen Bürokratie-Abbau und eine bessere Förderung.

Wie wurde Alfdorf zur Solarmetropole im Rems-Murr-Kreis?

Michael Barners These, dass es eine Fotovoltaik-Pflicht nicht braucht, bestätigt das Beispiel Alfdorf. Dort war der Elektromeister Kurt Abele mit seinem Engagement für die Solarenergie die maßgebliche treibende Kraft dafür, dass auf so vielen Dächern im 7000-Einwohner-Ort Anlagen installiert sind. Das zeigt, eigentlich ähnlich wie in Winterbach mit dem Feewi: Die Sonnenenergie braucht vor Ort Förderer und Fürsprecher – denn in der Bundespolitik fehlte ihr zuletzt die Lobby. Kurt Abele scheute dabei übrigens auch die Konfrontation mit der Politik der Bundesregierung von CDU und FDP nicht, als diese Einschnitte bei der Solarförderung vornahm. Dem Rems-Murr-Abgeordneten der CDU, Joachim Pfeiffer, warf er 2012 „Lobby-Zuarbeit“ für die Stromkonzerne vor, er verkaufe die Bevölkerung für dumm.

Auf jedem Dach im Ort eine Solaranlage! Das ist das ehrgeizige Ziel, das der Förderverein für erneuerbare Energien Winterbach, kurz Feewi, schon vor langer Zeit ausgegeben hat. Der Verein hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren viel vorangetrieben im Ort – zusammen mit der Gemeinde. Der Anspruch mit den Solardächern findet sich sogar im offiziellen Logo der Kommune wieder: „Sonniges Winterbach“ steht überall auf offiziellen Seiten und Dokumenten, das Adjektiv umkränzt wie Sonnenstrahlen

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