Winterbach

Umgestaltung der Ortsmitte: Mehr Raum für Fußgänger

1/2
27e91f09-286d-437a-84a6-d8468055b8b3.jpg_0
Der Bauausschuss schaute sich vergangene Woche an, wie der Minikreisel in der Ortsmitte sicherer werden kann. Die hier zu Testzwecken liegenden Schwellen sollen fest installiert werden. © Büttner / ZVW
2/2
Winterbach Marktplatz mit Markt
Vergangenheit: So sah die Winterbacher Ortsmitte vor der Umgestaltung aus, als sie vor allem noch eine Ortsdurchfahrt war und Autofahrer mit Tempo 50 freie Bahn hatten, während Fußgänger zu den Stoßzeiten die Straße außerhalb des Überwegs mit Ampel kaum überqueren konnten. © Habermann / ZVW

Winterbach. Der Artikel in unserer Zeitung zu den Plänen der Gemeinde Winterbach für den Kreisel in der Ortsmitte hat in den sozialen Netzwerken im Internet zu Diskussionen geführt. Neben vielen beleidigenden und verächtlichen Kommentaren schält sich eine Fundamentalkritik an der Neugestaltung der neuen Ortsmitte heraus. Die Gemeinde sieht jedoch keinen Anlass, etwas daran zurückzudrehen.

Es ist die Frage, wie ernst man eine stammtischartige Diskussion auf Facebook nehmen muss, die vor allem aus Smileys und verächtlichmachenden Sätzen, gespickt mit beleidigenden Ausdrücken besteht (siehe Kommentar).

Eine solche Diskussion gab es zu dem Artikel unserer Zeitung über die geplanten warnfarbenen Rüttelschwellen für den Minikreisel an der Bahnunterführung in der Winterbacher Ortsmitte. Einige mehr oder weniger sachliche Kommentare waren auch dabei, die Fragen aufwerfen, die durchaus diskussionswürdig sind und die auf eine Fundamentalkritik an der Gestaltung der neuen Ortsmitte hinauslaufen, wie sie nach dem Umbau seit 2014 präsentiert.

Bauamtsleiter antwortet auf Kritik in Facebook-Diskussion

Ein Facebook-Kommentator erklärt das Verkehrskonzept zum Beispiel für „gründlich gescheitert“, es müsse überdacht werden. Zusammengefasst lauten die Kritikpunkte: Fehlende Parkplätze, „der Verkehrsfluss eine Katastrophe“, „Kreisverkehre, mit denen irgendwie niemand zufrieden ist“. Bauamtsleiter Rainer Blessing antwortet auf Anfrage unserer Zeitung auf die Kritikpunkte und kommt zu der klaren Aussage: „Dass das Verkehrskonzept gescheitert ist, weise ich entschieden zurück.“

Er erklärt, was hinter der Gestaltung der Ortsmitte steckt: „Das wichtigste Ziel war es, den Bürgerinnen und Bürgern mehr Aufenthaltsqualität und größere Fußgängerbereiche zu verschaffen.“ Früher parkten die Autos dicht an den Läden, vor der Apotheke waren nur 1,20 Meter Gehwegfläche frei. Trotz der Umgestaltung, so Rainer Blessing, seien nur zwei öffentliche Stellplätze weggefallen, die Parkplatzzahl also „nicht wesentlich verringert“.

„Es war damals völlig unmöglich, als Fußgänger die Ortsdurchfahrt zu überqueren" 

„Ein weiteres wichtiges Ziel der Umgestaltung der Ortsmitte war es, die Geschwindigkeit auf der Ortsdurchfahrt deutlich zu verringern“, sagt der Bauamtsleiter. Winterbach hat, vor allem zu den Stoßzeiten morgens und abends, viel Durchgangsverkehr zwischen Schurwald und B 29. Vor der Umgestaltung hätten es die Verkehrsbehörden abgelehnt, in der Ortsmitte Tempo 30 einzuführen, so Rainer Blessing. Nur durch den Umbau und die zwei neuen Kreisverkehre, hätte bei den Behörden ein Umdenken erreicht werden können.

„Es wird heute ganz vergessen, wie die Situation war, als man in der Ortsdurchfahrt noch 50 fahren durfte“, sagt Blessing. „Es war damals völlig unmöglich, als Fußgänger die Ortsdurchfahrt zu überqueren – vor allem für ältere Mitbürger und Kinder!“ Eine Ampel mit Überweg gab es damals nur an der Winterbacher Bank.

„Trend zum Dritt- und Viertauto“

„Der Schulweg ist durch den Umbau der Ortsmitte wesentlich sicherer geworden“, sagt Blessing. Heute gibt es zwischen den zwei neuen Kreisverkehren zwei Fußgängerüberwege. Auch der zweite Überweg sei vor dem Umbau von den Verkehrsbehörden immer wieder abgelehnt worden, so der Bauamtsleiter. Rainer Blessing sieht, was Verkehrsdichte und Parkplatzmangel angeht, kein Problem, das durch die Umgestaltung der Ortsmitte geschaffen wurde.

Einerseits wachse der Fahrzeugbestand durch den „Trend zum Dritt- und Viertauto“, andererseits stelle sich die Frage, „ob man denn zu Einkäufen in der Ortsmitte mit dem Auto kommt oder man diese Einkäufe fußläufig erledigt“.


Bürgermeister Sven Müller sagt analog zu seinem Bauamtsleiter (siehe Hauptartikel): Die Verkehrsdichte in Winterbach sei „kein Problem der Funktionalität der Ortsmitte, sondern ein gesellschaftliches Problem“. Es gebe immer mehr Autos und viele seien „nicht bereit, auch kurze Wege, zum Beispiel zum Bäcker oder zum Geldautomaten, zu Fuß zu nehmen“.

Müller kündigt allerdings an, dass für die zweite Jahreshälfte 2017 die Beauftragung einer Verkehrskonzeption vorgesehen ist. Dabei soll die Frage beantwortet werden, „ob und wie die Verkehrsbelastungen im gesamten Gemeindegebiet dauerhaft reduziert werden kann“.

Die Ziele der Umgestaltung der Ortsmitte sieht Müller, der in Planung und Umsetzung noch nicht Bürgermeister war, erfüllt. Die anstehende Nachbesserung am Minikreisel an der Bahnunterführung habe sich wegen Gefahrensituationen ergeben, die Fahrradfahrer immer wieder melden. Mit den warnfarbenen, drei Zentimeter hohen Schwellen, die auf den Kreisel kommen sollen, will die Gemeinde erreichen, dass die Autofahrer nicht geradeaus über die Kreiselmitte brettern können. Die flache Mitte ist wegen der Enge des Kreisverkehrs nötig, damit auch große Lkw durchkommen, in dem sie die Mitte schneiden können.

Rücksichtnahme löst Probleme

Ein Kommentar von ZVW-Redakteur Reinhold Manz

Verachtung und sogar Hass: Das war die bestimmende Tonlage in der Diskussion im Sozialen Netzwerk Facebook zu den Plänen der Kreiselumgestaltung der Gemeinde. Mit warnfarbenen Schwellen sollen Autofahrer dazu gebracht werden, nicht einfach durch die Kreiselmitte zu fahren. Dabei entstanden in der Vergangenheit immer wieder gefährliche Situationen für Radler, die von Autos geschnitten wurden.

Egal, welche Meinung man nun zu den „Rüttelschwellen“ an sich hat. Das Problem, für das sie ein Lösungsversuch sind, ist nicht wegzudiskutieren. Zwei Winterbacher Damen waren neulich beim Ortstermin des Bauausschusses am Kreisel und berichteten, dass sie mit dem Rad mehrfach Glück hatten – und sie sind nicht die Einzigen. Sie müssen sich allerdings nun von Facebook-Kommentatoren beschimpfen und als „Deppen“ bezeichnen lassen, die gewissermaßen selbst schuld sind, wenn sie unter die Räder der Autos kommen.

Die ganze Kommentarflut auf Facebook, auch die Kritik an der Ortsmitte an sich, ob sachlich oder unflätig, durchzieht eine Grundhaltung: Autofahrer brauchen freie Fahrt, und zwar überall. Radfahrer oder Fußgänger sind dabei nur störende Hindernisse. Dazu muss man einfach ganz hart sagen: Auf so einer ignoranten Grundlage kann man mit niemandem ernsthaft über Gestaltungsfragen der Ortsmitte reden.

Es stellt sich zudem die Frage, ob gegen derart blanke Ignoranz Maßnahmen wie Warnschwellen überhaupt helfen. Klar ist: Würden alle im Verkehr mehr Rücksicht aufeinander nehmen und sich mit weniger Egoismus begegnen, gäbe es solche Probleme wie am Winterbacher Kreisverkehr gar nicht.