Winterbach

Schlamm im Lehenbachsee: Hochwasserschutz gefährdet

Lehenbachstausee
Der Lehenbachsee ist Biotop, Fischgewässer, vor allem aber das Hochwasserrückhaltebecken für Winterbach. © Alexandra Palmizi

Vor 57 Jahren wurde er errichtet, um Winterbach vor einem Hochwasser zu schützen, wie es statistisch alle tausend Jahre einmal vorkommt. Doch inzwischen ist der Lehenbachsee selbst zu einem Hochwasserrisiko für die Gemeinde geworden. Denn am Boden des Stausees haben sich über die Jahrzehnte viele Sedimente angesammelt. Deshalb hat der Winterbacher Gemeinderat jetzt einstimmig beschlossen, die Entschlammung des Sees zügig anzugehen.

Seit 1963 wurde der See noch nie entschlammt

Dazu hatte das Landratsamt die Gemeinde bereits mehrfach angemahnt – zum ersten Mal vor sechs Jahren. „Jetzt müssen wir’s machen“, sagte Bürgermeister Sven Müller bei der coronabedingt in der Lehenbachhalle stattfindenden Sitzung am Dienstagabend. „Denn das Amt hat uns nicht nur aufgefordert, sondern dazu verpflichtet.“ Es wäre das erste Mal, dass der 1963 errichtete See entschlammt wird. „Laut unserem Kenntnisstand ist das bislang noch nie passiert“, so Müller.

Sebastian Schneider, bei der Gemeinde unter anderem zuständig für den Hochwasserschutz, erläuterte, dass der Bau des Sees notwendig gewesen war, um die Winterbacher Ortslage vor Hochwasser zu schützen. Das mit einem Stauraum von 550 000 Kubikmetern recht groß dimensionierte Becken hat zwei Zuflüsse: den Lehen- sowie den Espenbach. Der See dient nicht nur als Rückhaltebecken, sondern ist auch ein Biotop und Fischgewässer.

Die Wassertiefe liegt im Schnitt nur noch bei zwei Metern

Zwei Absetzbecken, die regelmäßig ausgebaggert werden, sollen die Sedimente eigentlich vom Becken fernhalten. Was jedoch nicht gänzlich gelinge. Und dazu führe, dass der See inzwischen keine ausreichende Wassertiefe mehr für Fische habe und auch der Hochwasserschutz nicht mehr voll gegeben sei. Statt ursprünglich vier bis sechs Metern sei das Becken momentan nur noch im Schnitt zwei Meter tief. „Im schlimmsten Fall könnte der See zu- und dann überlaufen“, sagte Schneider.

Um dies zu verhindern, habe die Gemeinde Dammbalken aufgebracht, die den Wasserspiegel vorübergehend hochhalten können. Das Landratsamt hält diese jedoch für unzulässig. Denn Holzbalken, so Schneider, können verfaulen und sich verschieben. Diese könne man jedoch erst entfernen, wenn der See abgelassen werde.

Bürgermeister Müller: "Das ist für uns alle Neuland"

Unterstützung bei den nun anstehenden Maßnahmen am See bekommt die Gemeinde vom Stuttgarter Ingenieurbüro Winkler und Partner, das mit dem Lehenbachsee vertraut ist und regelmäßig Entschlammungen wie diese durchführt. Für das Gutachten sind Kosten von rund 40 000 Euro veranschlagt. Diese fachliche Begleitung sei erforderlich, weil das Bauamt nicht genügend Kapazitäten und auch nicht genügend Erfahrung habe. „Das ist für uns alle Neuland“, sagte Bürgermeister Müller.

Wenn das Becken leer ist, werde man zusätzlich das Bauwerk betrachten und dessen Substanz begutachten, ergänzte Schneider. Das sei zuletzt 2007 geschehen, als das Becken abgelassen wurde.

Frühestens in diesem Winter könnte der Schlamm entfernt werden

Noch hat die Verwaltung einige offene Fragen zum Lehenbachsee: Wann soll abgefischt werden? Welche artenrechtlichen Auflagen gibt es? Wie und wann sind die Teichmuscheln umzusetzen? Und vor allem: Was passiert mit dem Schlamm? Darf er auf Winterbacher Äckern entsorgt werden? Und wenn ja, unter welchen Auflagen?

„Wenn wir diese zentralen Fragen zeitnah klären, könnten wir die Maßnahme diesen Winter durchführen, realistischer erscheint mir aber der Winter 2021/22“, sagte Sven Müller. Dieses und kommendes Jahr sind für die Entschlammung jeweils 100 000 Euro im Haushalt eingestellt. Diese Kosten muss die Kommune selbst übernehmen. Fördermittel gebe es nur, sofern zusätzlich Maßnahmen am Bauwerk anfallen sollten, stellte der Bürgermeister klar, der dies ein „sehr, sehr wichtiges Projekt für Winterbach“ nannte. Denn „wir wollen alle nicht, dass das Lehenbachtal überflutet wird“.

Noch ist unklar, wo und wie der Schlamm aus dem See entsorgt wird

Die Bedeutung der Maßnahme war auch CDU-Rat Klaus Junge bewusst, der jedoch meinte: „Aus meiner Sicht reicht der eingestellte Betrag hinten und vorne nicht. Ich habe Bedenken, dass wir im Haushalt Probleme bekommen, gerade mit Blick auf die Zukunft und die sehr harten Zeiten, die auf uns zukommen.“

Die Maßnahme werde keine großen Probleme im Haushalt mit sich bringen, versicherte indes Bürgermeister Müller auf einen Haushaltsrest aus dem Jahr 2019 verweisend, mit dem dann eine Gesamtsumme von rund 300 000 Euro für die Entschlammung zur Verfügung stehe.

„Wo kommt die Erde hin?“, fragte sich BWV-Rat Andreas Uetz. „Das ist das A und O. Sonst geht es finanziell ins Unermessliche.“ Genau diese Frage muss erst noch geklärt werden. SPD-Rat Klaus-Dieter Hölzle wollte wissen, ob der Seeschlamm im Wald entsorgt werden könne. Diese Möglichkeit gibt es laut Verwaltung nicht, obwohl die Sedimente ursprünglich aus dem Wald kommen. „Die Schutzvorschriften sind inzwischen so hart, dass wir froh sein müssen, wenn wir den Schlamm auf landwirtschaftlichen Flächen ausbringen können“, so Bürgermeister Sven Müller.

Vor 57 Jahren wurde er errichtet, um Winterbach vor einem Hochwasser zu schützen, wie es statistisch alle tausend Jahre einmal vorkommt. Doch inzwischen ist der Lehenbachsee selbst zu einem Hochwasserrisiko für die Gemeinde geworden. Denn am Boden des Stausees haben sich über die Jahrzehnte viele Sedimente angesammelt. Deshalb hat der Winterbacher Gemeinderat jetzt einstimmig beschlossen, die Entschlammung des Sees zügig anzugehen.

Seit 1963 wurde der See noch nie

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