Winterbach

Warum Naturschützer Fundamentalkritik am geplanten Baugebiet "Riedwiesen" üben, in dem einmal bis zu 500 Menschen wohnen sollen

Riedwiesen Naturschützer
Eva-Maria Gideon und Rudolf Berkemer von der BUND-Ortsgruppe Schorndorf und Umgebung stehen auf dem Damm des Hochwasserrückhaltebeckens zwischen Winterbach und Schorndorf-Weiler, auf der Wiese im Hintergrund soll ein großes neues Wohnviertel entstehen. © Reinhold Manz

Das Baugebiet „Riedwiesen“ im Osten von Winterbach soll in den kommenden Jahren die Winterbacher Einwohnerzahl von rund 7500 auf 8000 anwachsen lassen. Ein großer Sprung, gibt auch Bürgermeister Sven Müller zu, aber wir brauchen ihn: für viele, viele Wohnungssuchende und als Gemeinde, um die Infrastruktur zu erhalten. Umwelt- und Naturschützer sehen das komplett anders. Es geht um die Frage: Wie viel Wachstum wollen, wie viel können wir uns als Gesellschaft mit den begrenzten Ressourcen dieser Welt noch leisten?

Die Antwort von Eva-Maria Gideon auf diese Frage ist ziemlich eindeutig: am besten gar kein Wachstum. „Wir müssen umdenken“, sagt die Schorndorferin, die Mitglied der BUND-Ortsgruppe Schorndorf und Umgebung ist. Umdenken, das heißt für sie auch: global denken, über den eigenen Tellerrand hinaus: „Die Leute sagen: Ich will bloß mein Häusle. Und die Gemeinde sagt: Ich will bloß ein bissle wachsen.“ Doch der "Bauboom" laufe "ohne Rücksicht auf Verluste", währenddessen komme die Welt durch Umweltzerstörungen und Klimawandel an „Kipp-Punkte“, die die Vernichtung der Lebensgrundlagen auf dem Planeten unumkehrbar machen.

Und unumkehrbar sei auch der Verlust lokal betrachtet, wenn so eine Wiese wie am Ortsrand von Winterbach mal zugebaut sei. Sie sei dann verloren für Menschen und Natur. „Eine Handvoll Erde enthält mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Welt gibt“, sagt Eva-Maria Gideon.

Die „Riedwiesen“ seien wertvoller Boden, betont auch Rudolf Berkemer, Vorstandssprecher der BUND-Ortsgruppe Schorndorf und Umgebung. Der BUND meint: Die Bürger sollten gefragt werden, was sie in den „Riedwiesen wollen. Zum Beispiel sei statt einer Wohnbebauung eine Nutzung für Bürgergärten denkbar. Gärten seien Lernorte für Kinder, dort entstünden nachbarschaftliche Beziehungen, sagt Eva-Maria Gideon. „Mein Garten hat mich durch die Corona-Zeit gebracht, ich bin nicht depressiv geworden.“

„Ungezügelter Verbrauch unserer endlichen Ressource Boden“

Die Kritik an den Plänen der Gemeinde Winterbach für das Gebiet „Riedwiesen“ hat der BUND auch in einer Stellungnahme zum Bebauungsplan-Vorentwurf artikuliert und Widerspruch dazu eingelegt. Darin schreiben die Naturschützer von einer „ungezügelten Bebauung“ mit einer „verkürzten Öffentlichkeitsbeteiligung“ und der „Hintanstellung der Natur- und Umweltbelange". Das Baugebiet trage zum „ungezügelten Verbrauch unserer endlichen Ressource Boden bei und widerspricht damit massiv dem Nachhaltigkeitsgedanken“.

Darin steckt die Kritik, dass die Gemeinde für die „Riedwiesen“ den Paragraf 13b des Baugesetzbuches nutzen will. Dieser wurde im Zuge der Flüchtlingskrise eingeführt, um dem grassierenden Wohnungsmangel zu begegnen. Der Paragraf erleichtert es, im Außenbereich von Kommunen Baugebiete mit weniger als 10 000 Quadratmetern Fläche auszuweisen, ohne eine aufwendige Umweltprüfung und einen Ausgleich für Eingriffe in die Natur, wie sie sonst nötig wären. Dieser Paragraf galt bis 31. Dezember 2019, die Gemeinde Winterbach hat noch rechtzeitig vorher den Aufstellungsbeschluss im Gemeinderat gefasst.

Was sagt der Bürgermeister zur Kritik der Naturschützer?

Der Vorstoß der lokalen Naturschützer zum Winterbacher Baugebiet kommt zu einem frühen Zeitpunkt. Es gibt bisher nur einen Entwurf für den Bebauungsplan, und es läuft die sogenannte frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit. Darin können Verbände wie der BUND, Behörden, aber auch Bürger zum Planentwurf Stellung nehmen und Einwände vorbringen. Bürgermeister Sven Müller will auf Anfrage nicht näher auf die Einwände des BUND eingehen, weil er sagt: „Es ist der falsche Zeitpunkt, darüber zu diskutieren.“ Die Abwägung der eingegangenen Stellungnahmen sei nicht ihm als Bürgermeister, sondern dem Gemeinderat vorbehalten, dem wolle er nicht vorgreifen. Dieses Jahr würden der Bebauungsplan und die Einwendungen dazu nicht mehr im Rat behandelt, erst Anfang 2021 soll das Thema auf der Tagesordnung stehen. Dann werde man auch von Seiten der Verwaltung auf alle Stellungnahmen ausführlich eingehen, und es sei dann am Gemeinderat, zu entscheiden, ob und wie Änderungen vorgenommen werden.

Ohne neues Baugebiet schrumpft Winterbach

Ganz grundsätzlich steht der Bürgermeister zu seinen schon in den vergangenen Gemeinderatssitzungen und in der Bürgerinfo-Veranstaltung in der Salierhalle getätigten Begründung für das Baugebiet. Seit fast 15 Jahren habe die Gemeinde kein größeres Gebiet zur Wohnbebauung mehr ausgewiesen und nur punktuell im Innenbereich nachverdichtet. Jetzt sei es höchste Zeit für einen „großen Wurf“. Der Druck sei groß, viele Menschen auf der Suche nach einer Wohnung oder einem Bauplatz, auch in Winterbach sei die Zahl der Arbeitsplätze gestiegen. Wolle Winterbach nicht riskieren, dass die Einwohnerzahl entscheidend sinke, dann brauche es Wachstum, um bestehende Infrastruktur wie Kindergärten weiter auszulasten und Nachwuchs für das Vereinsleben zu bekommen.

Und Müller sagt auch klar: „Mehr Innenverdichtung geht nicht.“ Solange Eigentümer von leerstehenden Häusern oder brachliegenden Grundstücken keine Anstalten machen würden, diese auf den Markt zu bringen, könne die Gemeinde nichts tun.

Der BUND rechnet jedoch damit, dass aufgrund des hohen Anteils von Menschen über 70 in den nächsten 15 Jahren bis zu 660 Wohnungen in Winterbach frei werden könnten. Außerdem weist er darauf hin, dass auch umliegende Kommunen wie Schorndorf in großem Umfang neuen Wohnraum schaffen. Das reiche, um auch den Winterbacher Bedarf zu decken. Eva-Maria Gideon spricht außerdem von einer drohenden „Blase“. Die Corona-Krise werde noch schwere Folgen haben, sie fürchtet, dass Familien sich fürs Eigenheim verschulden und dann in Not geraten.

Das Baugebiet „Riedwiesen“ im Osten von Winterbach soll in den kommenden Jahren die Winterbacher Einwohnerzahl von rund 7500 auf 8000 anwachsen lassen. Ein großer Sprung, gibt auch Bürgermeister Sven Müller zu, aber wir brauchen ihn: für viele, viele Wohnungssuchende und als Gemeinde, um die Infrastruktur zu erhalten. Umwelt- und Naturschützer sehen das komplett anders. Es geht um die Frage: Wie viel Wachstum wollen, wie viel können wir uns als Gesellschaft mit den begrenzten Ressourcen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper