Winterbach

Was Einzelhändler in Winterbach und Remshalden rund um den Neustart nach dem Lockdown ärgert

Raithle
Hans-Jürgen Raithle (Mitte) bleibt optimistisch – auch aus Prinzip © Gabriel Habermann

„Als vorhin das Türglöckchen zum ersten Mal gebimmelt hat, waren wir alle ganz aufgeregt“, berichtet eine Mitarbeiterin des Schuhhauses Sommer in Winterbach lachend. Allerdings – nicht der erste Kunde hatte die Tür zum Bimmeln gebracht, nur die Kollegin hatte getestet, ob die Glocke auch wirklich funktioniert. Alle sind froh, dass es endlich wieder losgeht, dass die Kunden wieder im Laden bummeln können, statt in Eiseskälte auf einer Bank vor dem Laden in bestellte Schuhe hineinzuschlüpfen. „Das war auch einfach sehr unbequem und umständlich“, findet Karol Brojacz, Inhaber des Schuhgeschäftes an der Winterbacher Hauptstraße. Zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen hat er das Geschäft in den vergangenen Tagen frühlingsfrisch gemacht. „Geschlossen haben wir ja im tiefsten Winter, jetzt will keiner mehr warme Schuhe und Stiefel sehen.“ Und er wartet nun auf die neue Kollektion im blitzeblank geputzten und frisch dekorierten Laden.

Raithle: „Wir müssen lernen, mit der Krankheit zu leben“

Auch Hans-Jürgen Raithle freut sich auf seine Kunden. Für sein Winterbacher Modehaus hat er heute Morgen noch frische Blumen gekauft, um Frühling und Optimismus auf die Ladentheke zu zaubern. Das ist ihm wichtig: Trotz zweier Lockdowns in den vergangenen zwölf Monaten, trotz Kurzarbeit und teils unverkaufter Winterkollektion, ist er fest dazu entschlossen, nach vorne zu blicken. Er will entspannt bleiben. „Wir müssen einfach lernen, mit der Krankheit zu leben und mit der veränderten Situation umzugehen“, erklärt er seine Haltung.

Gut findet er, dass es jetzt eine klare Regelung gibt, was ab welcher Inzidenz zu tun ist. Er geht aber davon aus, dass womöglich in den nächsten Tagen noch an der ein oder anderen Stelle nachjustiert werden könnte. Schließlich kratze man aktuell schon sehr knapp an der 50er-Inzidenz, was am Ende die Läden dazu zwingen könnte, immer wieder in den „Click und Meet“-Modus überzugehen. „Aber dann vergeben wir eben Termine zum Einkaufen.“

Grundsätzlich sei’s aber nur positiv, dass endlich wieder mehr erlaubt ist. „Es wird Frühling und die Menschen sind hungrig, sie wollen wieder raus.“ Drum hofft er auch für die Selbstständigen in der Gastronomie, dass sie bald unter gewissen Auflagen wieder in den Betrieb starten können. Diesbezüglich könne er nicht verstehen, dass die Politik die Zeit im Sommer nicht ausreichend genutzt habe, um herauszufinden, wo konkret die Ansteckungen wirklich passierten. „Und dann musste man im November mit dem Holzhammer draufhauen.“ Das Ergebnis seien Maßnahmen, die gewaltige Kollateralschäden mit sich gebracht hätten. Raithle hätte sich gewünscht, dass früher genauer hingeguckt worden wäre und dort, wo die Hygienekonzepte funktionierten, auch der weitere Betrieb erlaubt gewesen wäre. Immerhin - etliche Unternehmer hätten reichlich investiert, um all die geforderten Hygieneauflagen einhalten zu könne.

Die wenigsten haben ein zweites Mal mit Ladenschließungen gerechnet

Und was ihn betrifft - auch er habe sich im Herbst, als er die Frühjahrskollektion eingekauft hatte, die nun in den Auslagen zu sehen ist, auf die Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn verlassen. Immerhin hatte der verkündet, dass mit den Erfahrungen vom Frühjahr 2020 solch flächendeckende Ladenschließungen nicht mehr angeordnet werden würden. „Die wenigsten von uns haben damit gerechnet, dass wir noch mal zumachen müssen“, erklärt er. „Natürlich hat man schon etwas vorsichtiger investiert als sonst“, erklärt der Geschäftsmann. „Aber man braucht auch eine gewisse Auswahl.“ Das erwarteten die Kunden zu Recht in seinem Bekleidungshaus.

Bei allem Optimismus macht er sich aber auch Sorgen. „Wir haben schon 20 Prozent des gesamten Jahres geschlossen gehabt.“ Das hinterlasse natürlich auch Spuren. Da gehe es ihm nicht anders als weiteren Kollegen der Branche. „Der stationäre Einzelhandel ist in massiver Bedrängnis.“ Schon seit der Schließung der Gastronomie im November sei der Kundenstrom so gut wie abgeschnitten gewesen. Er wagt einen Vergleich: „Wir sind wie ein Patient, der im Krankenhaus in der Horizontalen liegt und kurz vor der Einlieferung auf die Intensivstation steht.“ Er tue alles, um das Modehaus zu stabilisieren, für seine Mitarbeiter, seine Kunden und natürlich auch für die Familie. Allerdings hofft er auch, dass die zugesagten Überbrückungshilfen endlich ausgezahlt werden.

Peter Kübler von E+E Spielwaren in Remshalden ist gar nicht gut zu sprechen auf die Entscheidungsträger der Politik. „Das ist so ein Kinderkram“, ärgert er sich unverhohlen. „Wenn ich mich so in meiner Firma verhalten würde, das wäre unmöglich.“ Was ihn konkret stört? Die Ansagen, was als Nächstes passiere, seien ihm zu kurzfristig gekommen. Gerade das Hin und Her der vergangenen Wochen habe ihn sehr frustriert. Dazu komme die schwierige Festlegung auf Grenzwerte.

Mit seinem Geschäft allerdings sei er bislang gut durch die Krise gekommen. „2020 war bei uns das beste Jahr seit langem“, erklärt er. Nachdem für viele der Jahresurlaub pandemiebedingt ins Wasser gefallen sei, hätten seine Kunden in Spielwaren, aber auch in Modellbahnen und Rennstrecken investiert. „Wir haben so viele Einsteiger-Sets verkauft wie sonst nie.“ Etliche Kunden hätten auch während der Kurzarbeits-Regelung viel mehr Zeit gehabt, mit Funkautos durch die Gegend zu fahren oder Holzhäuschen für die Modelleisenbahn zu kleben. Inzwischen könne man bei den Regalen im Laden teilsweise schon die Rückwand sehen. Das sei schon lange nicht mehr geschehen, liege aber auch zum Teil daran, dass die Lieferanten nicht mehr hinterherkommen.

Wie’s kommt? Bei manchen Herstellern hat sich in der Krise ein Produktionsstau ergeben. Zum anderen kann Ware aus Fernost nicht geliefert werden. Dort werden zwar ausreichend Produkte hergestellt, aber die Warenlogistik ist im Rahmen der Krise zusammengebrochen. Es fehlt an leeren Containern, mit denen die Waren nach Europa geliefert werden könnten. Drum ist Kübler, dessen Familie größtenteils im Geschäft mitarbeitet, froh, zeitig mutig eingekauft zu haben. Er ist frohen Mutes: „Wir überleben das Ganze sicher.“

„Als vorhin das Türglöckchen zum ersten Mal gebimmelt hat, waren wir alle ganz aufgeregt“, berichtet eine Mitarbeiterin des Schuhhauses Sommer in Winterbach lachend. Allerdings – nicht der erste Kunde hatte die Tür zum Bimmeln gebracht, nur die Kollegin hatte getestet, ob die Glocke auch wirklich funktioniert. Alle sind froh, dass es endlich wieder losgeht, dass die Kunden wieder im Laden bummeln können, statt in Eiseskälte auf einer Bank vor dem Laden in bestellte Schuhe hineinzuschlüpfen.

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