Winterbach

Wann der Radschnellweg durchs Remstal kommt und warum in Winterbach nicht alle den Verlauf mitten durch den Ort gut finden

Radschnellweg
Der Radschnellweg RS 1 in Mülheim an der Ruhr. © Jochen Tack/Picture Alliance

Nach der Vorberatung hat sich der Winterbacher Gemeinderat jetzt auf eine Trasse für den geplanten Radschnellweg festgelegt. Dieser soll wie eine Art Bundesstraße für Radler zwischen Fellbach und Schorndorf verlaufen. In Winterbach führt die beschlossene Strecke mitten durch den Ort. Ein echter Paradigmenwechsel: Radfahrer bekommen dort deutlich mehr Rechte als bisher. Die CDU-Fraktion war dagegen und wollte den Schnellweg lieber nach weiter draußen verlegen.

Was ist der Radschnellweg und wann kommt er?

Radschnellwege werden derzeit in ganz Baden-Württemberg geplant, im Rems-Murr-Kreis sind es zwei: ein landkreisübergreifender zwischen Waiblingen und Ludwigsburg und einer zwischen Fellbach und Schorndorf. Auf diesen sollen die Radler schnell vorankommen – aber ausdrücklich nicht rasen, höchstens mit Tempo 30. Dafür müssen die Strecken vom Landesverkehrsministerium festgelegte Qualitätsstandards erfüllen, zum Beispiel einen guten Belag haben, eine Breite von vier Metern oder eine Trennung von anderen Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern. Die Radler sollen an Knotenpunkten bevorrechtigt und weitgehend kreuzungsfrei mit wenig Verlustzeiten vorankommen.

Diese Standards müssen auf mindestens 80 Prozent der Strecke erfüllt sein. Nur dann gibt es eine Förderung von Bund und Land, bis zu 87,5 Prozent der Kosten könnten so finanziert werden. Die Baulast teilen sich Land und Kreis, Kommunen mit mehr als 30 000 Einwohnern sind für die Strecken innerorts selbst verantwortlich. Für die Trasse zwischen Fellbach und Schorndorf rechnen die Planer mit Kosten von rund 32 Millionen Euro. 2800 Radfahrer könnten dort in den am meisten frequentierten Abschnitten täglich unterwegs sein, so die Prognose.

Allerdings ist das Projekt noch in einem frühen Stadium der Planung. Es existiert eine Machbarkeitsstudie für verschiedene Streckenverläufe, und derzeit ist die Stabsstelle Radwege des Landkreises dabei, die Planungen in den Gemeinderäten vorzustellen und mit den Gemeinden abzustimmen. Erst dann wird detaillierter geplant und untersucht, ob die Trassen wirklich funktionieren, welche Umbauten nötig sind und welche Kosten entstehen. Frühestens 2023/24 ist damit zu rechnen, dass die ersten Abschnitte der Schnellwege im Rems-Murr-Kreis realisiert werden, so heißt es.

Wie soll die Schnellweg-Trasse durch Winterbach verlaufen?

Der Winterbacher Gemeinderat hat sich mit großer Mehrheit für eine Trasse entschieden. Sie verläuft von Remshalden kommend südlich der Rems, an der Kläranlage vorbei über die Remsstraße in den Ort hinein, dann über den Kreisverkehr in die Mühlstraße und über die Heinrichstraße in den Langen Weg, über die Ostlandstraße hinweg durch das Hochwasserrückhaltebecken Richtung Schorndorf-Weiler.

Die Straßen, über die der Schnellweg innerorts führt, sollen zu Fahrradstraßen werden, die Autos, Motorräder und Lastwagen zwar weiterhin nutzen dürfen, auf denen Radler aber gleichberechtigt sind und mitten auf der Straße fahren dürfen. Teilweise fallen Parkplätze am Fahrbahnrand weg. Außerorts sind für den bisher von Fußgängern und Radfahrern gleichermaßen genutzten Weg südlich der Rems ein Ausbau und eine Trennung nötig, damit jeder seinen eigenen Bereich für sich hat – was viele sogar als Vorteil sehen, weil dort an der Rems oft viel los ist und es zu Konflikten zwischen Fußgängern und Radlern kommt, die mehr werden, je mehr flotte E-Biker dort entlangdüsen.

Wo liegen die Knackpunkte des gewählten Streckenverlaufs?

Einen Knackpunkt bei der weiteren Planung der Trasse sehen Planer und Gemeinderäte am Kreisverkehr, an dem der Schnellweg die vielbefahrene Ortsdurchfahrt (Ritter- und Bachstraße) überquert. Genauso ist die Querung der Ostlandstraße am östlichen Ortsrand ein offener Punkt: Wie kommen die Radler dort sicher drüber, wo die Autofahrer bisher mit 70 durchrauschen dürfen? Und auch eine Verlegung des Wertstoffhofs in der Remsstraße könnte nötig werden – was die Gemeinde aber ohnehin anstrebt und was durch den Schnellweg beschleunigt umgesetzt werden könnte, so die Hoffnung von Bürgermeister Müller.

Warum wollte die CDU-Fraktion einen anderen Streckenverlauf?

Die Winterbacher CDU-Fraktion favorisierte eine andere Trassen-Variante für den Radschnellweg. Diese wäre nördlich der Rems von Remshalden her auf der Fabrikstraße durchs Gewerbegebiet in den Ort gekommen, sie hätte dann den Kreisverkehr an den B-29-Zu- und Abfahrten gequert, um über die Ostlandstraße den Ortsrand zu erreichen. Dann wären zwei mögliche Anschlüsse nach Schorndorf denkbar gewesen, entweder weiter nördlich der Rems über den Tuscaloosa-Kreisel oder südlich vorbei an der Kläranlage.

Aus vier Gründen war die CDU-Fraktion für diese Variante, wie Gemeinderat Bernd Koppitz darlegte:

  • Die Trasse sei „die schnellste und kürzeste Verbindung mit den wenigsten Knotenpunkten“, also mit wenigen Kreuzungen.
  • Sie habe „das geringste Konfliktpotenzial zwischen Rad-, Fußgänger- und Autoverkehr“.
  • Sie sei die „ideale Anbindung für Berufspendler, weil sie direkt durchs Industriegebiet führe“.
  • Und mit der Trasse „fallen weniger Parkplätze im Wohngebiet weg“.

Warum folgten die anderen Fraktionen der CDU-Argumentation nicht?

CDU-Gemeinderat Bernd Koppitz hat die Knackpunkte der von seiner Fraktion favorisierten Trassenführung selbst benannt (wobei er betonte, es gebe bei allen untersuchten Varianten „Herausforderungen“), zum Beispiel die Frage: Wie kommt man über den Kreisverkehr an der B 29? Eine Unter- oder Überführung sei dazu die beste Lösung. Das sei zwar teuer, aber zum Ausgleich könne man auf eine Überführung am Bahnhof in Schorndorf-Weiler verzichten, wie sie bei anderen Trassen nötig sei. Das Problem mit dem Schwerlastverkehr in der Fabrikstraße sei auch bei der Variante gegeben, die über Rems- und Mühlstraße führe, so Bernd Koppitz. Die von anderen befürchteten Konflikte mit der in Zukunft anstehenden Erweiterung des Gewerbegebiets im Westen von Winterbach sieht die CDU-Fraktion nicht, da es dafür noch keine konkreten Pläne gebe und beide Projekte so noch gut „in Einklang“ zu bringen seien.

Die übrigen Gemeinderatsfraktionen sind anderer Meinung. Andreas Uetz (BWV) sagte in der Vorberatung zum Thema im Bauausschuss, für ihn habe die innerörtliche Variante, für die sich die Mehrheit aussprach, „die wenigsten Gefahrenquellen“. Dagegen habe man in der Fabrikstraße viele solche „Gefahrenquellen“. Uetz und auch andere sahen im Gegensatz zur CDU auch durchaus mögliche Konflikte mit dem Gewerbegebiet, das im Westen von Winterbach irgendwann noch erweitert werden soll.

Für Klaus-Dieter Völzke (SPD) ist das „Gefahrenpotenzial“ auf der von der CDU favorisierten Strecke ein „No-Go“. Den gleichen denglischen Begriff – zu Deutsch in etwa: „Das geht gar nicht“ – verwendete Heidemarie Vogel-Krüger (Grüne), für die nötige Querung des B-29-Kreisverkehrs. Wichtig sei außerdem, so Vogel-Krüger, „dass der neue Radschnellweg am geplanten Baugebiet Riedwiesen vorbeigeht, dass die neuen Bürger zu ihren Arbeitsplätzen kommen“. Die Grünen-Rätin plädiert für ein Umdenken: Die Radwege sollten nicht mehr irgendwo außerhalb des Orts vorbeiführen. „Die gesellschaftliche Veränderung ist so, dass man den Radfahrer mit ins Verkehrsleben einbinden muss, man muss zukünftig miteinander fahren.“ Sprich: Die Autofahrer müssen ihr Monopol auf die Nutzung der Straßen im Ort aufgeben.

Nach der Vorberatung hat sich der Winterbacher Gemeinderat jetzt auf eine Trasse für den geplanten Radschnellweg festgelegt. Dieser soll wie eine Art Bundesstraße für Radler zwischen Fellbach und Schorndorf verlaufen. In Winterbach führt die beschlossene Strecke mitten durch den Ort. Ein echter Paradigmenwechsel: Radfahrer bekommen dort deutlich mehr Rechte als bisher. Die CDU-Fraktion war dagegen und wollte den Schnellweg lieber nach weiter draußen verlegen.

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