Winterbach

Ukrainerin Oksana Mirpour in Winterbach: Ein Dankesbrief und Angst um die Heimat

Ukrainische Familie
Vira Kernychna, Mira und Oksana Mirpour (von links): „Ich kenne definitiv die Namen der Schutzengel unserer Familie.“ © ALEXANDRA PALMIZI

In einer der letzten Ausgaben ihres Mitteilungsblatts in diesem Jahr konnten die Winterbacherinnen und Winterbacher einen langen Brief einer ukrainischen Frau lesen. Dahinter steckt Oksana Mirpour, die mit ihrer Mutter, ihrer fünfjährigen Tochter und der Familie ihres Bruders in der Steinbruch-Siedlung auf dem Engelberg untergekommen ist. Mit unserer Zeitung sprach sie jetzt über ihre Erlebnisse und wie sie die Lage in ihrer Heimat wahrnimmt. Der Krieg werde noch lange dauern, fürchtet die 39-Jährige. Verhandlungen mit Putin stehen für sie überhaupt nicht zur Debatte.

Auf dem Sofa in ihrem mit gespendeten Möbeln eingerichteten Wohnzimmer schüttelt Oksana Mirpour den Kopf. Immer wieder bekomme sie zu hören: Aber man müsse doch mit Putin reden. „Über was?“ fragt sie dann. „Noch mehr Ukrainer zu töten? Es ist wichtig, dass die ganze Welt versteht: Putin ist ein Terrorist und man muss ihn stoppen.“ Normale Worte verstehe er nicht, nur Stärke. Wie solle die Ukraine mit ihm reden, „wenn er sagt, es gibt keine Ukraine, keine ukrainische Kultur und keine ukrainische Geschichte. Er lebt in seiner eigenen Welt.“ Sie sei überzeugt, dass ständig verschiedene Leute probieren würden, mit Putin zu reden. „Aber er bombt mehr und mehr.“

In kurzer Zeit sehr gut Deutsch gelernt

Oksana Mirpour drückt das alles in einem flüssigen, sehr guten Deutsch aus, ziemlich beachtlich, wenn man bedenkt, dass sie nicht einmal ein Jahr hier ist. In der Schule habe sie mal Deutsch gelernt, aber seither eigentlich alles wieder vergessen, sagt sie. Sie versuche einfach, sehr viel zu sprechen, mit allen möglichen Leuten, das sei das Geheimnis. „Ich habe keine Angst, Deutsch zu sprechen“, sagt sie.

Wie kam Oksana Mirpour mit ihrer Familie gerade nach Winterbach? Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine Ende Februar 2022 flohen sie wie so viele, um ihr Leben zu retten. Sie lebten in Poltawa, einer Stadt mit rund 300.000 Einwohnern, etwa 140 Kilometer südwestlich von Charkiw. Dort ließen sie fast alles zurück. Mit nur wenigen Habseligkeiten, die in einen kleinen Rucksack passen, machten sie sich mit dem Bus auf den Weg in Richtung Westen. 40 Stunden lang dauerte die Fahrt nach Lwiw. „Das war sehr gefährlich“, erinnert sie sich. "Alle Wege und Straßen waren voll mit Autos und Bussen.“

Nach zwei Tagen die erste warme Mahlzeit

Von Lwiw gingen sie neun Stunden lang zu Fuß nach Polen und landeten in dem Dorf Korczowa, direkt hinter der Grenze. Zum ersten Mal seit zwei Tagen bekamen sie dort eine warme Mahlzeit, konnten sich etwas ausruhen und trafen auf Helfer aus ganz verschiedenen Ländern. „Da waren auch Leute aus Winterbach, von der evangelischen Kirche“, sagt Oksana Mirpour. Diese nahmen sie in einem Kleinbus mit nach Deutschland. Es sei ihnen damals egal gewesen, wohin sie gehen. „Wir wollten nur Sicherheit haben.“

Erst seien sie in Winterbach in einem Haus untergekommen, dessen Besitzer gerade in den USA gewesen seien. Dann konnten sie in die vom Engelberger Schulverein zur Verfügung gestellten Wohnungen in der Siedlung im Steinbruch ziehen. „Sechs Familien aus der Ukraine leben hier“, erzählt Oksana Mirpour. Sie wohnt mit Tochter Mira, Mutter Vira Kernychna und der Frau ihres Bruders mit deren beiden Töchtern in einer Fünfzimmer-Wohnung.

„Wir leben sehr gerne hier, wir fühlen uns wohl und sind sehr zufrieden.“ Die Natur drum herum sei sehr schön und die Leute sehr nett. Mira besucht den Waldorf-Kindergarten, zu dem es nicht weit ist. Eine Familie stelle ihr bei Bedarf ihr Auto zur Verfügung, damit sie zum Einkaufen oder anderswohin fahren könne. Busse fahren auf den Engelberg eher selten.

Hilfe von "völlig unbekannten Menschen"

Mit dem Brief im Winterbacher Mitteilungsblatt wollte Oksana Mirpour nun ihre Dankbarkeit ausdrücken für all die Offenheit und bedingungslose Hilfe, die sie in Deutschland erfahren hat. Sie schreibt dort: „In der Zeit, in der nahe Nachbarn Ukrainer bombardieren, töten, vergewaltigen und ausrauben, helfen uns ferne, völlig unbekannte Menschen, die der ganzen Welt zeigen, was echte Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit und selbstlose Hilfe sind.“

Und weiter: „Man sagt, dass jeder Mensch seine Schutzengel hat. Ich kenne definitiv die Namen der Schutzengel unserer Familie. Menschen, die unsere Familie auf Kosten ihrer Nerven, Freizeit und Finanzen gerettet haben und uns weiterhin helfen.“

Mit Hilfe vieler Spenden, die sie bekommen, unterstützen die Ukrainer im Rems-Murr-Kreis auch die Leute in ihrer Heimat und vor allem die Soldaten an der Front. In einem vom Christlichen Zentrum Scala in Schorndorf zur Verfügung gestellten Raum treffen sie sich, erzählt Oksana Mirpour, um sogenannte Grabenkerzen und Tarnnetze aus Stoffresten herzustellen und andere Hilfsgüter zu verpacken. Die aus leeren Blechdosen, Paraffin und Pappe gemachten Kerzen brennen länger als gewöhnliche Kerzen und spenden viel Licht und Wärme. Wer die Aktion unterstützen will, kann sich bei Oksana Mirpour melden: 0151/72842660.

Nur vier Stunden Strom am Tag

Durch russische Angriffe auf die Infrastruktur sind viele Ukrainerinnen und Ukrainer ohne Heizung und Strom. Ihr Bruder in Poltawa habe derzeit nur vier Stunden Strom am Tag, sagt Oksana Mirpour. In anderen Gegenden sei es noch schlimmer.

Wann sie mit ihrer Familie zurückkann in die Heimat, steht für Oksana Mirpour in den Sternen. „Niemand weiß, wie lange der Krieg noch dauert.“ Viele hätten jetzt Angst, dass von Belarus aus ein Angriff erfolgen könnte. „Viele Zeitungen und Nachrichtensendungen sagen, das könnte passieren.“ Die Angst um ihren Bruder in Poltawa, andere Verwandte und Freunde sei immer da. „Unsere Gedanken sind mit der Ukraine: Wir schlafen ein und stehen auf mit Nachrichten von dort.“

In einer der letzten Ausgaben ihres Mitteilungsblatts in diesem Jahr konnten die Winterbacherinnen und Winterbacher einen langen Brief einer ukrainischen Frau lesen. Dahinter steckt Oksana Mirpour, die mit ihrer Mutter, ihrer fünfjährigen Tochter und der Familie ihres Bruders in der Steinbruch-Siedlung auf dem Engelberg untergekommen ist. Mit unserer Zeitung sprach sie jetzt über ihre Erlebnisse und wie sie die Lage in ihrer Heimat wahrnimmt. Der Krieg werde noch lange dauern, fürchtet die

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